DIE LINKE Reinickendorf unterbreitet ihre Vorschläge zur Nachnutzung des Flughafens Tegel
DIE LINKE Reinickendorf begrüßt prinzipiell den Vorschlag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Nachnutzungsplanungen für den Flughafen Tegel unter das Motto „Forschungs- und Industriepark TXL“ zu stellen. Der bisherige Planungsprozess war transparent und weitgehend ergebnisoffen, ließ aber die Bürgernähe nur unzureichend zu. Insbesondere die Befürchtungen und Sorgen der betroffenen Anwohner der Cité Pasteur wurden bisher nicht aufgegriffen.
Gleichwohl ist es nunmehr an der Zeit konkrete politische Vorgaben, die für ein Nachnutzungskonzept grundlegend sein sollen, in den öffentlichen Raum zu geben und dort zu diskutieren. Zu klären wären zumindest die Fragen,
- welche Richtung von Forschung und Innovation eingeschlagen werden soll
- welcher Art und Größe einer Industrieansiedlung gewünscht wird
- wie die Belange des Klima- und Umweltschutzes Berücksichtigung finden können.
Hier ist Politik gefordert, muss der demokratische Planungsprozess weiterführt werden.
DIE LINKE Reinickendorf knüpft mit ihren Vorschlägen und Anregungen zu Nachnutzungs-konzepten für den Flughafen Tegel u. a. bei den Prämissen an, die der Architekt des Terminals Prof. Meinhard von Gerkan schon auf der 1. Standortkonferenz formuliert hat. Sinngemäß stellte er die Frage „Was braucht diese Welt heute?“ an den Anfang eines nachhaltigen Planungsprozesses. Wir begrüßen und teilen diese Herangehensweise ausdrücklich.
Angesichts des fortschreitenden Klimawandels muss die Menschheit die Frage nach dem menschengemachten Anteil an der Klimaerwärmung lösungsorientiert beantworten. Insbesondere spielen die CO2-Emissionen und der Ressourcenverbrauch wesentliche Rollen. Klima- und Natur-schutz, Verminderung von produktionsbedingten Emissionen müssen bei allen gewerblichen oder industriellen Planungen unbedingt Berücksichtigung finden. Die Verantwortung insbesondere der Großstädte der so genannten westlichen bzw. nördlichen Hemisphäre für die globalen CO2-Emissionen muss ihre Anerkennung in der Entwicklung von Konzepten zur Emissionsvermeidung und -reduzierung finden. „Die Stadt der Zukunft“ steht auf der Agenda moderner Stadt- und Landschaftsplanung.
Hier kann und sollte die konzeptionelle Nachnutzungsdebatte für das Flughafenareal ansetzen. Die ausschließliche Konzentration auf eine vermeintliche Verwertbarkeit der Flächen am „Markt“ und auf Wachstumschancen für Umsatz und Beschäftigung bieten keine belastbare Grundlage für den von der LINKEN angestrebten sozial-ökologischen Umbau von Wirtschaftsaktivitäten und Gesellschaft.
Berlin kann und sollte an dieser Stelle eine Vorreiter- und vor allen Vorbildfunktion anstreben. Der Standort Tegel bietet mit dem Terminal als Ausgangspunkt jeder Planung und die Nutzungsbeschränkung auf die bereits versiegelten Flächen einzigartige Voraussetzungen. Lebensräume, d. h. sowohl Freizeit- als auch Arbeitsräume können exemplarisch (wieder) zusammengeführt werden.
Unsere Vorschläge im Einzelnen:
Energieeffiziente, zukunftsweisende Bebauung sichern
Eine großflächige industrielle und gewerbliche Nutzung lehnt DIE LINKE ab. Bei den Bebauungs- und Strukturplanungen sind unbedingt ökologische und Naturschutzbelange zu berücksichtigen. Der Erhalt der für die Frischluftversorgung Berlins relevanten Kaltluftschneise ist in jedem Fall zu garantieren.
Wohnbebauung sollte bei den Nachnutzungsplanungen nur eine untergeordnete Rolle spielen und sich ggf. auf die Übergangs- und Randflächen beschränken. Die Vorschläge von Prof. von Gerkan, die, bezogen auf eine „Sustainable City“ eine Bebauung mit Energie-Plus-Häusern vorsehen, sollten bei jeglicher Wohn-, aber auch gewerblich oder industriell genutzten Neu-Bebauung unbedingt Berücksichtigung finden.
Die Cité Pasteur am südöstlichen Rand des Areals ist in ihrem Bestand vollständig zu erhalten. DIE LINKE sieht keine Gründe, die einen ersatzlosen Abriss rechtfertigen würden. Das Wohngebiet ist in die Planungen, auch die Änderung der Flächennutzungsplanes, einzubeziehen.
Die Cité Guynemer am nördlichen Rand sollte in die Gestaltungsplanungen der Übergangsflächen einbezogen werden. Instandhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen könnten unter den Vorzeichen seniorengerechtes und generationsübergreifendes Wohnen vorgenommen werden.
Die an das Flughafenareal angrenzenden Kleingartenanlagen dürfen in ihrem Bestand nicht gefährdet werden.
Natur bewahren, erneuerbare Energien nutzen
Der Naturraum ist zu bewahren und zu schützen. Die ökologischen Belange des Areals müssen berücksichtigt werden. Zwischennutzungen, auch im Sinne einer „Natur auf Zeit“, die den Erfordernissen des Natur- und Umweltschutzes entsprechen, sind auch im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Aktivitäten denk- und umsetzbar.
Die Nachnutzungsplanungen sollten sich auf die bereits versiegelten Flächen durch bereits bestehende Gebäude und die Landebahnen beschränken.
