ZIKADEN

neu im Kino

Philipp Teubner

Schauspielerin und Regisseurin Ina Weisse präsentierte im Panorama der diesjährigen Berlinale ihren aktuellen Film. Und diesmal erzählt sie mit ihren Stars Nina Hoss und Saskia Rosendahl eine Geschichte im Brandenburgischen.

Sommer in Brandenburg, zwei ungleiche Frauen, eine aufkeimende Freundschaft - oder Liebe? Nina Hoss („Barbara“) und Saskia Rosendahl („Tár“) sind die Hauptdarstellerinnen in einem bemerkenswerten Film der Autorin und Regisseurin Ina Weise („Das Vorspiel“). Der Film hatte seine Premiere bei der diesjährigen Berlinale und kommt jetzt in die Kinos.

Zunächst stellt sich natürlich die Frage nach dem rätselhaften Titel: ZIKADEN?

Ina Weisse (Regie):
„Eine sehr gute Frage...
Zikaden haben mich bei der Drehbucharbeit begleitet und auch als wir den Film gedreht haben. Man möchte es nicht glauben, aber es gab Zikaden in Brandenburg und die sind ja sehr laut: also man hört sie und man sieht sie nicht. Ich fand das ist eigentlich eine interessante Metapher für die Frauen - dieses Geheimnis, das da zwischen beiden ist. Dann dachte ich, es passt dieser Titel, der nicht alles festlegt, der noch etwas offenlässt.“

Die alleinerziehende Anja (Rosendahl) versucht sich und ihre aufgeweckte, also anstrengende Tochter mit verschiedenen Jobs notdürftig über die Runden zu bringen. Architektin Isabell (Hoss), die sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmert und die eine frisch gescheiterte Beziehung verarbeitet, muss feststellen, dass ihr eigentlicher Lebensplan im Chaos zu versinken scheint. Die alternden Eltern können nicht mehr unabhängig leben und also pendelt sie zwischen Berlin und dem brandenburgischen Haus, das ihr Vater entworfen und gebaut hat hin und her. Und hier begegnen sich Isabell und Anja.

Ina Weisse (Regie):
„Ja ich fand es interessant zwei Frauen zu zeigen, die aus ganz unterschiedlichen Milieus kommen und auch sehr verschieden sind in ihrer Art wie sie leben. Und die zusammenzubringen und dann zu fragen, ist eine Freundschaft oder eine Beziehung zwischen den beiden überhaupt möglich? Das war der Grundgedanke, das hat mich interessiert. Dazu kommt, dass ich beide einfach sehr, sehr mag, beide Schauspielerinnen.“

Als sie das Drehbuch zu ZIKADEN lasen - ahnten Sie da schon etwas von dieser Schönheit, die den Film einmal bestimmen würde?

Nina Hoss:
„Ja natürlich, weil, dieser Film ist einfach so anders entstanden, als wie das üblicherweise der Fall ist. Weil ich schon relativ früh mit Ina Weiße im Gespräch war und wusste, wonach sie sucht und was sie gerade interessiert. Wir haben uns immer wieder getroffen und auch Kamerafrau Judith Kaufmann war dabei und wir haben erste Szenen gedreht, ohne dass man genau wusste, was die Geschichte ist. Mir war schon bewusst, dass da so eine Schönheit drin ist, dass alles Schwere immer mit Leichtigkeit gepaart ist und das ist ja Inas Erzählweise, die ich liebe. Dass sie sich Dinge erlaubt, die so unerwartet sind und die Figuren auch Sachen entdecken und machen, die unerwartet sind und deswegen weiß man nie, woran man ist, und bleibt an dieser Geschichte dran. Es ist schwierig den Plot nachzuerzählen, der so viele Themen anreißt, wo man einen sehr intimen Einblick bekommt in das Leben dieser zwei Frauen. Er hat viel Ambivalenz und Nuancen - wir finden alle was in diesem Film, was mit unserem Leben zu tun hat.“

Ina Weisse (Regie):
„Das wollte ich auch. Ich wollte selber meiner eigenen Dramaturgie ein bisschen entkommen, die oft viel zu schnell ist. Und deswegen sage ich, es ist aus Fragmenten entstanden. Es war so ein bisschen wie die Suche nach einer anderen Erzählform.“

Diese Schönheit liegt natürlich am Spiel dieser perfekt besetzten Darsteller - aber auch an dieser wunderbaren Kameraarbeit von Judith Kaufmann (u.a. „Das Lehrerzimmer“, „Die Herrlichkeit des Lebens“, „In Liebe, Eure Hilde“…), bei der auch noch die gewöhnlichsten Alltagsmomente ganz ohne Effekte ihre besondere Ausstrahlung bekommen.

