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Befreier und Befreite

Wir in Reinickendorf • 5/2010

Peter Neuhof liest aus „Als die Braunen kamen“ (Foto: Dietrich Mühlberg)

Als „tausend Jahre“ endlich vorbei waren                                    

In der Nacht vom 21. zum 22.April 1945 wurde Frohnau von sowjetischen Truppen besetzt.     
Unser Autor
Peter Neuhof erinnert sich an jene dramatischen Tage vor 65 Jahren.                       

Das also meine Befreier? Natürlich sind sie es. Aber anders habe ich sie mir schon vorgestellt. Blonde Sibiriaken, mit modernstem Kriegsgerät. Stattdessen verdreckte Gestalten mit Panjewagen, auf denen Waren aller Art liegen, vor allem Lebensmittel. Ganze Regale aus Geschäften scheinen leergefegt worden zu sein. Ein ernüchternder Anblick! Na, ja. Soldaten sind eben nicht wählerisch, schon gar nicht nach fast vier Jahren Krieg.

Also dann zu Walter H. Wie benommen starre ich auf zwei Lenin-Bilder an seiner Hausfront in der Königsbacher Zeile. Gerahmte Bilder. Für einen Augenblick vergesse ich, dass die Zeit der Nazis vorbei ist. Aber in der Nähe sind sie noch immer Wenn die ...

Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Der ersehnte Augenblick ist da.

"Walter, die klauen Uhren", das erste, was ich etwas verstört hervorbringe. "Wenn es nur Uhren wären", die mir zunächst unverständliche Antwort. In Walters Haus geht es turbulent vor, wie in einem Taubenschlag. Sowjetische Offiziere werden durch die Lenin-Bilder geradezu angezogen. Kommunisten im Ort? Walter überzeugt sie schnell. Er holt sein Parteibuch hervor. Das schafft Vertrauen, obwohl es auch in anderen Händen sein könnte. Aber andere Hände rühren sich nicht zu dieser Stunde. Frohnau sitzt verängstigt den Kellern und bangt den kommenden Stunden entgegen oder hofft mit Schnaps in die Häuser eindringende Russen abwehren zu können. Der Siegesrausch wird immer unkontrollierbarer...

An der Veranda von Walters Haus bringen wir in russischer Sprache ein provisorisches Schild an. Kommunistische Partei Deutschlands, Ortsgruppe Frohnau. Ein Offizier hatte die Vorlage geliefert. Woher sollen wir auch russisch können?

Immer mehr Menschen drängen sich in der Wohnung zusammen. Erregtes Stimmengewirr. Bekannte und Unbekannte kommen und gehen. Kommunisten wollen sie alle gewesen sein .... bieten Hilfe an, erwarten Unterstützung, Schutz.

Ehemalige Zwangsarbeiter, auf dem nahegelegenen Stolper Feld untergebracht, finden sich ein. Belgier, Holländer. Walter kennt sie von den Märkten Badstraße und Müllerstraße, auf denen er Brot verkaufte. Er hatte ihnen so manches Mal etwas zugesteckt und vor allem aus seinem Hass gegen Hitler keinen Hehl gemacht.

Mia L. kommt aufgeregt angelaufen. Drüben - irgendeine Dienststelle hatte dort ihren Sitz, niemand wusste welche - plünderten Anwohner. Das müsse doch verhindert werden, dort läge auch ein Berg Kartoffeln. Mia erhält ein Rote Armbinde - sie werden gerade hergestellt - und ein Gewehr, dass wir aufgesammelt hatten. Und damit zieht die kleine und zierliche Mia los, das Gewehr geschultert. Sie schafft sich Respekt. Kein Russe - und es ziehen viele vorbei - hält sie auf oder fragt nur. Wir halten das in dieser Stunde für selbstverständlich!

