METROPOLIS IM BABYLON
Die Rezeption von Filmen entfaltet sich derzeit und wird vielfältiger. In Zeiten von Streaming und ständiger Verfügbarkeit einer gigantischen Filmauswahl geht es nicht mehr nur um aktuellste Blockbuster und massentaugliche Kinostücke. Der über die Jahre gewachsene, enorme Schatz bedeutender Filme wird inzwischen – wie die Werke in Bibliotheken und Museen – wiederentdeckt, restauriert, unter neuen Gesichtspunkten gewertet, präsentiert und gesehen. Viele Kinos bieten daher, neben dem üblichen Tagesprogramm, regelmäßig spezielle Reihen mit Meisterwerken der Filmgeschichte. Und so kommen fast jede Woche – neben neuen Filmen – auch Klassiker ins Kino: manche zehn Jahre alt, andere hundert.
Das Kino BABYLON in Berlin bietet zudem mit seinem, weltweit einzigen fest installierten Orchester, hochwertige Live-Begleitungen zu klassischen Stummfilmen. Stefanos Tsialis war bereits Chefdirigent des Athener Staatsorchesters und hat mit über 100 verschiedenen Orchestern weltweit gearbeitet. Er liebt es zudem, Stummfilmvorführungen mit Orchester zu dirigieren und ist ständiger Gastdirigent des Berliner Babylon Orchesters.
Wie gelingt so ein Dirigat, im Dunkeln, synchron mit dem Film und ohne eigenes Tempo arbeiten zu müssen?
STEFANOS TSIALIS (Dirigent):
„Ich mache das seit über 20 Jahren mittlerweile. Es ist eine Herausforderung der ganz besonderen Art, weil man ja tatsächlich das Tempo nicht vorgeben kann. Das Tempo wird vom Film vorgegeben. Andererseits – ich glaube, dass Freiheit immer auch in der Begrenzung liegt. Das heißt, innerhalb dieses sehr engen Zeitfensters eines solchen Films, die Freiheit zu finden, frei zu dirigieren, Klang zu entwickeln – das ist die große Herausforderung. Ich bin ja eigentlich durch die Hintertür zur Filmmusik gekommen, weil ich einmal für einen erkrankten Kollegen eingesprungen bin. Es hat wirklich auf Anhieb geklappt, und das war so gut, dass wir seitdem regelmäßig miteinander arbeiten.“
Was sind die besonderen Seiten dieser Arbeit?
STEFANOS TSIALIS (Dirigent):
„Naja, erstmal liebe ich es überhaupt, zu organisieren. Ich habe viel Ballett gemacht, habe auch viel Oper dirigiert in der Vergangenheit. Und der Reiz ist immer, Leinwand oder Bühne und Orchester zusammenzubringen. Das rein Organisatorische ist schon eine große Herausforderung. Auf der anderen Seite – und was ich toll finde – ist: Man hat das Bild! Das heißt, die Musik drückt das aus, was auf dem Bild ist. Man muss sich das nicht vorstellen, es ist ja da. Und das heißt wiederum: so stark und so intensiv wie möglich diese Musik zu gestalten, sodass sie – die Live-Musik – den Film mit ihrer Energie unterstützt.“
Und wie ist es konkret, hier im Babylon – es ist hier ja doch alles etwas anders als im Konzerthaus…
STEFANOS TSIALIS (Dirigent):
„Ich liebe das. Ich liebe das wirklich. Man ist ja das eher steife Ambiente eines Konzertsaals gewohnt – eine fast institutionalisierte Form der Musikausübung. Hier ist es sehr, sehr spontan. Es kann schon mal passieren, dass das Publikum mitten in einer Szene applaudiert. Am Ende ist das wie ein Popkonzert. Also, es ist schon ein herrliches Ambiente. Ja, es ist eine große Herausforderung, weil man ständig den Kontakt zum Film haben muss. Es braucht nur eine fehlende Konzentration von ein paar Sekunden, dann ist man mit dem Film nicht mehr zusammen. Und das spürt oder sieht ein Publikum sofort, wenn es nicht synchron ist. Und gerade METROPOLIS ist ja auch ein langer Film – auch für den Musiker! Es ist eine große Leistung, zweieinhalb Stunden hochanspruchsvolle symphonische Musik zu spielen.“
Regisseur Fritz Lang (M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER, 1931) hat uns mit METROPOLIS (1927) bis dato ungesehene Bilder beschert. Und wie Rudolf Arnheim, einer der bedeutendsten Essayisten jener Jahre, schrieb: „Er hat die erstaunliche Begabung Brigitte Helm entdeckt. Ich kann es ihm nicht verübeln, dass er einzelne Szenen nicht mitleidslos zu beschneiden wusste, sondern immer wieder neue Einstellungen und Beleuchtungen versuchte. Gerade hier liegen diesmal die Qualitäten, und ist der Zuschauer ein Lebenskünstler, so wird er sich aus diesen Bildern Genüsse holen…“
Welche Filme gefallen Ihnen für die Orchesterbegleitung am besten?
