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Flotte Lotte wird 30

Wir in Reinickendorf • 09/2015

Lilo Joseph und Agnes Steyer-Fontana

Interview mit Agnes Steyer-Fontana

Frau Steyer-Fontana, vor 2 Jahren hat der Reinickendorfer Beirat für Frauen- und Mädchenangelegenheiten, dessen Vorsitzende Sie sind, seinen 20. Jahrestag gefeiert. Doch die „Flotte Lotte“ wird schon 30. Sie ist also älter. Wie erklärt sich das, wer hatte damals den Einfall?

Das waren zwei Sozialarbeiterinnen aus einer Müttergruppe der damaligen „Brücke Märkisches Viertel“. Sie gründeten einen Verein, um mehr für Frauen und Mütter tun zu können; sie wollten Lobby-Politik machen. Es ging ihnen vor allem darum, Kurse einzurichten, damit die Frauen wieder berufstätig werden können, und sie wollten  Möglichkeiten schaffen, damit sich Frauen irgendwo treffen können.

Die „Flotte Lotte“ hat ein sehr umfangreiches Angebot: Weiterbildung, Kreativität entwickeln und Selbstbewusstsein fördern. Ließe sich das als „Lebenshilfe geben“ zusammen fassen, damit sich die Frauen eher durchsetzen und sich gleichberechtigt fühlen können neben einem Mann, oder gar in unserer Männer dominierten Gesellschaft?

Lebenshilfe würde ich das nicht nennen, einfach Unterstützung geben für Ziele, die sich die Frauen setzen: Wieder berufstätig sein, Englisch lernen, oder, da jetzt ganz viele kommen, Deutsch lernen, auch den Umgang mit Computern. Wir bieten auch Bewegungskurse der verschiedensten Art an, die sehr gefragt sind. Und nicht zu vergessen, wir haben ganz viele Einzelberatungen.

Auch hier ein sehr breites Angebot: Eheberatung, Familienberatung, Erziehungsberatung, Paarberatung.

Ja, und zur Familienberatung können auch die Väter mitkommen, auch zur Paarberatung, wenn es Konflikte in der Paarbeziehung gibt. Dann können auf Wunsch der Frauen auch die Männer dabei sein. Wir haben auch Zufluchtswohnungen für Frauen, die aus einer Gewaltbeziehung flüchten müssen. Dafür haben wir drei Wohnungen für insgesamt vier Frauen mit vier Kindern. Die sind immer belegt, worin sich die Frauen unterschiedlich lange aufhalten. Eine ist darunter, die seit eineinhalb Jahren in der Wohnung lebt. Es lässt sich bei ihr vieles nicht klären. Sie möchte gerne ihre Kinder wiederhaben. Das ist ein ganz schwieriger Prozess. Auch, gibt es Frauen, die bereits nach vier Wochen eine eigene Wohnung haben. Also die Verweildauer ist sehr unterschiedlich. Leider immer länger, weil die Frauen eben keine Wohnung finden. Die Wohnungen sind zu teuer, die Frauen haben fast alle Harz IV und so muss die Wohnung in diesem Bereich liegen. Viele haben durch ihren Ehemann oder Partner einen Schufa-Eintrag und damit ist es aussichtslos, eine Wohnung zu finden.

Neben diesen vielen Aktivitäten wandert die „Flotte Lotte“ auch.

Ja, wir haben ein offenes Café, zu dem sich Frauen jeden Dienstag treffen, und einmal im Monat machen sie einen Ausflug. An dem können sich dann auch weitere Frauen beteiligen. Demnächst werden sie nach Potsdam fahren und die Siedlung Alexandrowka besuchen. Oder sie gehen ins Museum, je nach jahreszeitlichen Bedingungen. Einmal im Monat haben wir Frühstück. Das ist auch ein Angebot, ganz offen für alle, die kommen wollen. Das nutzen vor allem ältere Frauen.

Wenn Sie auf die dreißig Jahre zurück blicken, worauf sind Sie dann besonders stolz?

Ein großer Erfolg besteht wohl darin, dass es uns überhaupt schon 30 Jahre lang gibt. Zu der Zeit, als die „Flotte Lotte“ gegründet wurde, entstanden sehr viele Frauenprojekte, von denen es ganz viele gar nicht mehr gibt. Das ist wohl unser größter Erfolg. Wir haben auch immer wieder Neues begonnen und unser Angebot erweitert. Ich bin jetzt seit 29 Jahren dabei und habe beim Aufbau geholfen. Wir haben zuerst mit Honorarmitteln angefangen, die dann in diese Stelle umgewandelt wurden. Es war eine regelmäßige Finanzierung. Dann kam das Projekt Berufsorientierungs-Kurse. Das gibt es auch schon seit dreißig Jahren. Dann kamen die Zufluchtswohnungen hinzu, 1990. Das ist auch schon eine lange Zeit. Wir hatten erst eine Wohnung, dann zwei, dann erweitert auf drei, ohne jedoch mehr Platz zu haben. Es ist eben so, dass immer weniger Frauen in einer Gemeinschaftswohnung leben können.

