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Wirtschafts- und Frauensenator Harald Wolf (DIE LINKE) im Mehrgenerationenhaus

Wir in Reinickendorf • 9/2009

Am 3. September besuchte Harald Wolf, Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen das Mehrgenerationenhaus AVA 17 in der Auguste-Victoria-Allee 17.

Im Interkulturellen Mädchentreff traf er u. a. mit der Frauenbeauftragten des Bezirks Reinickendorf, Frau Brigitte Kowas, der Vorsitzenden des bezirklichen Frauen- und Mädchenbeirats, Frau Agnes Steyer-Fontana, Vertretern des Jugendamtes und von „Albatros e. V.“, dem Betreiber der Einrichtung, zusammen. Harald Wolf wurde von Felix Lederle, Wahlkreiskandidat der LINKEN Reinickendorf zur Bundestagswahl, und Yusuf Dogan, Bezirksvorsitzender der Reinickendorfer LINKEN, begleitet.

Zu Beginn wurde die Besuchergruppe durch die zwei Gebäude geführt. Zu bestaunen gab es viele liebevoll renovierte und eingerichtete, sehr helle Räume im Kita-Bereich. Großen Eindruck machte natürlich die mediterran gestaltete Badelandschaft, die sicher nicht nur den Jüngsten viel Spaß bereitet. Aber auch Freizeit- und Turnbereich sind offen und großzügig gestaltet, offensichtlich an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Dazu gab es eine Menge an Formationen für Harald Wolf und seine BegleiterInnen.

Anschließend gab es eine Informationsrunde, an der u. a. VertreterInnen der „Flotten Lotte“ und „Albatros e. V.“, des Jugendamtes Reinickendorf, die drei Integrationslotsinnen (türkisch, arabisch, russisch), die LeiterInnen des Projekts, des Mehrgenerationenhauses und des Interkulturellen Mädchentreffs, die Frauenbeauftragte des Bezirksamtes, Harald Wolf, Felix Lederle und Yusuf Dogan teilnahmen.

Fritz Kiesinger, Psychologe, von „Albatros e.V.“, gab einen Überblick über die Entwicklung des Vereins. Ein Ziel sei es, die Selbstorganisation des Menschen zu fördern. Mit ca. 450 Mitarbeitern (u. a. Ärzte, Sozialarbeiter und Psychologen) in zahlreichen Projekten ist der Verein heute quasi ein mittelständisches Unternehmen.

Das „Mehrgenerationenhaus“ profitiert u. a. von Arbeitsmarkt-Förderprogrammen des JobCenters. Der Standort wird auch durch seine Eingrenzbarkeit auch als „Schutzraum“ von Betroffenen wahrgenommen. Die soziale Arbeit wird als „Intergenerativ“ mit spezieller Fokussierung auf Frauenprojekte verstanden. „Albatros e. V.“ wäre ein “potenter Träger”, der die eingesetzten Mittel für die Betroffenen einsetzt. U. A. ist er auch Betreiber des „Ratskellers Reinickendorf“.

Bettina Liebrocks, Leiterin des „Interkulturellen Mädchentreffs“, ist seit 2005 dabei. Es gibt ein eigenes Haus für die Mädchen- und Frauenarbeit. Manche Besucherinnen würden erst nach sechs oder sieben Besuchen in der Lage sein, sich den Mitarbeiterinnen zu öffnen, von ihren Problemen zu berichten. Ein Ziel wäre es, „ein anderes Gleichgewicht“ in die (meist Migranten-) Familien zu bringen. Es gelte Motivationen zu entwickeln und stärken, ggf. zu fördern.

Für Mädchen ab acht Jahren gibt es weitgefächerte Angebote von 14 bis 18 oder 20 Uhr, vormittags und abends dann für die Frauen.

Angebote gibt es in den Bereichen Bildung, Beratung (Vermittlung, z. B. Praktika), Freizeit (z. B. PC-Kenntnisse, Spiele, Tanz, Bewegung, Theater), Hausaufgabenhilfe und ein Internet-Café. Genutzt würden insbesondere die „niedrigschwelligen“ Treffpunkte, die auch zu (gegenseitiger) Beratung dienen. Es gibt eine „Zukunftswerkstatt“ (für Mädchen und Frauen), eine regelmäßige tagende Kiezrunde, eine Projekt „Rollenklischee in Familie und Gesellschaft“, es werden Reisen unternommen. Ebenfalls wird Mediationsarbeit für Männer und Frauen geleistet – die Nachfrage steigt stetig an.

Das Einzugsgebiet an der Grenze zum Wedding ist zunehmend sozial belastet. Hinweise auf ein „Kippen“ in teilen des Bezirks gebe es beim Jugendhilfeausschuss schon seit 2002. Es sei eine schlechte Sprachentwicklung und Ernährung festzustellen, die Armut nehme zu. Es gebe große gesundheitliche und psychische (u. a. durch Kriegsfolgen) Probleme, verursacht u. a. durch Arbeitplatzverlust. Es mangele an geeigneten Vorbildern in vielen Familien.

Mit unterschiedlichen Projektmitteln, u. a. vom Jugendamt, wird versucht, den Bildungsbereich zu unterstützen. Allerdings sei die Personalausstattung denkbar schlecht. Es gibt zwei befristete Stellen, eine Vollzeit und eine geteilte, und seit April 2009 zwei ÖBS (Öffentlicher Beschäftigungssektor)-Stellen., 10 Personen arbeiten insgesamt im Projekt. Es laufen Anträge zur Finanzierung einer Stelle für Frauenberatung und einer zur Gesundheitsförderung von Frauen.

