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Warum feiern Christenmenschen Ostern?

Wir in Reinickendorf • 03/2008

Von Eberhard Gutjahr, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Reinickendorf

Woran denken Sie bei Ostern?

an ein orientalisches Märchen?
an ein unglaubliches Wunder?
an Osterwetter und Frühlingserwachen?
an Ostereier?
an Osterglocken?
an den Osterhasen?
an die Osterferien?
an Ostermärsche?

Für Christenmenschen in aller Welt ist Ostern das älteste und wichtigste Fest der Christenheit. Warum feiern sie es?

Auf diese Frage antwortet ein kleiner Bericht, den ein Besucher, der zu Ostern in Kenia war, einmal gab. Dort in Kenia hielt der Bischof Stefano Moski den Gottesdienst zu Ostern. „Noch während er drinnen in der Kirche den Gottesdienst zum Abschluss brachte, fingen draußen vor der Kirche“, - so heißt es in diesem Bericht, - „schon einige Frauen in ihren bunten Kleidern zu tanzen und zu singen an. Eine Vorsängerin beschrieb in immer neuen Variationen, warum Ostern gefeiert wird und warum Ostern ein Fest der Freude ist. Dann fielen die Frauen in den Kehrreim, der nur aus einer einzigen Zeile bestand: „Der Tod ist tot. Halleluja!“ Die Frauen hatten die Osterpredigt gehört und den Gottesdienst miterlebt, aber dann hielten sie es auf ihren Plätzen nicht mehr aus. Sie mussten aus Freude darüber aufstehen, singen und tanzen. Das Lied war vorher nicht aufgeschrieben worden, sondern es entstand ganz spontan aber an jenem Ostermorgen!

Der vollständige Text lautet:

JESUS CHRISTUS ist vom Tod auferstanden.
Der Tod ist tot. Halleluja!
JESUS CHRISTUS gehören wir.
Der Tod ist tot. Halleluja.
Niemand kann uns das Leben nehmen.
Der Tod ist tot. Halleluja.

Der Funke der Osterpredigt hatte die Menschen in Bewegung gebracht. So weit dieser Bericht.

Dieser Ausruf: „Der Tod ist tot! Halleluja“ ist vielleicht die kürzeste Antwort, die wir auf die Frage nach Grund und Sinn des Osterfestes geben können. Halleluja heißt: Gott sei gelobt. Die Frauen, die diesen Jubelruf gesungen haben, brachten ihre Freude über die Osterbotschaft spontan zum Ausdruck und wollten die anderen Gottesdienstbesucher mitreißen. Unwillkürlich musste ich bei diesem Vers auch an den Ostergruß der Christen in der Ostkirche denken. Ich war fünfmal in Wolgograd Gast bei den dortigen Gemeinden. In der Osternacht rufen die russisch-orthodoxen Christen und Christinnen einander zu: „Christos woscrese“.

Der Osterglaube der Christen lebt von der Zusage des auferstandenen Christus, dass dem Tod die letzte Macht genommen ist. Zwar leben wir in einer  Welt – wer will das leugnen? – in der uns der Tod in vielfältiger Gestalt als Wirklichkeit entgegentritt: im natürlichen Ableben der Menschen, bei Unfällen und Morden, in Bürgerkriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen von Völkern, im Sterben der Drogenabhängigen, der Hungernden und der schon in jungen Jahren durch schwere Krankheiten Sterbenden. Aber der Tod ist als Wirklichkeit nicht nur an den Gräbern zu erfahren, sondern er wirkt auch hinein in unser Leben: Resignation, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, Mutlosigkeit, Verzweiflung, Sinnlosigkeit, Einsamkeit, Hass und Unterdrückung sind Spuren seiner Wirklichkeit unter uns. Der Tod regiert als der heimliche Herrscher oft auch dort, wo – oberflächlich betrachtet – pulsierendes Leben zu beobachten ist.

Der Kirchenvater Augustin hat einmal gesagt: „Jede Stunde, die wir leben, leben wir dem Tod entgegen.“ Deutlicher als früheren Generationen ist uns vielleicht heute die Gefährdung unseres Lebens bewusst, nicht nur im Blick auf das eigene Leben, sondern auch im Blick auf die Schöpfung um uns herum. Der Christ, der von der Auferstehungsbotschaft seine Lebenskraft erhält, lebt in dieser vom Tod bedrohten Welt mit der Hoffnung, dass letztlich das Leben über den Tod triumphieren wird. Ohne diese Hoffnung, so sagt der Apostel Paulus, wären wir die Elendsten unter den Menschen. Christen sind „Liebhaber des Lebens.“

Christenmenschen bekennen (nicht nur zu Ostern): „Jede Stunde, die wir leben, leben wir dem Tod und der Auferstehung entgegen.“