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Gedenken anlässlich des 77. Jahrestages des Novemberpogroms

Fotos: Lutz Dühr, Klaus Gloede

Mitglieder der Reinickendorfer LINKEN nahmen am 77. Jahrestages des Novemberpogroms an verschiedenen Gedenkveranstaltungen im Bezirk teil.

Um 13 Uhr fand eine gemeinsame Veranstaltung von VVN-BdA Reinickendorf und DIE LINKE. Reinickendorf auf der Insel Scharfenberg statt. Hier wurden die antifaschistischen Widerstandskämpfer Hans Coppi und Hanno Günther geehrt. An der Veranstaltung nahmen auch Scharfenberg-Schüler, die Schulleiterin Frau Schmidt und der Geschichtslehrer Herr Kauffmann teil.

Um 16 Uhr nahmen wir an der Ehrung von Bezirksamt und der BVV Reinickendorf am Gedenkstein vorm Rathaus Reinickendorf teil. DIE LINKE. Reinickendorf legte ein Blumengebinde am Gedenkstein und Rosen am Lidice-Rosenbeet nieder.

Um 18 Uhr nahmen wir an der vom Frohnauer Gemeindekirchenrat veranstalteten Gedenkstunde für die jüdischen Opfer am Stein vor der Johanneskirche teil.

Dokumentiert

Ansprache von Lilo Joseph (VVN-BdA Reinickendorf) auf der Gedenkveranstaltung auf Scharfenberg

Erinnern an die Opfer der Pogromnacht vor 77 Jahren

Herzlichen Dank, Frau Schmidt, dass wir uns heute auf dieser schönen und noch immer sehr gefragten Insel, der Schulfarm Scharfenberg, treffen können. Hallo und Guten Tag allen Anwesenden und besonders an Sie, Herr Kauffmann, wie schön, dass Sie dabei sein können.

Wir wollen hier an jene erinnern, die vor 77 Jahren, am 9. November 1938 Opfer eines hasserfüllten Pogroms wurden. In jener Reichskristallnacht, wie die Nazis sie bezeichneten, berauschten sich von Rassenhass getriebene SA-Horden an einer unermesslichen Zerstörungswut, demolierten jüdische Geschäfte, zündeten deren Gotteshäuser, die Synagogen, an, trieben Juden aus ihren Wohnungen, rissen sie an ihren Bärten, warfen sie auf den Boden und schlugen auf sie ein.

Der bereits Jahre zuvor immer stärker geschürte Hass auf die Juden, beschuldigt und angegriffen als Verderber und Blutsauger am deutschen Volk; auch als „raffendes Kapital“ Verunglimpfte, konnte sich in jener Nacht in rasender Gewalt und Zerstörungslust austoben. Sie gehören nicht zur deutschen Rasse, sollen weg, müssen beseitigt werden, denn sie verunreinigen die Reinheit des deutschen Blutes.
So die damaligen Parolen.

Doch warum treffen wir uns heute hier, an dieser Gedenktafel und erinnern an diese schlimmen Verbrechen? Hans Coppi und Hanno Günther waren keine Juden; nein, das waren sie nicht. Und dennoch: gerade hier unser Gedenken? Das erklärt sich aus unserem besonderen Verhältnis zu allen, die von den Nazis verfolgt, entrechtet und gar getötet wurden. Wir gehören der Reinickendorfer Gruppe der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes an, sind Nachkommen ehemals Verfolgter. Daher fühlen wir uns in besonderem Maße ihrem antifaschistischen Erbe verbunden und verpflichtet. Mit uns sind Mitglieder der Reinickendorfer Partei DIE LINKE gekommen, die sich ebenfalls diesem Erbe verpflichtet fühlen. Kein Vergessen, kein Vergeben und nie wieder solche schlimmen Verbrechen zulassen, das ist unser Anliegen!

Und darum wollen wir an diese sehr unrühmliche Nacht unserer deutschen Geschichte erinnern und dabei auch der vielen weiteren Opfer der Naziherrschaft gedenken. Besonders an jene, die dem Naziterror Widerstand leisteten. Und dazu gehörten Hans Coppi und Hanno Günther, zu ihrem Gedenken wurde im Jahr 1986 diese Tafel angebracht.