Bemängelt wurde u. a., dass es in Reinickendorf keine(n) Migrationsbeauftragte(n) gebe. Die aktuellen Zahlen im Sozialstrukturatlas sind alarmierend.

Felix Lederle, Bundestagskandidat der LINKEN Reinickendorf, warf ein, dass Gleichstellungspolitik sei halt nicht nur die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, wie es von der CDU propagiert werde. Es bedarf einer Vielzahl von Veränderungen in de Gesellschaft.

Frau Nasereddin konstatierte, der ÖBS stärke das Selbstwertgefühl der Mitarbeiter und schaffe Kontinuität und stärke somit den Vertrauensaufbau bei den Betroffenen. Alle geförderten Frauen seien sehr engagiert, „jeder sieht es, keiner handelt“. „Es hängen Menschenseelen daran“.

Harald Wolf, Frauensenator, bemerkte, „die Bundesregierung würde den weiteren Aufbau eines ÖBS eher blockieren“. „Integrationslotsen“, wie im Projekt beschäftigt, seien wichtig, schafften ggf. noch weiteren Bedarf an Hilfestellungen.

Er brachte die Idee in die Runde, dass die Integrationslotsen z. B. von „profitierenden Branchen“ (Ärzte, Krankenhäuser, soziale dienste, Schulen) ko-finanziert werden könnten.

Die Integrationslotsen vollführe in ihrer Arbeit einen Balanceakt zwischen einem notwendigen Hilfeangebot und den legitimen Ansprüchen von betroffenen, die sich z. B. auch aus dem Grundgesetzt ergeben würden.

Präventionsarbeit sei richtig und wichtig – und wirke. Die Niedrigschwelligkeit muss gegeben sein, um Betroffenen das Kommen zu erleichtern, warf die Frauenbeauftragte, Frau Komus, ein.

Konstatiert wurde ein sehr starkes interkulturelles Netzwerk im „Quartier“, das allerdings einen starken Impuls von politischer Ebene benötigt. Es gebe aber keine wirkliche „Verbindung“ zum JobCenter Reinickendorf – trotz eines Kooperationsvertrages. Viele Betroffene wollen nicht allein zum JobCenter, möchten eine Begleitung. Es herrscht eine Schwellenangst und es gebe Misstrauen seitens der SachbearbeiterInnen. In „Begleitung“ öffnen sich „die Türen“ allerdings sehr schnell.

Harald Wolf bemerkte, dies sei ein Ärgernis, eine absurde Situation, die Betreuung aus „erster Hand“ funktioniere selten, obwohl es so gedacht war. Auf landesebene habe man wenig Einflussmöglichkeit, JobCenter sind Bundeseinrichtungen, von der Bundesagentur abhängig. trotzdem könne man s. E. integrierter arbeiten, wenn man es denn wolle. Die Jobvermittlung als soziale Aufgabe war einmal angedacht, unterschiedliche, individuelle Lebenslagen sollten beachtet und berücksichtigt werden. Dies wurde nicht umgesetzt. Er erhoffe sich eine neue Diskussion zu diesem Thema nach en Bundestagswahlen.

Das Thema „Soziale Stadt“, das von der LINKEN propagiert werde, sei im Senat ressortübergreifend leider kaum abgestimmt, obwohl es eine entsprechende ressortübergreifende Arbeitsgruppe gab.

Herr Kiesinger benannte die „Freien Träger“ als willkommene Partner der Politik, als gelte allerdings immer noch das Mott: „Nicht jammern, anpacken“. Anders gehe es nicht.

Frau Steyer-Fontana (Frauen- und Mädchenbeirat; „Flotte Lotte“) führte an, dass im Bezirk inzwischen weniger Projekte gäbe, die aber inzwischen (wieder) gut vernetzt sein und zusammenarbeiten würden. Die Situation im Bezirk hat sich aus eigener Erfahrung und, belegt durch den Sozialstrukturatlas, verschlechtert. Dies gelte insbesondere für Mädchen und Frauen. Ihr Schwerpunkt sei „die Begleitung in den beruf hinein“, bei der, trotz teilweiser guter Ausbildung, psychologische Unterstützung oft nötig sei.

Hingewiesen wurde auf eine MAE-Kraft aus Brasilien, die sehr gute Arbeit leiste, diese aber durch eine „verordneten“ Englisch-Kurs immer wieder unterbrochen werde. Sie „hat kaum eine Möglichkeit, ihr Potential auszuschöpfen“.

Herr Kiesinger machte abschließend den Vorschlag, die Mittel aus der „Kommunal-Kombi“ bis Ende des Jahres stärker zu nutzen, diese laufen dann bis Ende 2012. So könnten flächendeckend Integrationslotsen über dieses Mittel finanziert werden. Harald Wolf führte an, die Regionaldirektion spiele allerdings die !-Euro-Jobs gegen aus ihrer Sicht „teure Instrumente“ aus. Felix Lederle gab an, zahlreiche ÖBS-Stellen wurden schon auf der Grundlage von Kommunal-Kombi geschaffen. Weiter führte er aus, dass der deutschen Sozialpolitik ein Armutszeugnis auszustellen sei. Deutschland sei statistisch sehr reich. Ein großer Teil der Verschlechterungen im Sozialbereich sei aber paradoxerweise in Zeiten von Einkommenssteigerungen entstanden.

Es berichtete Jürgen Schimrock.