Der erste Bürgermeister

Dann eine erste Versammlung im Wohnzimmer von Walter. Wir sind etwa 20 Personen. Einige kennen sich, andere behaupten, sie seien Kommunisten, nach Frohnau verschlagen worden zu sein. Wer will das jetzt überprüfen? Aber seinen Lebenslauf muss jeder schildern. Provisorische Parteiausweise werden ausgegeben. Mit einem von mir gemalten Sowjetstern und Hammer und Sichel.

Wer, wenn nicht wir, müssen versuchen, den Ort nicht im Chaos versinken zu lassen. Die anderen warten doch noch ab, wagen sich nicht aus den Kellern heraus. Und wir haben doch jetzt die Macht...

Einen Bürgermeister sollen wir stellen. Der Kommandant ordnet es an. Der soll Ordnung schaffen, Menschen aus ihrer Lethargie herausholen, aus ihren Ängsten und Sorgen. Das Leben muss irgendwie wieder in Gang kommen. Einer muss das Sagen haben. Wer soll es sein? Auf keinen Fall ein ortsbekannter Kommunist. Der könnte nur auf Ablehnung stoßen. Wie wäre es mit dem Gen. M., sage ich. Den kenne ich vom Volkssturm her, der fiel mir dort durch gewagte Reden auf. Der kommt aus Bremen, den kennt hier niemand. Für die Frohnauer ein unbeschriebenes Blatt. Also, den schlagen wir vor. Und so wird Hermann Müller erster Bürgermeister im befreiten Berlin.

Dass er bald in eine leerstehende Villa einzieht, gefällt uns nicht gerade. Aber der Kommandant sagt, ein Bürgermeister müsse standesgemäß wohnen...

Menschen drängen sich in Walters Haus, viele Frauen aus der Nachbarschaft. Sie suchen Schutz vor marodierenden Soldaten. Die dringen in die Häuser ein, vergewaltigen Frauen und Mädchen jeglichen Alters. Wir sind entsetzt, helfen, wo wir helfen können. Der Paragraph 218 wird außer Kraft gesetzt. Dennoch, der Schock sitzt tief. Weinende und verzweifelte Frauen und Familien. Erste Selbstmorde. Über 200 werden es sein. Auch Nazis folgen ihrem Führer. Die Leichen müssen schnellstens unter die Erde. Die ortsansässigen Mitglieder der Nazipartei werden aufgefordert, sich zu melden. Als deren Ortsgruppenleitung sich noch am 21. April Richtung Westen absetzte, ließ sie die Kartei zurück. Jetzt kann sich keiner mehr herausreden. Also, die da bis zum Ende ihrem Führer treu ergeben waren, holen jetzt die Toten aus den Häusern. Die Seuchengefahr ist groß, auch der Schutt von den Straßen muss weg.

Alfred W. kommt. Kommunist seit den Zwanzigern. Mehrfach inhaftiert. In einer Flakstellung in der Nähe seines Hauses lägen Gewehre. Ob wir die brauchten? Wer weiß. Ich mache mich auf den Weg, mit dem Fahrrad. Mit vier Gewehre kehre ich zurück. Niemand hält mich auf. Was eine Rote Armbinde alles vermag... Dabei könnte sie jeder anlegen.

Einer allerdings hat sich noch nicht blicken lassen. Willi W. Vor 1933 Stadtverordneter der KPD. Auch er mehrfach in Haft gewesen. Ich lernte ihn in der Revision der Firma Lindner kennen. Jetzt ist doch auch seine Stunde gekommen. Muss er noch extra aufgefordert werden? Wohl schon. Ich treffe ihn in seiner Souterrain-Wohnung in der Sennheimer Straße an. "Willi, wie lange willst Du noch warten." Auf dem Rückweg gerate ich in Flakfeuer. Russische Antwort auf deutsche Tiefflieger, die über Frohnau kreisen. Es dauert noch eine Weile bis Willi W. in unserer "Zentrale" erscheint. Wir machen ihn zum stellvertretenden Bürgermeister. Mit seinen eisgrauen Haaren hinterlässt er einen würdigen Eindruck. Er ist aber auch sonst alles andere als ein ungehobelter Mensch. Er glättet gerne Konflikte und gilt für so manchen als ein Versöhnler, wohl aus der politischen Geschichte her abgeleitet.

