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...und immer wieder Arbeit – trotz allem

Wir in Reinickendorf • 11/2007

Foto: Werner Wüste

Max Beckmann - Künstler, Verfolgter, Emigrant, Reinickendorfer

Die beiden Ereignisse, von denen hier die Rede sein soll, sind keine Jubiläen, derer unbedingt gedacht werden muss; allerdings Ereignisse mit gewissen Bezüglichkeiten.

Ein unrühmliches, beschämendes fand vor siebzig Jahren statt, eine Ausstellung in München nämlich, in der von den Nazis so bezeichnete „entartete“ Kunst zu sehen war. Das andere liegt hundert Jahre zurück. 1907 ließ Max Beckmann in Hermsdorf ein Haus bauen, Ringstrasse 8. Der damals schon bekannte, bedeutende Maler wurde Bürger Reinickendorfs. In besagter Ausstellung war Beckmann mit acht Gemälden vertreten. Insgesamt wurden 590 seiner Arbeiten aus öffentlichem Besitz beschlagnahmt.

„Eben war der ganze Himmel wie mit Blitzen geädert. Ach, und es donnerte so prachtvoll ... Da stecken sie noch alle, ungebändigt, die feinen, großen Naturgewalten. Nun, los Himmel, donnere doch, blitze doch. Lass mich mehr sehen von deinen wundervollen Schönheiten. Oder kannst du nicht einmal mehr ein ordentliches Gewitter hervorbringen?“ Aus dem Tagebuch. Er ist neunzehn, Prometheus erkennbar sein Held.

Momentaufnahme, mit dem Blick des Malers: „Reizend sind doch die Menschen, die ... beim Hereintreten in ein Lokal den Hut schon abnehmen, ehe sie die Tür zugemacht haben. Es entsteht dann eine prachtvolle Verwirrung der Bewegungen. Die Hand, die die Tür schließen soll, findet zu ihrem Erstaunen den Hut in sich und irrt nun hilflos hin und her, während der ganze Körper, schon nach vorn geneigt, im Begriff ist hereinzutreten ...“

1914. Gespräch mit Minna Beckmann- Tube 1): „Auf die Franzosen schieße ich nicht, von denen habe ich so viel gelernt. Auf Russen auch nicht, Dostojewski ist mein Freund.“ Beckmann wird freiwillig Krankenpfleger. Erlebt Chauvinismus. Zeichnet gefallene Soldaten.

Tagebuch 1915: „Ungeheure, brandgelbe Sprengtrichter, darüber der fahlviolette, heiße Himmel und die kalt rosafarbene, skelettierte Kirche eines Dorfes ... majestätische Öde und Verlassenheit des Todes und der Zerstörung ... ganze Plateaus mit Häuserskeletten, und weite, wüste Flächen, dick mit Kreuzen, Helmen und aufgewühlten Gräbern bedeckt.“

Von den ersten Tagebuchnotizen an starke Neigung zur (Selbst-)Ironie. 1923 in einer vom Verlag erbetenen biografischen Skizze: „Von Farben liebe ich eigentlich Zinnober und Violett sehr und Tabaksbraun ... Gibt es etwas schöneres als eine gute Zigarre? Vielleicht eine Frau? Man kann sie nur nicht so leicht wieder weglegen.“

Gespräch über Musik-Hören: Er konnte „es nicht ertragen, wenn Gastgeber und Gäste sich unterhielten, während man klassische Musik von Schallplatten spielte... weshalb er oft gefragt wurde, ob er keine Musik möge. Im Gegenteil, antwortete er, ich habe zu viel Respekt vor dem Komponisten, um zuzulassen, dass man sein Werk als Hintergrundmusik für Unterhaltungen benutzt.“

Beckmann emigrierte am Tag der Eröffnung jener Ausstellung, 1937. Nicht einmal besuchsweise kehrte er nach Deutschland zurück. Spätere Berufungen nach München und Darmstadt (1946), Frankfurt und Berlin (1947), nach Hamburg (1949) lehnt er ab.

Amsterdam, Gespräch mit seiner Frau: „... ob er Heimweh nach Berlin habe oder ob er traurig sei ... nein, er sei entsetzt über das, was sich in Deutschland ereignete; er habe auch das Gefühl von Heimweh verloren und begraben ...“ 2)

Brief an Stephan Lackner, 1939: „Wenn Sie unsere gemeinsamen Freunde sehen, grüßen Sie alle herzlich von mir und sagen Sie ihnen, dass wir nicht aufgegeben haben, dass das geistige Deutschland seinen berechtigten Platz unter den Völkern wieder einnehmen wird. Wir sind an der Arbeit.“ 3)

Und 1945 an Lackner: „Von mir ist zu berichten, dass ich eine wahrhaft groteske Zeit hinter mir habe, die angefüllt war mit Arbeit. Naziverfolgungen, Bomben, Hunger und immer wieder Arbeit – trotz allem. Habe cirka 80 Bilder gemalt ... Ich glaube, einiges davon würde Ihnen Spaß machen ...“

Er stirbt am 27. Dezember 1950 in New York.

Werner Wüste


Anmerkungen:

  1. Minna Beckmann-Tube, Sängerin, seine erste Frau
  2. Mathilde Quappi Beckmann, Tochter des Malers Friedrich August von Kaulbach, seine zweite Frau
  3. Stephan Lackner, Freund seit 1933, 1938 Vertrag über monatlich zwei Bildkäufe

Max Beckmann (1884 - 1950

deutscher Maler und Graphiker)

war von 1908 bis 1914 in Berlin- Hermsdorf ansässig. Hier sind eine Reihe seiner Bilder entstanden.

Heinz Berggruen nennt ihn den bedeutendsten deutschen Künstler der zwanzigsten Jahrhunderts neben E. L. Kirchner.

Und wieder gibt es in München eine Ausstellung: „Max Beckmann. Exil in Amsterdam.“ Sie erklärt sich als „Beitrag zur Aufarbeitung dieser dunkelsten Periode deutscher Geschichte“.