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Mehr Lehrer braucht das Land

Wir in Reinickendorf • 04/2006

Wieder einmal häufen sich die Medienberichte über einen inakzeptabel hohen Unterrichtsausfall an den Berliner Schulen. Als besonders betroffen gilt auch Reinickendorf.
WiR sprach darüber mit Harald Muschner, Vorsitzender des BEA-Schulen Reinickendorf, und Julia Schuleri, zuständig für die Pressekontakte beim Bezirkselternausschuss-Schulen (BEA).

WiR: Wieder einmal häufen sich die Medienberichte über einen inakzeptabel hohen Unterrichtsausfall an den Berliner Schulen. Als besonders betroffen gilt u. a. auch Reinickendorf. Welche konkreten Informationen zur Situation im Bezirk darüber liegen dem BEA Schule derzeit vor?

Leider liegen auch dem BEA-Schule keine genauen Stundenzahlen über Unterrichtsausfälle vor. Die einzelnen Schulen führen zwar interne Statistiken, die sie auch der Senatsaußenstelle in Reinickendorf vorlegen. Eine echte Transparents ist für uns Eltern aber derzeit nicht gegeben. Obwohl es statthaft ist, geben nur wenige Schulen die Zahlen an die Eltern weiter. Ein Umstand, der vielleicht auch für sich selbst spricht.... Hätten die Schulen einigermaßen gute Statistiken, d.h. wenig Stundenausfälle, könnten die Schulleiter auch diese Zahlen ohne Probleme herausgeben. Im Gegenteil, es wäre womöglich eine gute Werbung für die Schule. Eine große Ausnahme ist die Humboldt-Oberschule. Die veröffentlichen die Zahlen klar und nachvollziehbar auf ihrer Homepage im Internet. Wir erfahren immer nur von einzelnen Klassen im Bezirk, deren Eltern den Unterrichtsausfall als so massiv betrachten, dass sie sich ans Schulamt wenden oder über pressewirksame Aktionen auf sich aufmerksam machen. Doch ist uns bewusst bzw. erklärt es sich von selbst, dass bei der Lehrerausstattung, die wir im Bezirk haben, kein 100%-Unterricht stattfinden kann - vor allem kein 100% fachgerechter Unterricht, wie wir es einfordern.

WiR: Wieso reicht eine Versorgungsquote von 102 Prozent nicht aus und wie müsste der Bildungssenator reagieren?

Eine Versorgungsquote von 102% reicht niemals aus, abgesehen davon, dass dies die Zahlen vom Oktober 2005 waren, die im Dezember 2005 veröffentlich wurden. Von den Zahlen muss man nun leider noch die Kurzzeitkranken (bis sechs Wochen) abziehen, dann wissen wir erst wie viel Personal wirklich zur Verfügung steht. Ferner hat es in der Zwischenzeit, vor allem bis heute betrachtet, bereits wieder mehrere Pensionierungen im Bezirk gegeben und natürlich auch neue Krankheitsfälle (auch Dauerkranke). Bei einer Lehrerausstattung von durchschnittlich 102% macht bei jedem kleineren Kollegium, das z.B. wie in der Grundschule mit ungefähr 40 Kollegen eine durch Krankheit ausfallende Stelle sofort einen Ausfall von mehr als 2% aus. Wenn wir jetzt an die Winterzeit mit den vielen Erkältungen denken, kann sich jeder sofort vorstellen, was dies für eine Schule bedeutet. Aber bevor die regulären Stunden ausfallen, kann an den meistens Schulen davon ausgegangen werden, dass bereits die Förder- und Teilungsstunden gestrichen wurden und danach kommen dann die regulären Stunden. Ein besonders gravierender Vorgang, wo doch gerade die Förderung der leistungsschwachen Schüler in unserem Schulsystem eine hohe Priorität zukommen müsste. Eine nur 102% Abdeckung mit Lehrern heißt in der Regel schon: Auch wenn alle Kollegen anwesend sind, dass nicht ausreichend Kollegen für alle Fachbereiche vorhanden sind. Aber eigentlich ist uns die Ausstattungszahl und wie sie zustande kommt egal. Wir halten es da inzwischen wie Herr Böger selbst: Wir messen und bewerten was bei den Kindern ankommt. Wir fordern immer wieder den 100% fachgerechten Unterricht. Gerade wo es eine Schulpflicht gibt, muss dies das unumstrittene Recht unserer Kinder sein.

WiR: Wie reagiert das Bezirksamt auf die Situation und wie beurteilt der BEA aus pädagogischer Sicht die Folgen eines regelmäßigen Stundenausfalls?