STEFANOS TSIALIS (Dirigent):
„Schwer zu sagen… Gut, METROPOLIS ist ja DER Klassiker, vielleicht sogar einer der besten Filme aller Zeiten. Die großen CHAPLINS würde ich vielleicht noch sagen – also MODERN TIMES, GOLDRUSH –, weil die Musik von Chaplin mir persönlich auch sehr nahe ist.“
METROPOLIS also. Das Drehbuch kann man schlichtweg ignorieren, denn die eher kleinbürgerlich fühlende Autorin Thea von Harbou (DER HERRSCHER, 1937) hatte versucht, die großen sozialen Fragen auf den Wegen des ihr ureigenen Sozialkitsches zu lösen. Es geht um einen Mittler zwischen Hirn (die Oberen) und Hand (die Arbeiter), der alle Probleme brüderlich beheben soll… Und Fritz Lang hatte offensichtlich mehr als genug zu tun, die gigantische Konstruktion dieses einzigartigen Projekts zu stemmen, sodass er die naive Thea mit ihrer etwas spießigen Gemüts-Melange gewähren ließ.
Der Film mit seinen Mitarbeitern ist auch Spiegelbild dieser perfiden Übergangszeit von der Demokratie zur Diktatur. Und nachdem Goebbels, der auf Fritz Langs Können scharf war, ihm 1933 die Leitung des deutschen Films angeboten hatte, wird Lang tags darauf schleunigst emigrieren. Thea von Harbou jedoch – anderes war nicht zu erwarten – blieb und trat bald in die NSDAP ein.
METROPOLIS ist aber vor allem ein Film zur bemerkenswerten und sehr kurzen Karriere einer der interessantesten deutschen Schauspielerinnen: Brigitte Helm. Langs Meisterwerk war zu Beginn (1927) gar nicht der erwartete Erfolg – der Film überforderte damals das Stummfilmpublikum offensichtlich. Die UFA, durch den Flop finanziell in Bedrängnis geraten, spürte jedoch schnell das überragende darstellerische Potenzial der jungen Schauspielerin und bot ihr einen Zehn-Jahres-Vertrag, fast ausschließlich mit Hauptrollen, an (DIE GRÄFIN VON MONTE-CHRISTO, DIE HERRIN VON ATLANTIS, EIN IDEALER GATTE…). Aber Helm wehrte sich bald gegen diese Klischeebesetzung; sie wollte nicht immer nur den Vamp spielen. Als der Vertrag 1935 ausläuft, erneuerte sie ihn – trotz intensivster UFA-Bemühungen – nicht. Brigitte Helm beendete, auch angesichts der bedrohlichen politischen Entwicklung in Deutschland, ihren vielversprechenden Schauspielerberuf und ging in die Schweiz. Sie wird nie wieder vor eine Kamera treten.
Im Gegensatz zu dieser klugen Frau hat sich ihr darstellerisch eher schwächelnder Filmpartner Gustav Fröhlich (wie auch Thea von Harbou und der Komponist) flink eine Karriere zum Nazi-Superstar aufgebaut. Fröhlich verstieß zunächst seine jüdischstämmige, schwangere Ehefrau Gitta Alpar und schanzte seine neue Geliebte dem noch mehr geliebten Propagandaminister zu, um recht schnell in dessen Künstler-Weltordnung der „Gottbegnadeten“ einzusteigen. Er spielte fortan und unausgesetzt in etwa 35 Filmen – vor allem Liebhaber und staatstragende Vertrauenstypen.
METROPOLIS aber wurde schnell ein Klassiker, der Generationen von Filmemachern inspiriert hat. Sein Einfluss ist u. a. in STAR WARS, BLADE RUNNER, MATRIX oder BATMAN spürbar.
Das Gebäude des Babylon ist übrigens ein Werk des renommierten Neue-Sachlichkeit-Architekten Hans Poelzig, der Berlin etliche wichtige Bauten hinterlassen hat. Dieses Haus hat – wie auch der Film – eine besondere Historie.
