MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN
Dieser Film war der deutsche Beitrag in der neuen Berlinale-Sektion PERSPECTIVES, die internationale Spielfilmdebüts präsentiert.
Philipp Teubner sprach mit der Regisseurin Constanze Klaue, dem Autor der Romanvorlage Lukas Rietzschel und den Darstellern Anja Schneider und Christian Näthe.
Es ist bemerkenswert, dass in letzter Zeit häufiger Filme ins Kino kommen, die in einer ganz besonderen Landschaft – im Osten Deutschlands nach der Wende – ihre Figuren und Geschichten finden. Nach der Reduzierung des DDR-Alltags auf Stasi-Themen hebt eben dort eine Chimäre ihr unappetitliches Haupt, die den Menschen das Fürchten, zumindest aber das Grübeln lehren könnte...
Der aktuelle Film MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN spielt zu Beginn der 2000er irgendwo in der ostsächsischen Oberlausitz im dörflichen Milieu, und die Bewohner dieses Landstrichs sind keine Helden oder sonst wie auffällige Leute – sie versuchen einfach mit dem, was sie da erleben, klarzukommen. Sie sind exorbitant überfordert, den Konsumdruck, die Freiheitssegnungen und die wechselnden Job-Angebote respektive häufigen Job-Verluste mit dem erwünschten neuen Weltbild zu arrangieren.
Und da sind ihre Kinder. Für die bleibt nur noch wenig Raum und Zeit. Von diesen, in jenem Milieu Heranwachsenden erzählt der Film. Das heißt, eigentlich versucht er uns einige Verständnishilfen zu bieten, die zwar nicht alles erklären, aber ein starkes Gefühl dafür geben, was da so und warum, in Richtung Rechtsaußen driftet.
Der Debütfilm von Constanze Klaue (1985 in Ost-Berlin geboren) basiert auf dem gleichnamigen, preisgekrönten Roman des Autors Lukas Rietzschel von 2018.
Wie entstand eigentlich dieser drastische Titel – und was waren eure Gedanken dabei?
Lukas Rietzschel (Autor):
„Also der Titel ist der Versuch, ein Gefühl zum Ausdruck zu bringen, nämlich fast wie eine Verzweiflung. Zu fragen, was bleibt mir noch?
Ganz konkret ging es mir darum: als Jugendlicher hatte ich nicht den Eindruck, da ist eine Zukunft, die auf mich wartet, da ist eine Welt, die mir zugewandt ist. Da ist einfach…nichts.
Und die einzige Möglichkeit, die ich habe, ist destruktiv zu sein, zu zerstören. Auch in Kauf nehmen, dass ich mich dadurch selbst zerstöre oder Menschen, die mir nahestehen. Und das ist letztlich „Mit der Faust in die Welt schlagen“...“
Constanze Klaue (Regisseurin):
„Also ich fand den Titel immer stark. Ich habe trotzdem auch eine Zeit lang überlegt, ob der Film anders heißen müsste, weil das etwas plakativ ist. Auf der anderen Seite drückt es genau das aus, was Lukas gerade beschrieben hat. Ich mag ihn einfach sehr, sehr gerne im metaphorischen Sinne.
Das Buch ist zudem sehr subtil, sehr fein, sehr leise was ich auch versucht habe in meinem Film umzusetzen. Der Erzählton war mir sehr nah und so war es eine ganz, ganz bereichernde und tolle Drehbucharbeit.“
Und wie wichtig war euch die Landschaft – die Oberlausitz – für das Erzählen dieser Geschichte?
Constanze Klaue (Regisseurin):
„Also, mir ist die Landschaft sehr wichtig. Mir war wichtig, dass wir wirklich in der Oberlausitz drehen, dort wo Lukas auch die Geschichte entworfen hat. Sie hat noch ein Stück weit was Romantisches durch diese Hügel, über die Berge, die Steinbrüche - sehr visuell.
Die Kargheit, natürlich war das auch ein Thema. Die Sehnsucht, die Melancholie und auf der anderen Seite aber auch eine Freiheit zu erzählen. Also es ist beides: es ist Verlorenheit und Freiheit. Und das Haus der Familie war dann tatsächlich der persönlichste Aspekt darin, weil wir in dem Haus meines Vaters gedreht haben.“
Ohne Besserwisserei und Agitation zeigt der Film eindringlich, wie in dieser wertefremden Neu-Ideologie Leerstellen nach und nach von scheinbar verschüttetem Meinungsgut besetzt werden. Ob das zunächst nur dumpfe Polen- und Judenwitze sind oder gemalte Hakenkreuze.
Und auch die Lehrer sind offensichtlich überfordert. Die Pubertierenden in ihrem Aktivitätsdrang und ihrer Widerspruchslust finden in den allgemeinen Verwerfungen dieser Zeit ein scheinbares Geborgensein der Neonazi-Szene. Simpel, emotionsbeladen und meinungsstark statt gedankentief.
