Miroirs No. 3
Kino-Tipp
Paula Beer gilt als eine der herausragenden Schauspielerinnen ihrer Generation. Allein vier Filme hat sie gemeinsam mit dem Regisseur Christian Petzold gedreht. Ihre neueste Zusammenarbeit läuft ab September in den Kinos. Philipp Teubner traf den Regisseur zum Interview.
Christian Petzold ist einer der interessantesten deutschen Filmemacher, politisch und poetisch zugleich - ROTER HIMMEL, UNDINE, BARBARA, YELLA, DIE INNERE SICHERHEIT… liefen auf deutschen und internationalen Festivals und wurden regelmäßig preisgekrönt. Sein aktueller Sommerfilm, der bei Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt wurde, ist ein Stück mit dem etwas rätselhaften Titel MIROIRS NUMMER DREI. Das wirkt auf den ersten Blick schon etwas unscharf. Was meint dieser Titel?
Christian Petzold:
„Keine schlechte Frage, weil – ich hatte damals, als wir ROTER HIMMEL gedreht haben, immer dieses Maurice Ravel-Klavierstück „Miroirs Nummer drei“ gehört. Und dann dachte ich mir, der nächste Film geht um eine Spiegelung. Es geht eine junge Frau, die in einer existenziellen suizidären Krise ist und sie trifft auf eine traumatisierte Frau, die in einer ähnlichen Krise ist. Die beiden spiegeln sich so, dass dazwischen eine Geschichte stattfindet. Und deshalb habe ich gesagt – Miroir bedeutet Spiegel, das passt! Und später habe ich das als Arbeitstitel erstmal genommen. Dann hat der Produzent gesagt: »Auf keinen Fall, das ist ein grauenhafter Titel. Ich weiß überhaupt nicht, was der bedeuten soll.« Dann habe ich gesagt, gerade das macht den Titel vielleicht ganz schön.“
Ein brandenburgischer Sommer. Ein Haus auf dem Lande. Dort lebt eine Familie, auf der irgendeine – erst spät benannte – Erschütterung lastet. Und zu dieser Familie stößt, wiederum überraschend und gleichfalls befremdlich eine junge Frau: Laura – gespielt von Paula Beer – Klavierstudentin und gleichermaßen melancholisch und nicht so einfach einzuordnen. Sie hat diese merkwürdig rätselhafte Ausstrahlung, wie man es beispielsweise bei Jeanne Moreau erinnert. Wie habt ihr diese Figur entwickelt?
Christian Petzold:
„Ich weiß noch, wir hatten den ersten Drehtag weggeschmissen, wie so viele Drehtage in der Geschichte meines Filmlebens. Und da spielte eine Klavierstudentin mit einer Krise und sie kann nicht mehr spielen. Das habe ich alles gedreht. Dann irgendwann fiel mir ein, dass wir bei „Alice im Wunderland“ doch auch von Alice eigentlich nichts wissen. Die läuft am Anfang einem Hasen hinterher und fällt in ein Kaninchenloch und erlebt Abenteuer. Und diese Abenteuer sind im Grunde genommen ihre Biografie. Es wird nichts vorerzählt: Alice hatte eine schwierige Jugend oder wird von ihren Eltern nicht geliebt und all das…
Die Figur der Laura ist wie Alice. Man weiß von ihr fast nichts. Sie hat einen Unfall und man spürt eine wahnsinnige Leere in ihr. Sie ist irgendwie der Welt abhandengekommen. Und sie beginnt in dieser Welt, in der unser Film hier spielt, jemand zu werden. Sie lernt zu kochen, sie lernt Zäune zu streichen, sie lernt zu lieben, sie lernt, dass sie geliebt wird, um ihrer selbst willen.“
Mir gefällt, dass der Film weniger eine „professionell“ konstruierte Kino-Dramaturgie abspult, sondern sich eher auf die Unwägbarkeiten des Lebens einlässt. Was vermutlich nicht einfacher zu gestalten ist?
Christian Petzold:
„Das wäre schwieriger gewesen, wenn wir nicht chronologisch gedreht hätten. Weil die Schauspieler in ihre Rollen gewachsen sind. Das war so eine ganz neue Erfahrung für mich, dass wir jeden Tag zwei Stunden morgens über die Traumata der Familie gesprochen haben und sich aus diesen theoretischen Proben dann richtige Proben entwickelten.“
Betty, gespielt von Babara Auer, nimmt Laura fast selbstverständlich bei sich auf. Und diese irgendwie unbestimmbare Beziehung zwischen den beiden Frauen bleibt komplex und ambivalent. Wie entstand das beim Schreiben – und dann in der Inszenierung?
