03.08.2010
von Michael Rohr und Jürgen Schimrock
Der Bezirksvorstand der LINKEN Reinickendorf begrüßt grundsätzlich sowohl Umfang als auch Inhalt des Programmentwurfs als Debattengrundlage für die Partei.
Nachfolgend haben wir uns, um eine inhaltliche Diskussion in unserem Bezirk zu befördern, auf einige Kritikpunkte bzw. Änderungsvorschläge konzentriert, die uns zum einen wesentlich erscheinen und zum anderen kompatibel mit anderen Kritikansätzen sind.
Die Diskussion soll somit in Gang gesetzt werden.
Ein erstes Angebot des Bezirksvorstandes sind drei Diskussionstermine von September bis November 2010. Die genauen Termin werden auf der Homepage angekündigt.
Eine inhaltliche Auswertung der Diskussionen und Änderungsvorschläge an die Programmkommission werden ggf. anschließend durch den Bezirksvorstand vorgenommen.
Das Spannungsverhältnis zwischen den Begriffen Revolution und Reform sollte besser verständlich und wirklichkeitsnah dargestellt werden. Die Möglichkeiten der LINKEN als politischer Partei sind in Bezug auf parlamentarisches und außerparlamentarisches Handeln nachvollziehbar zu benennen.
Transformatorischer und emanzipatorischer Prozess sind in ihrer theoretischen Begrifflichkeit auf eine praktische Handlungsebene zu übertragen, die beispielsweise Fragen der Bündnis- und ggf. Koalitionsmöglichkeiten allgemein erfassbar macht.
Bezüglich der politischen Forderungen der Partei sind die kurz-, mittel- und langfristigen eindeutiger zu benennen um den transformatorischen Prozess auch auf dieser Ebene deutlich zu beschreiben.
Die Wende vom „Wohlfahrtskapitalismus“ zum „neoliberalen Kapitalismus“ wird im Wesentlichen mit einer „bewussten“ Entscheidung von Wirtschaft und Politik begründet. Nach unserer Einschätzung gab und gibt es aber auch ökonomische als auch technologische Prozesse (z. B. die digitale Revolution), die eine solche „Entscheidung“ befördert haben.
Der „Arbeits“-Begriff sollte in seiner historischen Entwicklung besser aufgefasst werden. Die programmatische Konzentration auf den Bereich der Erwerbsarbeit ist nicht mehr zeitgemäß. Erwerbsarbeit, gesellschaftliche bzw. Reproduktionsarbeit sind in ihrer Unterschiedlichkeit und gesellschaftlichen Relevanz zu beschreiben und nachfolgend jeweils für eine solidarische und emanzipatorische Forderung nach veränderter Einkommensverteilung zu benennen und zu würdigen. Begrifflichkeiten wie „Arbeitslosigkeit“, „Massenarbeitslosigkeit“, „Arbeitszeiten“ und „Erwerbslosigkeit“ sind zu harmonisieren, eine eindeutige Begrifflichkeit sicherzustellen.
Die weitere Diskussion bezüglich der Forderung eines bedingungslosen und sanktionsfreien Grundeinkommens sollte, wie schon in den „Eckpunkten“ programmatisch positiv erfasst und benannt werden.
In Abschnitt II, Zentralität der ökologischen Frage, fehlt der Hinweis auf die Risiken der Nutzung der Kernenergie mindestens hinsichtlich der Frage nach der Endlagerung der Brennelemente.
In Abschnitt IV, Kirchen und Religionsgemeinschaften, ist von einem „besonderen Auftrag“ die Rede. Worin soll der aus linker Sicht bestehen, wenn „Staat und Kirche getrennt (sind)“?
Der Wachstumsbegriff ist (nicht nur in der LINKEN) umstritten. Es spricht vieles dafür, dass wirtschaftliches Wachstum, zumindest unter kapitalistischen Bedingungen, nicht ohne die entsprechende Risiken hinsichtlich Klimawandel und Ressourcenschutz zu haben ist. Es ist fraglich, ob die Forderung nach einem richtig benannten sozial-ökologischen Umbau mit dem Hinweis auf „qualitatives und selektives, die Umwelt schonendes Wachstum“ kompatibel ist.
Bezüglich der inhaltlichen Kritik zu ökologischen Fragen würden wir es begrüßen, wenn diese Problematik einen höheren Stellenwert erhält, als es im Entwurf bisher der Fall ist. „Sozial-ökologischer Umbau“ muss genauer, insbesondere hinsichtlich seines ökologischen Bestandteils beschrieben werden. Hier bleibt der Entwurf hinter der „sozialen“ Komponente zurück.
Die Forderungen bzgl. einer alternativen Verkehrspolitik (Abschnitt IV, 3. Punkt) sind zu ungenau. Zu fordern wäre ein neues Verkehrskonzept, das dem ÖPNV und dem schienengebundenen Verkehr deutlichen Vorrang einräumt. Dem Anteil des Individual- und des motorisierten Straßenverkehrs an der Umweltbelastung ist Rechnung zu tragen. Ein „sozial-ökologischer Umbau der Städte“ ist ohne nachhaltige Verkehrskonzepte nicht machbar.
Die mittelfristige Forderung nach Kostenfreiheit für die Nutzer des ÖPNV ist richtig, sollte aber durch Vorschläge für eine alternative Finanzierbarkeit (z. B. steuergestützt, Mobilitätsfonds) unterlegt werden.