Der Hunger ist groß

Auf der Bahnhofsbrücke liegen tote Pferde. Frohnauer metzeln an ihnen herum. Das hätten sie sich auch nicht vorstellen können. Aber der Hunger ist groß. Lebensmittel werden beschlagnahmt und verteilt. Manch Händler hat sie vergraben, für spätere Geschäfte. Wie S. z. B. Weinend gibt er sie heraus, um sein Leben zitternd, nachdem er zuerst erklärte, nichts mehr zu besitzen.

In der Garage von Dr. Blos sollen Mehl und Zucker lagern, sackweise. Da sei etwas untergestellt worden, den Inhalt kenne er nicht, redet sich der Mann heraus. Wer soll das glauben. Wir öffnen die Säcke und finden tatsächlich Mehl und Zucker vor. Es sind viele Zentner. Mit Walters klapprigen Tempo-Dreirad - ich hatte mit weißer Farbe einen großen Sowjetstern angemalt - holen wir den kostbaren Fund ab. Dr. Blos wird später zum Amtsarzt des Bezirks und zum Präsidenten des Roten Kreuzes aufsteigen.

Der Schwager von Willi W., - ein gelernter Bäcker - backt in einer leerstehenden Bäckerei im benachbarten Glienicke das erste Friedensbrot.

Straßenobleute werden eingesetzt. Sie sorgen auch für die Verteilung der vorhandenen Lebensmittel. Karten gibt es nicht mehr. Alles wird bargeldlos ausgegeben. Walter dirigiert die Obleute, Walter im hellen Trenchcoat, Revolver umgeschnallt. Er arbeitet eng mit dem Kommandanten zusammen, der das Sagen hat.

Letzte Schüsse

In der Stadt wird schließlich immer noch gekämpft. Das ist unüberhörbar. Wo aber ist die Frontlinie? Wir besitzen keinerlei Informationen. Nachts geht noch immer die Angst um. Man sollte mit den Deckeln der Mülleimer Lärm machen. oder mit Löffeln auf Kochtöpfe schlagen, wenn versucht werde, in Häuser einzudringen. Es lärmt häufig nachts! Aber es lässt nach.

Dann heißt es, im Wald halte sich der Wehrwolf auf. In der Königsbacher Zeile fährt ein Geschütz auf und eröffnet das Feuer. Es verstummt aber bald. Immerhin, am Bahnhof brennen zwei Geschäftshäuser ab. Aus ihnen soll geschossen worden sein.

Im Haus der Arztes Dr. Gewalt befindet sich die Bürgermeisterei. Schräg gegenüber hat der Kommandant seinen Sitz, dort, wo noch vor wenigen Tagen Ortsgruppenführer Tillmann verkündete, die Russen stünden überhaupt nicht vor Berlin, seine Macht ausübte, bis er dann klammheimlich gen Westen verschwand.

Wir sind immer noch von der Welt abgeschnitten, Verbindungen zu Hermsdorf und Glienicke allerdings sind hergestellt. Man kennt sich noch von früher, Kontakte sind nie abgerissen.

Der 1. Mai 1945.

Ein Feiertag? Der Kommandant ordnet ihn an. Und Frohnau flaggt rot!

Die größten Fahnen hängen bei den Nazis. Die haben einfach ihr Emblem herausgetrennt, man erkennt das sehr deutlich an dem viel dunkleren Rot in der Mitte der Fahnen

Mit Alfred W. klettere ich auf dem Bahnhofsturm. Die Treppen sind vom Beschuss beschädigt, was uns aber nicht davon abhält, hoch oben eine Rote Fahne zu hissen, auch ohne Befehl...