Christian Petzold:
„Ich glaube, ich habe erst in der Inszenierung gemerkt, was mir beim Schreiben passiert ist. Das ist immer ganz schön, dass man das erst in dem Moment, wo die Schauspieler diesen Text zu ihrem machen und darüber sprechen und miteinander sprechen, versteht, was da geschrieben worden ist. Mir ist erst bei den Dreharbeiten klar geworden, dass die Figur der Laura, die von Paula Beer gespielt wird, im Film erst geboren wird durch einen Autounfall. Die liegt im Gras, wie Moses, der im Körbchen gefunden wird. Das ist eine ganze Kindheitsgeschichte. Dann bekommt sie ihr erstes Essen. Dann zeigt man ihr, wie die Welt geht, wie man einen Zaun streicht, wie man Kräuter findet in der Natur. Dann bekommt sie ihr erstes Fahrrad… Das war mir nicht bewusst beim Schreiben. Das ist mir erst durch die Arbeit mit den Schauspielern klar geworden, dass sie eine richtige zweite Kindheit und Jugend geschenkt bekommt.“
Blicke - sie sind ja ohnehin sehr filmspezifisch - spielen hier eine außerordentliche Rolle. Zum Beispiel genau in jenem Moment, wenn Laura aus dem Auto schaut und sich ihre Blicke zum ersten Mal mit denen Bettys kreuzen. Oder wenn die Nachbarn stehen bleiben und unverhohlen befremdlich auf das Haus der Familie blicken...
Blicke als Handlung, Blicke als Kommunikation, Emotionsverstärker oder einfach als Versuch, zu verstehen. Was interessiert Sie an Blicken?
Christian Petzold:
„Es mag damit zu tun haben, dass ich das Gefühl habe, dass das Fernsehen, die Streamingdienste, dass dieses 24-Stunden-Dauerbildschirmgeschehen keine Blicke mehr, sondern Aufzeichnungen sind. Und Aufzeichnung ist was anderes als ein Blick. Ich habe immer das Gefühl, dass die meisten Fernsehbilder auch von Überwachungskameras und Drohnen stammen könnten. Aber einen Blick auf die Welt zu werfen, heißt nicht nur ein Bild zu erzeugen, sondern auch den, der das Bild sieht, mit ins Bild zu nehmen, den Blickenden. Liebe ohne Blicke gibt es nicht und Verfolgung ohne Blicke gibt es nicht. Und Angst ohne Blicke gibt es auch nicht. Und deshalb spielen hier Fenster, Türen, Blicke, Durchblicke eine große Rolle.“
Aber man muss auch Schauspieler haben, die blicken können...
Christian Petzold:
„Wenn eine Figur in einem Film etwas sieht, was sie begehrt – ob das ein Mann oder Frau oder ein Gegenstand oder ein Auto oder ein Swimmingpool oder was weiß ich ist – interessiert uns doch nicht das Auto und der Swimmingpool, uns interessiert derjenige, der begehrt. Ich möchte den sehen. Und wenn man sich die Geschichte des Kinos anschaut, sieht man immer in den guten Filmen denjenigen. Das ist unser Geheimnis, das ist der Zauber. Und das kannst du natürlich nur mit Schauspielern machen, denen das klar geworden ist.“
Schön ist auch, wie Laura so beiläufig, für sich, die sogenannten „kleinen Freuden“ jenseits ihres vorherigen Daseins entdeckt - eine Blüte, der Garten, Königsberger Klopse etc. - und dennoch nicht in irgendeine Schrebergarten-Idylle fällt. Wie gelingt die Balance, so etwas so zu erzählen?
Christian Petzold:
„Ich glaube, das Entscheidende ist die Veranda in diesem Film. Die russischen Häuser haben ihre Verandas und Terrassen zur Straße hin. Im 19. Jahrhundert, wenn man den Tschechow liest oder Gogol – die sitzen immer zur Straße hin. Meine eigene Erfahrung in Deutschland: die Terrasse meiner Eltern im Reihenhaus war nach hinten. Und die Zäune drum herum und die Glasbausteinwände konnten nicht hoch genug sein. Und dieses – vom Sozialen weg, vom öffentlichen Raum weg, vom Gemeinwesen weg – das ist etwas, was in Deutschland ganz furchtbar ist. Das hat sicherlich mit der Nazi-Geschichte zu tun, dass man sich eingekapselt hat. Andererseits wird hier eine Familie erzählt, die den Wunsch hat, wieder am Leben teilzunehmen. Wenn man durch die Uckermark fährt, gibt sehr, sehr wenig Häuser, wo die Terrassen zur Straße hin gebaut sind. Alle Häuser sind abgewandt. Nur ein Haus will nach vorne, zur Straße hin. Da spielt die Geschichte.“
Viele Szenen zeigen Alltagssituationen, sind aber großartig komponiert, fotografiert und platziert. Was macht das Einfache am Kino so stark?