Ina Weisse (Regie):
„Ja, die ist toll, weil uns, glaube ich, auch viele Dinge gemeinsam interessieren. Dieser schmale Grat zwischen nicht-professionellen Darstellern und Schauspielern, weil dadurch ein freierer Raum entsteht, etwas, was man nicht vorhersehen kann. Judith hatte dafür eine Handkamera, damit sie schneller reagieren kann. Es gab zwar Szenen, da war alles festgeschrieben, aber die nicht-professionellen Schauspieler haben dann reagiert auf die Schauspieler und die Schauspieler mussten wiederum auf die Laien reagieren. Judith ist da wirklich meine Komplizin, und sie macht einfach tolle Bilder. So wie die Darstellerinnen für mich eine große Poesie haben, so haben Judiths Bilder auch Poesie.“

Nina Hoss:
„Ich habe ja vor Ort die Gespräche zwischen Ina und Judith mitbekommen, und ich wusste, wonach Judith sucht und was sie baut und auf welches Licht wir warten...
Also, wenn du weißt, Judith kommt dazu, dann weißt du, was du da an Qualität hast, und du kannst dich auf die Bilder freuen. Sie hat dem Film ihren Stempel aufgedrückt, und das ist ganz fantastisch.“

Sie haben die Rollen für Isabells Eltern mit ihren eigenen Eltern besetzt. Machte Ihnen das die Inszenierung leichter?

Ina Weisse (Regie):
„Das kann ich gar nicht sagen, ob das leichter oder schwerer ist. Es war für mich fast natürlich.
Ich hatte mit meinem Vater einen Dokumentarfilm über die neue Nationalgalerie gemacht. Weil er, als das Gebäude von Mies van der Rohe gebaut wurde, in Chicago in dessen Büro gearbeitet hat. Er hatte damals eine Bolex-Kamera und hat Mies van der Rohe bei der Arbeit begleitet und diese Bilder sind auch in den Film eingeflossen. Das heißt, ihn zu fragen, ob er mitmachen will, war für mich eigentlich ganz natürlich. Meine Mutter ist etwas scheu, aber ich hatte sie auch schon oft bei verschiedenen Gelegenheiten gefilmt und wusste, dass sie eine Natürlichkeit hat. Es war eine Freude und es war sehr schön für mich - gar nicht fremd. Es kommt noch eine Ebene hinzu.“

Es gibt ja vieles, was in Ihrem Film unausgesprochen oder beabsichtigt offen bleibt. Und interessant ist ja auch das Verhältnis Isabel-Anja, wo man zwischendurch vielleicht denkt: Love-Story- dann doch nur Freundschaft oder was ganz anderes…

Ina Weisse (Regie):
„Ich würde es gar nicht beantworten wollen. Ich würde es offen lassen. Ich glaube, jeder zieht da seine eigenen Schlüsse, weil so unterschiedlich die beiden sind, ebenso sind sie sich ja auch ähnlich. Sie suchen beide ihren Platz in ihrem Leben. Die eine kümmert sich um das Kind, kümmert sich um verschiedene Jobs. Die andere kümmert sich um die Eltern, um ihre Ehe. Dann hat sie ihre Arbeit, wo sie auch nicht glücklich ist, denn sie würde gerne richtig Architektin sein - ist sie eigentlich auch, wollte ins Büro des Vaters einsteigen, aber er hat in dem Moment einen Schlaganfall bekommen.
Also gibt sie ihm ein bisschen die Schuld, damit sie von der eigenen Schuld wegkommt.“

Nina Hoss:
„Man weiß nicht genau, worauf es hinausläuft, aber da ist eine große Anziehung. Weil sie beide offen genug sind in dem Moment und auch ihre Unterschiedlichkeit interessant finden. Auf Entdeckungsreise zu gehen mit den beiden - und ob das jetzt eine Liebesgeschichte ist oder nicht, das ist gar nicht so wichtig. Es ist eher dieser spannende Weg: Menschen kommen zueinander und lassen es zu.“

Ina Weisse (Regie):
„Es gibt eben keine dramaturgisch künstlich ausgeklügelte Geschichte. Es sind irgendwie ganz normale Alltagsmomente, denen man dann, wenn man das möchte, mit großer Spannung zusehen kann.
Also sie sind beide eigentlich ein bisschen auf dünnem Eis und treffen sich in diesem Moment. Vielleicht wäre es später oder früher gar nicht gegangen - aber in dem Moment sind sie beide einfach auf der Suche nacheinander.“

Nina Hoss:
„Dieser Film ist, glaube ich, deswegen interessant, weil man Zeit hat, weil dieser Film dich als Zuschauer ernst nimmt. Dass du Zeit und Muße hast, für einen ganz intimen Blick in das Leben anderer Menschen, und im besten Falle bekommst du einen persönlichen Bezug dazu, weil sie es gerade da für dich leben. Es ist nicht deins, aber du kannst andocken daran. Manchmal versteht man doch dann sein eigenes Leben fast besser, wenn man einen Film gesehen hat, der einen persönlich berührt und einen ernst nimmt. Und deswegen, glaub ich, wird dieser Film viele Menschen abholen können.“

ZIKADEN startet am 19. Juli 2025 in den Kinos.

© Judith Kaufmann / Lupa Film
© Judith Kaufmann / Lupa Film
© Judith Kaufmann / Lupa Film
© Judith Kaufmann / Lupa Film