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Reinickendorf verscherbelt Tafelgold

Wir in Reinickendorf • 06/2011

Das Hansa-Haus; Foto: Robert Irmscher

Erholung für Kinder und Jugendliche bleibt auf der Strecke

Das schönste Stück Reinickendorf liegt nicht etwa in den noblen Stadtteilen Frohnau oder Hermsdorf. Auch nicht in Lübars oder am Tegeler See. Nein, es liegt an der See, nämlich an der Ostsee. In Kühlungsborn, direkt am schönen Strand, befindet sich das historische und unter Denkmalschutz stehende Hansa-Haus, das der Bezirk (noch) besitzt.

Da der Bezirk das Objekt nicht mehr finanzieren kann, wurde der Liegenschaftsfonds beauftragt, es in einem Bieterverfahren zu veräußern, das im Herbst 2011 beendet sein wird (mehr dazu).

1904 wurde es in dieser exklusiven Lage im Stil der typischen großzügigen Bäderarchitektur erbaut und war eines der schönsten Hotels an der Ostsee. 1929, während der Welt­wirtschaftskrise erwarb es die Stadt Berlin und richtete dort ein Kinderheim ein. Nach der Wende fiel es wieder an die Stadt Berlin zurück, und seit 1994, nach Abschluss umfangreicher Sanierungsarbeiten, betreibt es der Bezirk Reinickendorf als Familien-und Jugendfreizeitstätte.

Bezahlbare Bildung und Freizeit

So haben bereits Generationen von Schülern, gerade aus den sozialen Brennpunkten des Bezirks, hier wunderbare Aufenthalte verbracht. Nicht nur der äußerst moderate Preis von 75 EUR pro Kind und Woche mit Vollverpflegung, sondern auch die Mög­lichkeiten innerhalb und außerhalb dieses wunderbaren Hauses übten eine große Anziehungskraft aus.

Auf Klassenfahrten zum Beispiel konnte man hier nach dem Unterricht, der in einem der eigens dafür eingerichteten Räume stattfindet, bei schönem Wetter gleich in der Ostsee baden oder am Strand Muscheln sammeln oder, oder … Denn das Haus verfügt über einen direkten Zugang zur See. Und wenn kein Badewetter war, konnte man entweder herrliche Wanderungen unternehmen oder im Haus selbst die vielfähigen Freizeitmöglichkeiten nutzen. Der Abend wurde dann, je nach Alter der Teilnehmer, entweder mit Spielen oder bei Diskoklängen verbracht

Man begreift, hier ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche, die nor­ma­lerweise nicht auf der „Sonnenseite“ leben, wenigstens ein paar Tage lang den grauen Alltag vergessen, und stattdessen Wind, Meer und Sonne genießen konnten. Nebenbei fiel es in dieser Umgebung auch leichter, soziale Kompetenzen zu erwerben und einzuüben. Für viele dieser Jugendlichen aus sozial schwachen Familien wird es für lange Zeit der einzige Urlaub sein. Aber leider wird es diese Möglichkeit nur noch bis Ende September 2011 geben.

Einflussmöglichkeiten vertan

Der Bezirk freut sich schon auf die Anteile, die ihm aus dem Erlös zufallen werden, denn wie lässt es sich sonst erklären, dass er keine Auflagen für den potentiellen Käufer erteilt hat? Es bestand durchaus die Möglichkeit, den Verkauf des Hansa-Hauses an die Bedingung zu knüpfen, das Objekt wei­terhin als Jugend-und Familienfrei­zeitstätte zu führen. Doch die Fristen sind verstrichen, und so wird wahrscheinlich an den Meistbietenden verkauft.

Und auch für das Ostseebad Küh­lungs­born wirkt der Verkauf nachteilig, da nicht nur die Zukunft der Leiterin des Hauses und ihrer Mitarbeiter bislang vollkommen ungewiss ist.

Marion Kheir

„Ich bin entsetzt. Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, und viele Kinder werden an unserer schönen Ostseeküste eines der wenigen für sie noch bezahlbaren Urlaubsdomizile verlieren. Und wir ein Stück sozialer Kultur in unserer Stadt. Das ist ein Armutszeugnis für das Land Berlin.“

Rainer Karl,
Bürgermeister von Kühlungsborn

„Die Politik versagt hier. Sie hat nicht nach Alternativen gesucht, obwohl sie es hätte können. Das empört mich. Die Interessen von Kindern und Jugendlichen, von sozial schwachen Familien unseres Bezirkes sollen finanziellen Zwängen zum Opfer fallen.

Bezirksamt, Senat und Liegen­schaftsfonds sind aufgefordert, die Verschleuderung dieses schönsten Stück Reinickendorf zu verhindern.“

Yusuf Dogan,
Bezirksvorsitzender der LINKEN Reinickendorf