HANS BRANDNER (Leiter des Babylon-Orchesters):
„Ja, genau, das ist als eines der letzten Stummfilmkinos Deutschlands 1929 eröffnet worden. Es wurden damals viele Kinos gebaut, aber dies ist eines der letzten großen – und ist in diesem Zustand erstaunlicherweise das einzige, das überlebt hat. Es ist unverändert, kaum beschädigt worden im Krieg. Es wurde dann in den 50er-Jahren renoviert und konnte seinen Zustand behalten. Die ganze Atmosphäre, die Ausstrahlung… Es verkörpert die 20er-Jahre – es ist genau der Ort, den wir mit einem Inhalt füllen, der dafür authentisch ist. Und natürlich diese große Architekturgeschichte: Hans Poelzig macht uns schon ein bisschen ehrfürchtig! Er hatte auch mit Film zu tun – z. B. schuf er Filmbauten und Skizzen für Paul Wegeners GOLEM (1920). Ja, hier kommen so viele Sachen zusammen, dass es einfach toll ist, hier zu sein und hier zu spielen.“
Ihr seid in Berlin und möglicherweise weltweit das einzige Haus, das Stummfilmkino mit Live-Orchester-Begleitung regelmäßig präsentiert – als feste Institution.
HANS BRANDNER (Leiter des Babylon-Orchesters):
„Ja, das Konzept ist eigentlich gar nicht so neu. Es gab schon in den 2000er-Jahren die Idee, man müsste hier doch eigentlich mit Orchester spielen. Es gab immer wieder Versuche, das zu installieren, und Ende 2018 haben dann der Kinochef und ich überlegt: Eigentlich braucht man doch ein wirkliches Hausorchester, das sich dem Bedürfnis des Publikums und des Hauses anpasst und flexibel jederzeit zur Verfügung steht. Und ich dachte: Das ist eine Aufgabe, die ist spannend!“
TIMOTHY GROSSMANN (Babylon – Geschäftsführer):
„Das hat sich langsam entwickelt. Also, ich habe lange mit Stummfilm und Live-Begleitung gearbeitet. Was ja das Besondere am Stummfilm ist: dass er eben live begleitet wird. Das geht gar nicht, dass man den mit konservierter Musik aufführt. Und dann hat sich das eben immer mehr fortgesetzt, und mit zunehmendem Erfolg wird man mutiger und traut sich neue Sachen. Das Haus hat ja tatsächlich eine echte Tradition, die damit zusammenhängt.“
Wie habt ihr die Dirigenten gewählt? Was war da die Voraussetzung?
HANS BRANDNER (Leiter des Babylon-Orchesters):
„Wir haben mit einem festen Dirigenten angefangen und aber gemerkt, als sich das so entwickelt hat und die Konzerte mehr und mehr wurden, dass wir uns öffnen müssen und dass wir viele Dirigenten brauchen, um das ganze Programm jede Woche hier abzudecken. Und die Anforderung an unsere Dirigenten ist ganz konkret, dass sie schon Stummfilm-Erfahrung mitbringen. Das ist für einen Dirigenten nicht selbstverständlich – sein Orchester im Blick zu haben, die Partitur im Blick zu haben und eben auch Konzentration und Ressourcen für den Film zu haben. Das ist eine ganz spezielle Herausforderung. Und alle unsere Dirigenten sind Spezialisten auf dem Gebiet.“
Und wie ist das mit einem modernen Orchester, mit heutigen Musikern, die daran nicht gewöhnt sind – musste da erst trainiert werden?
HANS BRANDNER (Leiter des Babylon-Orchesters):
„Viele Musiker, die bei uns zum ersten Mal spielen, sind danach eigentlich ganz erstaunt, wie schön es ist – speziell im Dunkeln zu spielen, das ist sehr angenehm. Auch dieses Publikum ist ein anderes als das Publikum der Philharmonie. Es ist ein Publikum, das lacht, das mit dem Film mitgeht. Und diese Atmosphäre ist eigentlich eine sehr schöne Alternative zur Symphonieorchester-Aufführung in den Konzerthäusern.“
Was war nötig, damit das Babylon wieder zu altem Glanz – bzw. auch zum alten Klang – wiedererweckt wurde?
TIMOTHY GROSSMANN (Babylon – Geschäftsführer):
„Also, wichtig ist: Es ist 1929 noch als Stummfilmkino gebaut worden – mit der goldumrahmten Leinwand im 4:3-Format, mit dem Orchestergraben. Und es gibt noch die originale Kinoorgel von 1929 für die ganzen Spezialeffekte wie Eisenbahn, Glockengeläut, Vogelzwitschern – das kann die Orgel alles! Und wir haben auch eine feste Organistin, die das regelmäßig darbietet. Das ist so ähnlich, wie wenn man Bach auf Originalinstrumenten spielt. Wir haben dann jeden Samstag um Mitternacht – 0 Uhr, 0 Euro! – einen Stummfilm mit Orgel gespielt. Dann kam das Orchester dazu, und das ist natürlich eine sehr teure Angelegenheit. Eigentlich müssen wir mit dem Orchester jedes Mal ausverkauft sein, um überhaupt die Kosten so einigermaßen wieder reinzukriegen. Insofern ist es gewachsen, und man wird mit dem Erfolg mutiger.“

