Wie erklärt sich Ihr langfristiges Wirken, liegt es am Märkischen Viertel, das als Problemviertel bezeichnet werden könnte? Und wie groß ist der Zulauf?

Ich denke, es war ein Vorteil für uns, dass wir hier sind. Der Zuspruch ist monatlich sehr unterschiedlich. Aber wir haben so an die zehntausend Frauen im Jahr, und die Zahlen steigen. In diesem Jahr werden wir so auf zwölftausend kommen. Die Nutzung ist sehr unterschiedlich. Manche treffen sich hier eben nur, und andere kommen vielleicht fünfmal zu einer Beratung. Daneben gibt es den Berufsorientierungskurs, der über drei Monate geht, zu dem sich die Teilnehmerinnen (20 Frauen) dreimal in der Woche treffen.

Wie finanzieren Sie sich, erhalten Sie Unterstützung vom Land Berlin, vom Bezirk oder empfangen Sie Spenden?

Spenden sind ganz wenig. Wir haben eine Basisfinanzierung durch das Bezirksamt. Es stellt uns dieses Haus zur Verfügung, wir müssen keine Miete zahlen. Die anderen Projekte zahlen anteilige Betriebskosten. Dann wird über den Etat vom Bezirksamt die Leitungsstelle finanziert und Honorarmittel z.B. für Deutschkurse für diese offenen Treffpunkte. Auch Senatsmittel erhalten wir für verschiedene Projekte, auch Fördermittel vom Europäischen Sozialfond, und schließlich haben wir sehr viele Kurse, die sich über die Kursgebühren finanzieren. Das halte ich zum Teil für berechtigt, doch finde ich es sehr schade, dass wir für unseren Treffpunkt für Trauernde keine finanzielle Unterstützung erhalten. Und viel, viel mehr Geld bräuchten wir eigentlich für unsere Beratungen.

Sind Sie mit dem Zulauf zufrieden, wobei zwölftausend jährlich ja schon sehr beachtlich sind? Oder sollte noch stärker auf die „Flotte Lotte“ aufmerksam gemacht werden?

Aufmerksam machen ist immer gut. Wir sind offen und probieren auch immer wieder Neues aus. Räumlich jedoch stoßen wir jetzt schon an unsere Grenzen. Gerade dadurch, dass wir jetzt zweimal in der Woche Deutschkurse anbieten, an denen immer so 10 bis 20 Frauen teilnehmen. Unsere Deutschkurse sind so konzipiert, dass wir jetzt keinen Zusatz zum Integrationskurs machen, sondern für Frauen, die entweder keinen Anspruch auf einen Integrationskurs haben oder die ihn nicht besuchen können, weil sie ganz kleine Kinder haben. Zu uns kommen vorwiegend Flüchtlinge, die in Wohnungen untergebracht sind, weniger welche aus den Heimen. Dort gibt es ja ehrenamtliche Deutschkurse, wo eher der Zugang zu den Kursen gegeben ist.

Wer in einer Wohnung untergebracht ist, ist da mehr auf sich allein angewiesen. Die Frauen kommen zu uns, wenn die Kinder in der Kita sind, und häufig bringen sie dann auch Frauen mit, die besondere Probleme haben: Sei es beim einfachen Ausfüllen eines Antrags oder dass sie einen Brief nicht verstehen.

Und darauf bin ich auch besonders stolz, dass es uns gelungen ist, diese Frauen hier anzubinden. Das spricht sich durch Mundpropaganda herum: Du bekommst hier Unterstützung.

Sie werden bald in Rente gehen, was haben Sie dann vor?

Eigentlich bin ich schon Rentnerin, aber ich arbeite hier noch 18 Stunden. Es ist gerade sehr viel im Umbruch. Neue Kolleginnen haben hier angefangen, und ich muss noch sehr viel Wissen und Erfahrungen weitergeben.

Frau Steyer-Fontana, wir bedanken uns für Ihr Engagement hier in Reinickendorf und auch dafür, dass Sie uns viel Zeit gewidmet haben.

Die Flotte Lotte besuchten LiLo Joseph und Yusuf Dogan