Jugendeinsamkeit: anerkannt – aber politisch vernachlässigt
Kleine Anfrage der Linken
Jugendeinsamkeit ist längst kein Randphänomen mehr. Bundesweit sind junge Menschen seit der Pandemie die einsamste Bevölkerungsgruppe. Auch in Reinickendorf ziehen sich immer mehr junge Menschen von sozialen Aktivitäten zurück und berichten von Einsamkeit – das bestätigen Träger wie Gangway e.V. Dennoch zeigt die Antwort des Bezirksamts auf unsere Kleine Anfrage in der Bezirksverordnetenversammlung ein ernüchterndes Bild.
Der Bezirk erhebt keine eigenen Daten zur Jugendeinsamkeit. Es gibt weder bezirksscharfe Zahlen noch eine belastbare Datengrundlage für passgenaue Maßnahmen. Zwar wird auf Studien von Krankenkassen und Stiftungen verwiesen, doch diese lassen keine Aussagen für Reinickendorf zu. Trotzdem soll eine „Strategie gegen Einsamkeit mit der Fokusgruppe Jugend“ entwickelt werden - ohne entsprechende Grundlagen.
Auch bei den Maßnahmen wird deutlich: Die wenigen genannten Projekte (z. B. Graffiti-Workshops oder Projektwochen) sind klein, zeitlich begrenzt und erreichten insgesamt unter 100 junge Menschen. Eine strukturelle oder flächendeckende Wirkung ist nicht erkennbar. Für Jugendeinsamkeit stehen zudem null Euro an eigenen Haushaltsmitteln zur Verfügung.
Positiv ist der Anspruch auf Beteiligung junger Menschen und die Einführung digitaler Angebote wie der Klub-App. Doch das reicht nicht aus. Sich darauf zu verlassen, dass Jugendarbeit „präventiv wirkt“, greift zu kurz, wenn Einsamkeit in dem Ausmaß als Phänomen bei jungen Menschen noch recht neu ist und gleichzeitig die Jugendarbeit unter permanentem Kürzungsdruck steht. Gerade jetzt braucht es aufsuchende, gezielte und ausreichend finanzierte Angebote.
Für uns als Linke ist klar:
Einsamkeit ist kein individuelles Versagen, sondern eine Folge von Armut, Leistungsdruck, Wohnungsnot und Ausgrenzung. Wer Jugendeinsamkeit ernsthaft bekämpfen will, muss die öffentliche Jugendhilfe stärken und absichern, statt ihr immer neue Aufgaben ohne Ressourcen aufzubürden.
