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Am Rande

Wir in Reinickendorf • 09/2008

Bitte, habt uns lieb!

Also, unsere Abgeordneten haben es auch immer schwerer. Kein normaler Mensch will mehr mit ihnen über seine Sorgen sprechen. In Arbeitsstätten lassen die Betriebsleitungen sie höchstens rein, um ihnen potjom­kin­sche Dörfer vorzuführen. Das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses Ma­rio Czaja, parlamentarischer Geschäftsführerund Gesundheitsex­perte der CDU-Fraktion, soll deshalbglücklich gewesen sein, als die Gewerkschaft ver.di ihnzu einem Praktikum in einem Krankenhaus einlud.

Die SPD in Reinickendorf fordert solche Einladungen geradezu her-aus. In Flyern bieten die Wahlkreisabgeordneten und die zwölf Bezirksverordnetendes Wahlkreises 4 (Bor­sig­walde, Freie Scholle, Waidmannslust, Wittenau und Tegel) an: Mieten Sie sich einen Politiker für einen ganzen oder einen halben Tag!

Eine kommunalpolitische Feuerwehr? Nein, das nun wieder auch nicht. „Für einen Tag stehen wir mit Ihnen hinter dem Ladentisch oder fahren im Werkstattwagen mit zu Ihren Kunden“, heißt es im Flyer. Auch die Unterstützung bei Som­merfesten im Verein oder die Betreuung von Kindern beim Wandertag gehört zum Angebot. Geworben wird mit Erfahrungen als Hobbyschneiderin, Konfitüreköchin, Computertüftler, Motor­rad­bastler, Leseratte oder Wein­kenner. Die Wahlkreisabgeord­nete Anja Her­tel, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und Initiatorin dieser Aktion, ist sogar bereit, mal den Zaun eines Klein­gar­tenvereins zu streichen, „wenn die Bürger es wünschen“. Man wolle die landläufige Meinung widerlegen, dass Politiker keine Ahnung vom richtigen Leben haben, nicht (mehr) arbeiten können und nicht wissen wollen, was die Bürger wirklich denken.

Man könnte natürlich auch Politik machen, die das widerlegt.

Jochen Eser