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Zu Gast in Reinickendorf: Andrej Hermlin

Wir in Reinickendorf • 7/2007

photo: g.u.hauth

Wer zu früh kommt, muss warten. Andrej Hermlin ist pünktlich. Er wohnt in Pankow, hat das Haus seines Vaters, des Schriftstellers Stephan Hermlin, gekauft. Ein historischer Ort: im November 1976 hatten sich dort im Wohnzimmer Gerhard und Christa Wolf, Sarah Kirsch, Volker Braun, Heiner Müller, Stefan Heym getroffen, um gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann zu protestieren. Wie die Dinge endeten, ist bekannt.

Wer auf einen Baum klettern will, fängt unten an, nicht oben.

Andrej Hermlin und ich kennen uns aus der PDS in Pankow. Im Februar 1990, als viele austraten, trat er ein. Und blieb bis heute dabei. Er engagierte sich im Landesvorstand der Berliner PDS gegen alte und neue Nazis, kandidierte fürs Abgeordnetenhaus, entschied sich dann jedoch für seine größere Liebe, die Musik. Die Erfolge überall in der Welt geben ihm Recht, hätten ihn aber auch – wie er feststellt – immer zufriedener, satter gemacht. Seine Fragen seien leiser und leiser geworden. Aufgerüttelt habe ihn eine BBC-Fernsehdokumentation über den Putsch gegen Hugo Chávez in Venezuela, ihm den Grad der Manipulation gezeigt.

Sehen ist anders als erzählt bekommen.

Erschüttert habe ihn das Erlebnis Kenia, der Heimat seiner Ehefrau Joyce. Ein faszinierendes Land, aber so viel Not - das könne Gott nicht ge wollt haben. In der Presse war jüngst zu lesen, wie er Schuhe und Schulbücher für die Kinder in „seinem“ Dorf Thumaita am Fuße des Mount Kenia kauft, beim Umzug hilft, Strom legen lässt, sich in den Wahlkampf einmischt und den Oppositionsführer Odinga, einen DDR-Absolventen, unterstützt, also konkret hilft. Wie ein Wunsch-Bürgermeister.

Donner heißt noch nicht Regen. Reden ist nicht Tun.

Die „veranschlagten 60 Milliarden US-Dollar“, die die G8 „in den nächsten Jahren“ Afrika „zur Verfügung stellen“ wollen, von Frau Merkel in Heiligendamm als Erfolg verkündet, nennt Andrej Hermlin lächerlich. Wie so oft - leider leere Versprechungen. Ihn bewegt: „Was passiert mit dem Geld? Was kommt bei den Menschen an? Was stecken sich korrupte Politiker in die eigenen Taschen?“ Und weiter: „Wer war denn beim G8 vertreten, abgeschottet hinter einem kilometerlangen Zaun? Wessen Interessen wurden dort bedient? Es geht doch immer noch um Erdöl, Wasser, Ressourcen, Waffenexporte, Märkte für hochsubventionierte Produkte.“ Heiligendamm symbolisiere die Krise des ganzen Systems. Lafontaine habe Recht, wenn er an Rosa Luxemburgs Alternative „Barbarei oder Sozialismus“ erinnere. Der Klimawandel zeige: Die Verhältnisse können so nicht bleiben.

Ein Finger allein kann nicht einmal eine Laus umbringen.

Andrej Hermlin bemerkt, die PDS war ihm lange zu defensiv, habe unnötig Positionen aufgegeben. Als scharfer Kritiker der antisozialistischen Verhältnisse in der DDR meint er, die Linken müssten aus der notwendigen Selbstkritik neues Selbstbewusstsein schöpfen. Durch die Gründung der LINKEN Mitte Juni – er war kurz auf dem Parteitag – fühlt er sich neu motiviert. 2005 hatte er den Wahlaufruf von prominenten Künstlern, Wissenschaftlern, Sportlern für die Linkspartei unterschrieben. „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, hieß es darin. Der Wind beginnt sich zu drehen. Die Entwicklung in Lateinamerika - er nennt Venezuela, Bolivien -, wo erstmals Sozialismus auf demokratischem Wege versucht werde, bestärke die Linke überall. „Die Leute sehen auf uns."

Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann lässt du die Schatten hinter dir.

Was bewirken Träume, Visionen? Politik und Musik sind da, scheint mir, gar nicht so weit entfernt. Mein Eindruck: Andrej Hermlin verfolgt seine Visionen mit Leidenschaft. Wer kann schon wie er von sich sagen, er habe sich alle Träume erfüllt. Als er vier war, hörte er die Jazz- platten seines Vaters. Mit zehn hatte er Vorstellungen davon, was er „mal werden wollte“. Der Swing hat ihn nicht mehr losgelassen. 1987 gründete er seine eigene Big Band. Nun mit 42 heißt er der „deutsche King of Swing“, spielt mit seinem Swing Dance Orchestra in Zürich und Hongkong, in München und Wien, im Schauspielhaus und in der Philharmonie. Und spielt Glenn Miller, Benny Goodman, Duke Ellington original dort, woher der Swing kommt - in New York. Traum und Realität seien hier als ob jemand von der Cesna auf eine 747 umsteige, bekennt er. Seine Erfolge hätten ihn „nicht besoffen“ gemacht. Deren Geheimnis? Seine Musik sei handgemacht, live, echt.

Wer sich überzeugen will: Im August kommen Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra nach Reinickendorf.

Sein Sohn kommt aus der Schule. Der Vater fragt ihn nach den Schularbeiten. Die sind fertig. Was er vorhat? Fahrrad fahren. Aber hinterm Haus. David sei begabter als er.

Klaus Gloede