Im nördlichen Umland der Hauptstadt, bei Stolpe, steht ein Stein mitten im Wald. Kein erkennbarer Weg führt an diesen Ort. Wer dorthin gelangen will, muss sich vom Waldrand aus einige Meter durch die Büsche schlagen und steht plötzlich vor einem Stein
mit der Inschrift:
„Am 5. Mai 1918
fand hier das Treffen
der fortschrittlichen
Jugend Berlins
gegen Militarismus
und Krieg statt.“
Kaum zu glauben, dass an dieser Stelle 1918 zweitausend Jugendliche Platz fanden. Am Alter der Bäume erkennt der Betrachter, dass hier eine Lichtung war.
Und richtig. Der Stein erinnert an ein illegales Treffen der Freien Jugend Groß-Berlin. Die antimilitaristische Organisation war gerade erst im April gegründet worden. Während die SPD und die Gewerkschaften trotz des Massensterbens an den Fronten „Burgfrieden“ hielten, wollte sich das „Menschenmaterial“ nicht mit seiner „geschichtlichen Mission“ für den „Platz an der Sonne“ abzufinden. Trotz polizeilicher Verbote und Verrat trafen sich über zweitausend Mädchen und Jungen im Wald bei Stolpe, um den 100. Geburtstag von Karl Marx zu feiern. Unter ihnen waren Deserteure von den Fronten des ersten Weltkrieges. Auf einer Lichtung setzten sie sich. Der anwesende Vertreter der USPD weigerte sich, über Karl Marx zu sprechen, da er erst jetzt merkte, dass die Veranstaltung illegal sei. Daraufhin ergreift Fritz Globig vom Vorstand der Freien Jugend das Wort. In seiner Ansprache rief er die Jugendlichen unter anderem auf:„Macht‘s wie die Russen! Nieder mit dem Krieg! Es lebe die Revolution!“
Plötzlich brachen zahlreiche Gendarmen in die Kundgebung ein, verhafteten einige Jugendliche und beschlagnahmten Fahnen. Die erregten Jugendlichen ließen die Verhafteten nicht im Stich, sondern begleiteten sie in geschlossenem Zuge bis nach Stolpe. Dort erzwangen sie deren Freilassung.
Aber wann und wie kam der Stein dorthin?
Die Lehrerin Brigitte Langer, die ihn einst mit Pionieren pflegte, war bei der Einweihung dabei. Aber wann das war – 1957 oder 1958 – vermag sie nicht mehr genau zu sagen. Der ehemalige Geschichtslehrer Siegfried Katzorreck dagegen meint sich zu erinnern, dass die Einweihung im Zusammenhang mit den Weltfestspielen 1951 erfolgte. Am 5. Mai 2003 liest man in „Neues Deutschland“ diese Geschichte. Auch Max Speckhahn aus Nauen, ehemaliger Mitarbeiter an der Bezirksjugendschule „Conrad Blenkle“ in Bärenklau. Endlich können die Fragen nach dem Woher und Warum des Steins beantwortet werden. Und das sind zwei neue Geschichten.
Im Oktober 1904 gründen sich zwei Arbeiterjugendvereine. In Berlin der „Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter“ und zeitgleich der „Verein jugendlicher Arbeiter Mannheim“. Beide Ereignisse werden als offizieller Beginn der organisierten Arbeiterjugendbewegung in Deutschland gewertet. In der Bezirksjugendschule Bärenklau sieht sich die Schulleitung in dieser Tradition und sucht eine Möglichkeit, 1954 den 50. Jahrestag des Beginns der deutschen Arbeiterjugend würdig zu begehen. Im Oktober 1954 werden beide Ereignisse, der Beginn der organisierten Arbeiterjugendbewegung in Deutschland und das Treffen der Jugendlichen 1918 bei Stolpe mit der Einweihung des Steins zusammengeführt.
Das Denkzeichen selbst durchlebte Höhen und Tiefen. Großen Aufgeboten wie zum 150. Geburtstag von Karl Marx 1968 mit NVA-Ehrenposten, Fahnen und Kranzniederlegungen folgten Zeiten der absoluten Ruhe und Waldidylle. Erst 1988 zogen Schüler in den Wald, räumten Laub weg und kratzten Moos ab.
Seit 1993 wanderten jährlich im Monat Mai, organisiert durch örtliche PDS-Gruppen, interessierte Bürger, PDS-Mitglieder und Sympathisanten zum Stein. Im Jahr 2002 nahm sich der Arbeitskreis der PDS in Brandenburg und Berlin B 96 / B 96a des Steins an. Es soll und kann wieder einmal eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, Jung und Alt, Tradition und Neuem geschlagen werden.