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Wie ist eine andere Welt möglich?

Wir in Reinickendorf • 02/2004

Das Europäische Sozialforum in Paris (12. - 15. November 2003)

Die Sozialforen haben eine kurze, aber bemerkenswerte Geschichte. Das Europäische Sozialforum (ESF) ist Ergebnis und Teil des Weltsozialforums (WSF). Das WSF vereinigt nach eigenem Selbstverständnis die Organisationen, Bewegungen oder Einzelpersonen, die sich dem Neoliberalismus entgegenstellen und versuchen, eine auf die menschliche Entwicklung zentrierte Gesellschaft aufzubauen. Es wurde zum ersten Mal im Januar 2001 in Porto Alegre, Brasilien, organisiert. Drei dieser Weltsozialforen haben bisher in Porto Alegre stattgefunden, das letzte im Januar 2003 mit über 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern - dreimal so viel wie beim ersten Forum. Das nächste Treffen wird vom 16. bis 21. Januar 2004 stattfinden, diesmal in Bombay/Mumbai, Indien.

Nach dem Erfolg des 1. Europäischen Sozialforums von Florenz im vorigen Jahr 2002 (60.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und 1 Million Menschen bei der Schlussdemonstration) fand nun das zweite Treffen vom 12. bis 15. November in Paris, St-Denis-Bobigny und Ivry statt. Auch wenn diesmal nicht ganz so viele Menschen wie in Florenz daran teilnahmen und aufgrund der dezentralen Tagungszentren in der weitläufigen französischen Hauptstadt und ihren Vororten ein wenig die verbindende Atmosphäre der Plätze von Florenz fehlte, war dieses Forum zweifellos ein Erfolg. Ein Erfolg, den der stellvertretende Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Stephan Hebel, so zusammenfasst: "Manch einer mag das Gefühl gehabt haben, sie sei schon da: die 'andere Welt', die nach dem berühmten attac-Slogan 'möglich', also zukünftig ist. Zehntausende haben sich beim Europäischen Sozialforum ihrer Einigkeit vergewissert, trotz aller Unterschiede. Ihrer Einigkeit darüber, dass nicht der Markt und seine Ökonomie die Welt beherrschen sollen, sondern eine Politik, die sich an der Freiheit und der sozialen Sicherheit aller orientiert." Im Anschluss weist er zugleich auf die Schwierigkeiten hin, die vor den kommenden Sozialforen und den Menschen, die sich hier engagieren, liegen. Denn  die wichtigsten Fragen sind noch zu lösen: Wie soll jenseits von Demonstrationen in die Politik eingegriffen werden? Wie konkret muss die Kritik sein, um wirksam zu werden? Wie kann besser und effektiver als bisher wissenschaftlicher Sachverstand organisiert werden, um die eigene Kritik auf eine überzeugende Grundlage zu stellen? Und nicht zuletzt stellt sich auch das Problem, wie das Verhältnis zwischen Bewegung und politischen Parteien gestaltet werden soll. All das sind die Fragen der Zukunft, damit aus dem deutlichen Einspruch gegen das neoliberale Einheitsdenken "Eine andere Welt ist möglich" Zukunftsperspektive erstehen kann, die Antworten auf die Frage "Wie ist eine andere Welt möglich?" in den Mittelpunkt stellt.

Sylvia-Yvonne Kaufmann, MdEP