Leider sind dem Bezirksamt an dieser Stelle mehr oder weniger die Hände gebunden. Lehrereinstellungen werden leider nur auf Landesebene von der Senatverwaltung vorgenommen. Eigentlich müsste die Situation auch gar nicht vom Bezirksamt zu regeln sein, sondern die Schulen müssten in eigener Verantwortung direkt die finanzielle Ausstattung haben, um sich bei Bedarf selbst die passenden Lehrer einzukaufen. Aus pädagogischer Sicht ist ein hoher Stundenausfall immer zum Nachteil der Schüler mit Lernproblemen, bzw. ohne den entsprechenden wissenden und unterstützenden Hintergrund zu Hause. Es gibt bestimmte Rahmenpläne die zu erfüllen sind und in späteren Schuljahren interessiert sich keiner dafür, ob dieses Wissen auch erarbeitet wurde und welchem Umfang es mit den Schülern vertieft wurde. Dort wird dann einfach ein gewisses Pensum an Wissen vorausgesetzt auf dem aufgebaut wird. Dies passiert nicht nur beim Übergang in die Oberschule sondern leider auch sehr häufig schulintern. Schüler werden dann oft als faule Klasse abgetan.

WiR: Erklärt und entschuldigt wird die Situation in der Regel mit der mangelnden finanziellen Ausstattung. Ist so alles erklärt oder liegen die Probleme auch auf anderen Ebenen?

Ein ganz großes Manko ist natürlich die finanzielle Ausstattung der Schulen bzw. der Schulbehörde. Mehr Lehrer, eine bessere Ausstattung bei den Lehr- und Lernmittel, sowie die Ausstattung mit den neuen Medien, die gerade erst beginnt, wären bei immer wieder fortgebildeten Lehrern schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Aber es gibt sicher jetzt schon Möglichkeiten, den Mangel besser bzw. für die Schüler effektiver zu verwalten. Es stellt sich immer wieder die Frage, warum der Matheunterricht der 3a reduziert wird bzw. ausfallen muss, wenn deren Mathelehrer krank ist. Würden die Lehrer eines Jahrgangs z.B. besser zusammenarbeiten, gäbe es doch auch die Chance, dass die Kinder, die den Unterrichtsstoff relativ schnell begreifen, nur drei Stunden Matheunterricht und dafür mehr Hausaufgaben haben, Schüler aber, die sich etwas schwerer tun, aus den Parallelklassen zusammen genommen werden und den regulären Unterricht erhalten. Das hieße aber, dass das Lehrerkollegium enger zusammenarbeitet und ein Bedürfnis nach optimaler Förderung der ihnen anvertrauten Kinder besteht. Dann würde auch in Zeiten, in denen kein Lehrermangel herrscht, jedes Kind individueller gefördert.... Doch zur Zeit erwartet die Institution Schule immer noch, dass bei Unterrichtsausfall bzw. Nichtverstehen des Kindes das Elternhaus dieses aufzuholen hat.

WiR: Die Linkspartei.PDS diskutiert derzeit ein Arbeitspapier zu einem integrativen Schulsystem in Berlin. In „Häusern des Lernens“ würden u. a. die Funktionen der Lehrers, der Pädagogen, des Schulpersonals sowie Art und Weise des Lernens, sagen wir mal, anders begriffen und gestaltet werden. Wäre hier einen Weg aufgezeichnet, wie durch eine veränderte Schulstruktur temporäre personelle Engpässe besser aufgefangen werden können?

Die Zusammenarbeit aller an Schule Beteiligten in eine neue Qualität anzuheben, ist ganz in unserem Sinne. Wir schließen uns Eltern dabei unbedingt mit ein. Wir brauchen die Information aus der Schule und die Lehrer brauchen Informationen über die Kinder von uns. Wir Eltern kennen in der Regel unsere Kinder am Besten. Jedes einzelne Kind hat seine ganz spezifischen Stärken und Schwächen, die es in sehr individueller Art zu fördern und zu fordern gilt. Dafür brauchen wir aber nach unserer Auffassung auch weiterhin die Vielfalt unserer Gesamt-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien. Der dauerhafte Erhalt dieser individuellen Wahl- und Förderungsmöglichkeiten in den einzelnen Schultypen ist nach Auffassung des Gremiums derzeit die beste Möglichkeit auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen.

Das Gespräch führten wir mit Harald Muschner, Vorsitzender des Bezirkselternausschuss (BEA) Schulen Reinickendorf, und Julia Schuleri, zuständig für die Pressekontakte beim BEA Schulen