Für die vorgesehenen Aufforstungen schlägt DIE LINKE vor, das in Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich praktizierte und bürgernahe Konzept der „Waldaktie“ zu prüfen. Ebenfalls zu prüfen wäre das Konzept „Trinkwasserwald“.
Die Energieversorgung muss auf eine Art und Weise konzipiert werden, dass sie auf eine autarke Grundlage gestellt werden kann. Sie ist zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen zu planen. Alle heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (Solarenergie, Windkraft, Biogas, Erdwärme) können auf dem Gelände in ergänzender und vorbildlicher Weise zum Einsatz kommen.
Modernes Wirtschaften und Arbeiten entwickeln
Das Leitziel „Innovations- und Entwicklungszentrum“ sollte nach Auffassung der LINKEN in den Fokus der Planungen für die Nachnutzung des Terminals gestellt werden. Alle Planungen sollten von diesem Gebäude ausgehen und sich dann in die Fläche entwickeln.
Die Ansiedlungen von Unternehmen, Vereinen und Organisationen, die sich mit den Themen Zukunftstechnologien, Erneuerbare Energien und Umweltforschung beschäftigen, sollten offensiv beworben und sowohl politisch als auch finanziell gefördert werden. Vorstellbar wäre u. a. das Angebot einer Mietfreiheit von bis zu zehn Jahren sowie planerische und logistische Unterstützung.
Die disziplinübergreifende Zusammenarbeit aller im Terminal arbeitenden Betriebe und Organisationen sind entsprechend dem räumlichen Angebot, das das Terminal-Gebäude anbietet, zu fördern und ggf. zu fordern. Alternative Nutzungs- und Eigentumsformen, die sich konzeptionell für die Umsetzung der vorzugebenden Inhalte eignen, sind zu prüfen.
Bei den Planungen ist zu beachten, dass die entstehenden Arbeitsplätze nicht nur Unternehmensverlagerungen und –Erweiterungen innerhalb der Stadt entspringen. Hier wäre in jedem Fall zu prüfen, ob nicht alternative Flächen in Berlin zur Verfügung stehen.
Der Leitsatz „Gute Bezahlung für gute Arbeit“ sollte bei der Auswahl von potentiellen Investoren nicht fehlen. Industrielle und gewerbliche Arbeitsplätze müssen heutzutage dem Prinzip der Nachhaltigkeit entsprechen. Der „Markt“ regelt dies nicht. Wir erwarten politische Vorgaben, die zukunftsfähiges Wirtschaften möglich machen.
Mobilität für alle, ÖPNV und Klimaschutz stärken
Ein inhaltlicher Schwerpunkt für die Nachnutzung des Terminals und des Areals sollte nach Auffassung der LINKEN auf die Weiterentwicklung von innovativem Know-How zu Elektromobilitäts-Konzepten gelegt werden. Hierbei sind die klimapolitischen Erfordernisse zu beachten. Dies bedeutet, DIE LINKE unterstützt keine ausschließliche Konzentration auf die Förderung von E-Mobilität, die sich auf den Motorisierten Individualverkehrs (MIV) konzentriert. Die Elektrifizierung des MIV wirkt kontraproduktiv. Elektro-PKW sind nur als Ergänzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in urbanen Räumen sinnvoll.
Als Konsequenz schlägt DIE LINKE vor, bis 2015 ein zukunftsfähiges, soziales und ökologisches Verkehrskonzept zu entwickeln, das den Anforderungen einer modernen und nachhaltig entwickelten Metropole entspricht und beispielhafte Ausstrahlungskraft in die Welt hat.
Aufbauend auf dem im Vergleich mit anderen deutschen Städten guten Angebot in Berlin schlagen wir die konzeptionelle Entwicklung eines auf post-fossiler Basis und sozial ausgerichtetem ÖPNV für den urbanen Raum und umgebende Bereiche vor. Als Ziel ist das Angebot eines unentgeltlichen ÖPNV in Berlin sowie mindestens den so genannten Speckgürtel ins Auge zu fassen. Dies bedingt selbstverständlich eine entsprechende Koordination und Kooperation mit dem Land Brandenburg.
Bildungsangebote unterbreiten
DIE LINKE schlägt vor, auf dem Gelände und im Terminal in vorbildlicher Weise die Aspekte von Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Kitas, Schulen, Hochschulen, Betriebe und Gewerkschaften in Verbindung mit Forschung und Entwicklung zu berücksichtigen. Die Akzeptanz, die ein umfassender Natur- und Klimaschutz erfordert, hängen in hohem Maße vom Bildungsstand der Bevölkerung ab. Dem kann und muss Rechnung getragen werden. Letztlich sollen Wege zu einem sozial-ökologischen Umbau von Gesellschaft und Industrie erkennbar werden.
Anbindung und Mitspracherechte der Bürgerinnen und Bürger sichern
Die verkehrstechnische Anbindung des Areals ist auch in der Planungs- und Übergangsphase weiterhin zu gewährleisten und klima- und umweltfreundlich zu gestalten. Vorstellbar wären als Übergangsangebot kleinere, ggf. elektrobetriebene Busse. Langfristig könnte allerdings einer Straßenbahn- und/oder Hochbahnanbindung Planungsvorrang gewährt werden.
Letztlich sind die demokratischen Mitsprache- und Mitwirkungsrechte der Bürgerinnen und Bürger im Sinne der konstatierten Relevanz der Nachnutzungsdebatte um den Flughafen Tegel im Planungs- und Entwicklungsprozess zu sichern und deutlich zu verbessern. Denkbar sind Mieterversammlungen in den unmittelbar betroffenen Gebieten (Einflugschneise, Umgebungs-Bebauung) und lokale Informationsangebote, um Mitsprache und Einflussnahme der Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen.