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„Ich heiße Paul Kuhfuss“

Wir in Reinickendorf • 04/2006

Sommer am Darßwald, 1942

Einen „expressionistisch-romantischen Maler“ nennt Thomas Schüler ihn in einem Text, den die Einladung in die Rathaus-Galerie enthält. Über eine solche Zuordnung könnte man streiten. Der Feststellung von „dem geradezu unerschöpflichen Werk“ aber, von der „Fremdheit“ des Malers „gegenüber dem unruhig katastrophalen 20. Jahrhundert“, seiner „Bindung an Natur, Landschaft, Menschen“ wird man gerne zustimmen. Das Verzeichnis des Gesamtwerks nennt cirka 2.700 Arbeiten.

Bezirksstadtrat Dr. Thomas Gaudzun begrüßte die Gäste zur Ausstellungseröffnung am 2. März, Siegfried Kühl, ein Schüler des Malers, kramte in seinen Erinnerungen. „Ich heiße Paul Kuhfuss“, hatte der Dozent für Kunsterziehung an der Volkshochschule Berlin-Pankow 1946 seine Schüler begrüßt. Der Name stand bereits an der Tafel, als sie die Klasse betraten. Auch an eine Diskussion mit Kuhfuss über das Modell für das sowjetische Ehrenmal in Treptow erinnert Kühl sich. Das sei von der Muchina gewesen, meinte er. War es aber nicht. Die Skulptur ist eine Arbeit von Jewgeni W. Wutschetitsch. Das Publikum murrte nicht.

Die Nazis nannten Kuhfuss „entartet“. Ab 1935 hatte er Ausstellungsverbot. Das bedeutete Gefahr: Keine Kommunikation, kein Austausch mit Kollegen, Vereinsamung, Abbruch von Entwicklung, Disharmonie. Trotzdem ist in seinen Bildern keine Bitterkeit. Und sein souveräner Umgang mit Farben, die Hafenansichten und Seestücke etwa, beeindruckt.

Die Ausstellung in der Rathaus-Galerie ist reich und vielgestaltig. Viele Bilder sprachen mich an. Das eine oder andere würde ich mir in die Wohnung hängen. Es ist das für mich immer ein wichtiges Kriterium: Könnte ich die tägliche Begegnung aushalten? Mit jenem sehr stillen alten Mann am Feldrand zum Beispiel habe ich mich angefreundet. Und es ist gut zu wissen, dass es diesen Maler gab und dass es diese Ausstellung gibt; dass man ihm begegnen kann.

1915 bis 1918 war Paul Kuhfuss Sanitätssoldat. Was wüßten wir heute über ihn, wäre es ihm gegangen wie Franz Marc und manchem anderen? Wie viel Menschliches zerstört ein Krieg, wie viel Kunstwerke, bevor sie entstehen konnten?

Werner Wüste