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totgeschwiegen...

Wir in Reinickendorf • 4/2009

Ausstellungstafeln; Fotos: Werner Wüste

Ausstellung und Assoziationen

Nämlich: unter den Teppich gekehrt, weggelogen, vergessen gemacht, bagatellisiert... Das kennt man.
„Verdrängen nützt nichts", sagte Ralph Giordano, „es bedeutet nichts anderes, als dass Vergangenheit ständig als Gegenwart vor sich her geschoben wird." Diese Mahnung stand am Ende meines letzten Beitrags für „WIR in Reinickendorf" (11/08), sie verdient es, erinnert zu werden.

Wenn man noch annehmen könnte, es sei Scham, die sich im (Ver-)Schweigen ausdrückt; aber das wäre wohl eine mehr als gutwillige Vermutung.

totgeschwiegen ist nicht der komplette Titel der Ausstellung; er wird ergänzt: 1933 – 1945. Die Geschichte der Wittenauer Heilstätten. Und ihr Inhalt ist die Umkehrung: mitgeteilt und dokumentiert wird gerade, was nicht totgeschwiegen werden darf. Eine Konsequenz also, und, behält man alle Umstände im Auge: eine mutige Konsequenz. Die seit 1988 existente Ausstellung wurde restauriert, auf neuesten Stand gebracht und zu Beginn des Jahres wiedereröffnet. Mit Recht befand Benjamin Hoff, (Staatssekretär für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, DIE LINKE), bei dieser Gelegenheit: „Viele Gedanken der Erb- und Rassenkunde waren bereits vor 1933 gedacht..." und nennt: Sterilisation, „rassen-hygienische Überlegungen", Vernichtungsprogramme. Vorhandene Konzepte für die „Ausmerzung von Minderwertigen" wurden von den Nazis umgesetzt...

Der Bezug auf bereits vor 1933 vorhandene, menschenverachtende „gesundheits"politische Ideologie ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Die ganze verlangt mindestens die Erwähnung von Streitschriften gegen ärztliche Unmenschlichkeit. Ich erinnere an Dr. Max Hodann, bis 1933 Stadtarzt in Reinickendorf (siehe WIR 3/07!); wie auch an den Schularzt Dr. Georg Benjamin aus dem Nachbarbezirk Wedding.
Sie haben „Theorien" von „lebensunwertem Leben", das vernichtet werden muss, zurückgewiesen, ebenso solche von den „Rentenschmarotzern auf Kosten der Allgemeinheit", als zynisch entlarvten sie den Vorwurf der „Versorgung von Schwerkranken, Geisteskranken, Krebskranken und Tuberkulösen", die den Staat gewaltige Summen kosten würde, „zinslos angelegtes Kapital" sei.

In den Jahren 1933 – 1945 wucherte auf den vorgefundenen „Theorien" organisierte faschistische Praxis. Auch in Reinickendorf: Zwangssterilisationen, Euthanasie, Kinder als Opfer „medizinischer" Versuche, Tötung behinderter Kinder und „lebensunwerten Lebens" in Gaskammern. Zwischen 1939 und 1945 „starb" etwa jeder dritte „Patient". Und dann auf einer der Tafeln dieser Satz: Balluf, der die Morde in Wittenau mit zu verantworten hat, erhielt im Jahre 1968 zu seinem 75. Geburtstag das Bundesverdienstkreuz.

Zufall ist nur, dass ich am selben Tag, nach Hause zurück gekehrt von der Ausstellung, in meiner Zeitung finde: „... zum Schluss ließen sie ihn in die Kante der Parkbank beißen und traten ihm auf den Hinterkopf. S. überlebte die Torturen nicht". Der andere, vor Gericht verhandelte Fall: „In einem Abrisshaus setzten sie die Quälerei fort und urinierten auf ihr Opfer, bevor sie es in der eisigen Kälte zurückließen." Auf die Frage nach dem Warum antwortete einer der Täter: "Er hat es nicht anders verdient."
Quo vadis, Deutschland? - Ich bitte sehr dringlich, über Zusammenhänge nachzudenken.

Werner Wüste


Ausstellung totgeschwiegen

Die Besichtigung der Ausstellung ist möglich in der
Vivantes-Zentrale,
Oranienburger Straße 285, 
Haus 10, Seiteneingang,
1. Obergeschoss.

 

U- und S-Bf. Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik

 

 

 

Geöffnet für Besucher ist die Ausstellung
Montag bis Freitag
von 10.00 – 13.00 Uhr

und nach Absprache per Mail:
mail@totgeschwiegen.org 

 

(Beim Pförtner erhält man eine Lageskizze, auf dem Gelände gibt es Parkmöglichkeiten.)

Links

Grußwort zur Eröffnung der restaurierten Ausstellung von Benjamin Hoff (Staatssekretär für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, DIE LINKE) 

 

humanistischer Pressedienst

 

Der Nordberliner