Christian Petzold:
„Es macht so wahnsinnige Arbeit „einfach zu sein“ – das ist es ja. Meine Lieblingsautoren sind Simenon, Tschechow, Hemingway. Die Einfachheit, die die herstellen, ist ja keine Vereinfachung. Und jetzt, in dem Film, da haben wir eine Küche, ein Schlafzimmer, ein Klavier, zwei Fahrräder, eine Werkstatt. Das war so einfach und es musste einfach sein, damit die Kompliziertheit der Situation durchscheint. Es wird nicht vereinfacht, sondern es wird dadurch eher komplex.“
Und es braucht für das „Einfache“ Darsteller, die mit dem Regisseur übereinstimmen. Aber dafür hat sich im Lauf der Zeit ja ein zuverlässiges Ensemble gebildet...
Christian Petzold:
„Mit der Barbara Auer habe ich 6 Filme gemacht, Paula Beer 4, Matthias Brandt 5... Die Leute unterstellen einem, man dreht immer mit dem ähnlichen Ensemble, weil man dadurch Arbeit spart. Das Gegenteil ist der Fall! Dadurch, dass ich so oft mit denen drehe, entwickeln die eine Kritikfähigkeit und Mündigkeit, die die Arbeit eher kompliziert macht. Und gerade das gefällt mir. Die lassen sich nicht mehr alles bieten. Die sind nicht nur kurz angestellt, sondern die sind Teil eines kollektiven Organismus. Und als ich zum Beispiel jetzt hier, für den Film die erste Drehbuchfassung Paula Beer geschickt habe, kam die bei mir vorbei und es wurde richtig diskutiert. Normalerweise sagt man: »Entschuldigung, du verdienst genug, mach mal deine Arbeit!« Aber das ist gerade das Schöne, dass mit diesem Ensemble gemeinsame Arbeit durch Gespräch entsteht. Und die Kritik der Schauspieler ist nicht eine, die schlechte Laune verbreitet, sondern wirklich, um die Figuren geht, die sie da zu verkörpern haben.“
Seltsam präsent ist auch das Atmosphärische, die Tonebene des Films. Plötzlich liegen über der Szene Rufe von fliegenden Kranichen und das hat vielleicht keine vordergründig narrative Funktion, aber es ist bedeutend und es wirkt.
Christian Petzold:
„Wir hören die Welt nicht mehr. In der Uckermark zum Beispiel, als wir dort den Drehort fanden, haben wir uns wirklich hingesetzt und uns das mal angehört. Was ist denn da alles zu hören? Es ist keine Autobahn in der Nähe. Ein Grundrauschen ist weg. Dadurch hört man zum Beispiel manche Vögel, manche Winde, manche Baumkronen viel intensiver. Man muss das Hören auch wieder lernen. Und deshalb habe ich auch keine Musik, die über den Bildern liegt, sondern nur Musik, die die Figuren selber hören, wo die Musik Teil des Universums, des akustischen Raums ist.“
Brandenburg präsentiert sich zunehmend als spannende Filmlandschaft: das weite Land, die einsamen Häuser, der sommerliche Himmel...
Christian Petzold:
„Du gehst in Brandenburg durch Geschichte. Das ist nicht unberührt, weil Brandenburg berührt ist durch Kriege, Nationalsozialismus, DDR...
Ich habe immer das Gefühl, wenn ich da die Kamera richtig hinstelle, hat man schon komplexe Bilder.“
Den Film durchzieht natürlich Melancholie. Ich finde trotzdem, es ist ein zutiefst hoffnungsvoller und durchaus auch anregender Sommerfilm.
Christian Petzold:
„Ja, es hat mich selbst gewundert. Ich war mir selber nicht im Klaren darüber, was der Effekt von dem Film war. Die scheitern zwar immer, aber es ist wenigstens der Versuch da, unabhängig zu sein, ein Mensch zu werden. Und das Wunderschöne an dem Ende ist, dass es den Anfang spiegelt. Und deshalb hat der Filmtitel MIROIRS NO. 3 erst seine Bedeutung bekommen. In den besten Momenten sagt man fast gar nichts, sondern man probiert etwas aus. Und dann sagt man nur, wie Gerhard Richter vor einem seiner abstrakten Bilder: »Ja!« Und man weiß: Ja! Das ist der schönste Moment.“