Und schon geraten Philipp (12) und Tobias (9), die „Helden“ des Films, unter die Hakenkreuzschmierer und „Sieg-Heil“-Brüller. Einfach so – und beim Zusammenrotten gibts schon mal ein „Zeckenbier“ und eine geradezu sinnbildliche Filmszene, in der die Jungs eine völkische Polka tanzen. Von da ist es nicht mehr weit mit dem Hass gegen Andersdenkende oder einer Zündelei im Asylantenheim.
Lukas Rietzschel (Autor):
„Ich wünsche mir, dass Menschen begreifen oder vielleicht auch diesen Film zum Anlass nehmen, mal mit den anderen Generationen ins Gespräch zu kommen. Einfach mal zu fragen: Wie war eure Zeit, wie war eure Jugend, wie habt ihr das wahrgenommen?“
Constanze Klaue (Regisseurin):
„Ich merke tatsächlich bei meiner Familie, dass ein Prozess stattgefunden hat. Das finde ich ganz interessant, dass ich am Anfang mit diesem Thema doch ziemlich alleine war und ich einen Unwillen spürte, sich damit auseinanderzusetzen. Mittlerweile aber hat ein bisschen ein Umdenken stattgefunden und wir konnten diese Sprachlosigkeit ein Stück weit überwinden.“
Christian Näthe (spielt den Vater):
„Auch wenn ich jetzt zum Beispiel nicht in der Lausitz groß geworden bin, sondern in Potsdam, konnte ich mich sehr gut daran erinnern, wie auch meine Eltern in dieser Transformationszeit ihren inneren Kompass neu justieren mussten und wir als Kinder auch ein bisschen auf uns alleine gestellt waren. Also, sprich, auch wir mussten gucken, was ist denn das jetzt hier, wo geht die Reise hin.
Der Film erzählt ja meistens aus der Sicht der Kinder – da konnte ich mich sehr gut an meine eigene Kindheit erinnern und an Dinge, wo meine Fragen nicht hinreichend beantwortet wurden, und ich glaube, das spielt bis heute eine Rolle.“
Es ist ein großer Vorzug des Films, nicht zu agitieren, sondern mit Alltags-situationen und Andeutungen zu arbeiten...
Anja Schneider (spielt die Mutter):
„Ja, ich finde es ist wirklich eine absolute Qualität des Films, dass er das schafft und sich traut zu beschreiben, nicht zu werten, nicht den Zeigefinger zu heben. Dass er sich traut, jede Figur, auch die, die den Hitlergruß macht, auch die Lehrerin, die so perfide mit diesen Kindern umgeht, trotzdem mit einem Verständnis zu begegnen. Und, das finde ich wichtig, weil es nicht um Schuldzuweisung, um Wertung, sondern um eine Beschreibung, um ein Verarbeiten geht.“
Lukas Rietzschel (Autor):
„Gute Kunst erklärt nicht. Gute Kunst verzichtet auf jede Art von Didaktik und pädagogischen Ansätzen.
Und auch im Roman folge ich dem Prinzip: „Show, don‘t tell“. Also einfach Dinge zu zeigen und sie nicht zu erklären. Wenn ich Traurigkeit herstellen möchte, dann zeige ich sie. Ich sage nicht, jemand ist traurig, sondern ich zeige, woran liegt es. Ich muss mir also eine Szene ausdenken.
Und das macht, glaube ich, mein Schreiben auch schon zu einem sehr szenischen, sehr bildlichen Schreiben. Es geht immer darum, eine Geschichte zu erzählen. Und Conny hat das eigentlich nicht nur beibehalten, sondern für sich nochmal ausgefüllt und ganz eigen interpretiert.“
Man hat den Eindruck, dass der Film genau zur richtigen Zeit kommt. Die Geschichte hat nicht an Aktualität verloren.
Lukas Rietzschel (Autor):
„Naja... als das Buch rauskam, 2018, war es auch schon das Buch zur Stunde und so weiter. Ich habe das Gefühl, diese Stunde hält schon echt lange an.
Wir machten eine Momentaufnahme einer Zeit. Ich finde es schlimm genug, dass es da immer noch bis heute Parallelen gibt, dass sich Geschichte da auch wiederholt. Ich meine, das fängt in den 2000ern an, da hieß es bei mir schon: Naja, das war in den 90ern schon so und dann in den 2010ern... Jetzt sind wir in den 2020ern!
Also, es ist nicht nur so, dass es zur Stunde passt, sondern dass diese Stunde andauert. Das ist, was mich eigentlich beunruhigt.“
Constanze Klaue (Regisseurin):
„Ich sehe das genauso. Also ich habe ja den Film vor fünf Jahren angefangen und habe gedacht, das hat eine ganz große Dringlichkeit. Was ich jetzt merke, ist, dass noch viel mehr Menschen um mich herum das auch spüren. Ich beschäftige mich jetzt auch schon seit fast 15 Jahren, mit diesem Thema. Also ich spüre seit so langer Zeit diese Dringlichkeit. Es ist so und es hört nicht auf...“
Der Film startet am 3. April in den Kinos.