Beide lebten vor noch nicht ganz 100 Jahren auf dieser Schulfarm. Diese Schule, zu Zeiten der Weimarer Republik gegründet, folgte in ihrem Unterricht reformpädagogischen Theorien über Unterricht und Erziehung. Hans Coppi kam 1929 mit 13 Jahren auf die Insel und verließ sie im Jahr 1932. Hanno Günther zunächst im Jahr 1928 in die damals sehr bekannte Rütli-Reformschule in Neukölln eingeschult, besuchte dann ebenfalls mit 13 Jahren, also im Jahr 1934 die Scharfenberger Reformschule. Musste sie jedoch ein Jahr darauf aus politischen Gründen verlassen.
In diesen Schulen erwarben beide ihr humanistisches Gedankengut und lernten, Verantwortung fürs eigene Tun und zum Wohl der Gemeinschaft zu übernehmen.
Ihren Grundsätzen treu bleibend widersetzten sie sich der Naziideologie und leisteten Widerstand. Sie verfassten und verteilten Flugblätter in denen sie dazu aufriefen, den Krieg zu beenden und die Naziherrschaft zu stürzen. Beide gehörten damit zu den wenigen Deutschen, die Mut zum Aufbegehren hatten. Doch die Gestapo deckte ihren Widerstand auf. Sie wurden verhaftet, zum Tode verurteilt und im Strafgefängnis Plötzensee erhängt. Hans Coppi wurde mit 26 Jahren hingerichtet und Hanno Günther mit 21. Beide in der Blühte ihres Lebens.

Wer das Buch von Peter Weiß, „Die Ästhetik des Widerstands“ oder das Buch von Elfriede Brüning, „Damit du weiterlebst“ erst noch lesen wird, wird mehr über Leben und Widerstand der beiden Antifaschisten erfahren.

Wenn wir heute an den Mut und das Opfer beider erinnern, müssen wir auch an die Worte unseres großen Dichters Bertolt Brecht denken, der einst gemahnte: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch! Und gilt das nicht noch immer? Was verbirgt sich denn hinter der jetzt gegrölten Panikmache und Hetze gegenüber den Flüchtlingen, die aus Angst vor Tod und Vernichtung zu uns kommen und unsere Hilfe erwarten? Klingt das nicht so ähnlich wie vor 77 Jahren? Anderes, Fremdes wird verteufelt und diesmal sind es die Flüchtlinge. Purer Rassismus und Fremdenfeindlichkeit offenbart sich in den herausgeschrienen Hasstiraden der Pegida, Bärgida, Thügida und wie sie sich sonst noch so nennen. Nicht die, die zu uns kommen, verbreiten Hass, Zerstörung und legen Brände. Nein, die Gefahr geht von denen aus, die vorgeben, unsere Heimat, unsere Interessen vertreten zu müssen. Das aber tun sie in gar keinem Fall! Sie zündeln und säen Hass und verbreiten Rufmord und bedrohen jene, die Flüchtlingen einen freundlichen Empfang bereiten und ihnen helfen wollen, hier ein friedliches, unbedrohtes Leben zu führen.

Es ist an der Zeit, dass endlich der NPD der Prozess gemacht wird, sie gehört verboten! Und auch den anderen rechtspopulistischen Parteien und Bestrebungen darf kein Boden für Hetze und Volksverdummung überlassen werden. Wo immer sie auftreten wollen, müssen wir das verhindern!

Umso mehr unterstützen wir jene, die den Flüchtlingen helfen und deren Einleben in unsere Gesellschaft fördern wollen. Und als wir hörten, dass im Internat der Insel vier jugendliche unbegleitete Flüchtlinge aufgenommen und beherbergt werden, hat unsere Gruppe beschlossen, Ihr Engagement, Frau Schmidt, für die vier jungen Flüchtlinge mit einer Geldspende zu unterstützen.

Und nun bitte ich um ein Minute stillen Gedenkens an Hans Coppi und Hanno Günther.


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