Und wo die Roter Fahne weht, werden wir sie nie wieder einholen, so denken wir in diesem Augenblick. Die Fahne nicht, die Macht nicht, die uns die Befreiung brachte. In der Bürgermeisterei stoßen wir mit einem Glas Sekt auf diesen Tag an. Dazu gibt es Brot und Pferdeschmalz.

Schutz des Wassers

Das Wasserwerk in Stolpe-Süd ist intakt geblieben. Bis zum 22. April versorgte es auch Frohnau. Da gibt es eine Geschichte, die Runde macht. Als die Russen schon in Bernau waren haben sie das Wasserwerk angerufen, es meldete sich dort jemand. Den sollen sie dafür verantwortlich gemacht haben, das Werk unzerstört zu übergeben, sonst.... Ob es sich wirklich so verhielt? Spannend ist die Geschichte allemal. Und das Werk fiel ihnen ja unzerstört in die Hände.

Am Tage halten sich Wasserwerker im Werk auf. Aber nachts?

Als machen wir uns auf den Weg, drei Mann sind wir, bewachen einige Tage und Nächte das Wasserwerk. Wir sind zu dritt, haben etwas Brot und Kunsthonig mitbekommen. Jeder kann das Gelände betreten, jeder kann auch mitnehmen, was mitnehmenswert ist. Und in dieser Zeit ist alles mitnehmenswert. Und dann könnten ja noch versprengte Wehrwölfe.... Und gegen die sollen wir im Ernstfall das Wasserwerk verteidigen. Ob die dann zurückweichen wenn sie unsere Armbinden sehen? Doch an den denken wir nicht. Die warmen Mainächte und erst recht die Tage wirken bereits so friedlich. Doch dann schrecken wir hoch. Um uns herum ist eine wilde Schießerei im Gange, Leuchtspurgeschosse hellen die Nacht auf. Aus unzähligen Gewehren und Rohren wird gefeuert. Also doch der Wehrwolf und die Antwort der Russen? Uns ist nicht gerade wohl. Aber was sollen wir tun? Uns verkriechen? Wohin? Nach einiger Zeit kehrt wieder Ruhe ein.

Am nächsten Morgen - es ist wieder ein wunderschöner Maimorgen - erfahren wir: Der Krieg ist aus.



Peter Neuhof

Peter Neuhof, Jg. 1925, wuchs in einer jüdisch - kommunistischen Familie auf. Sein Vater wurde von den Faschisten im KZ Sachsenhausen ermordet, seine Mutter überlebte das KZ Ravensbrück.

Für Peter Neuhof wurde der 22. April 1945 in Frohnau der Tag der Befreiung. Seine Autobiografie „Als die Braunen kamen. Eine Berliner jüdische Familie im Widerstand“ erschien 2006 bei Pahl-Rugenstein, Bonn, ISBN 3-89144-356-0

100 Jahre Frohnau

Frohnau wird 100 Jahre alt. Am 7. Mai 1910 wurde die Gartenstadt offiziell eröffnet. Die „Hermsdorf-Waidmannslust-Frohnauer Zeitung“ berichtete „Die geladene Gesellschaft (nur Herren!) kam im Sonderzug nach Frohnau. Nach einer Kutschfahrt durch den Ort fand ein Festessen im Kasino statt.“ Seit 1920 ist Frohnau Ortsteil des Bezirkes Reinickendorf.

In der Nacht vom 21. zum 22.April 1945 wurde Frohnau von sowjetischen Truppen besetzt.

Unser Autor Peter Neuhof erinnert sich an jene dramatischen Tage vor 65 Jahren...

Gedenktafel am Zeltinger Platz

Fotos: Marion Lubina

„Jüdische Nachbarn 1933 - 1945 - verfolgt - vertrieben - ermordet - vergessen?“

Am 8. November 2000 wurde die Gedenktafel zur Erinnerung an jüdische Nachbarn in Frohnau auf dem Vorplatz der Johanneskirche am Zeltinger Platz enthüllt.

Erwähnt wird u. a. auch der Vater unseres Autors, Karl Neuhof.