22 Bahnen

ab 4. September im Kino

Philipp Teubner

Der Roman wurde zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels gekürt und mit weit über 300.000 verkauften Exemplaren zum absoluten Bestseller. Nun kommt die Verfilmung unter der Regie von Mia Maariel Meyer in die Kinos. Philipp Teubner sprach mit Autorin Caroline Wahl und den Hauptdarstellern Luna Wedler und Jannis Niewöhner

Es ist nicht eben erwartbar, dass die beiden ersten Romane einer Schriftstellerin gleichzeitig vorn auf der Börsenblatt-Bestsellerliste agieren – und wenn dann der Debütroman 22 BAHNEN zudem in erstaunlich kurzer Frist als Spielfilm daherkommt, ist das schon einen genaueren Blick wert. Beginnen wir also mit einer grundsätzlichen Frage an die Autorin Caroline Wahl: Warum ausgerechnet 22 Bahnen? Die Protagonistin Tilda und auch ihr Freund Viktor schwimmen regelmäßig diese titelgebende Distanz – steckt dahinter ein spezieller Sinn?

Caroline Wahl:

Die Frage wurde schon oft gestellt, und ich hab mir dann irgendwann auch überlegt, ob ich mir eine krasse Theorie überlege, die dahintersteckt. Aber beim Schreiben dachte ich mir, Tilda ist eine, die schwimmt nicht 20 Bahnen, weil 20 Bahnen schwimmt ja jeder. Und sie ist ja eher eine neurotische Person, die wiederkehrende Strukturen mag und die vielleicht auch so eine Zahl wie 22 einfach cool oder cooler findet als 20. Und 21 ist ungerade – dann waren es halt 22.“

Auch Luna Wedler, die Hauptdarstellerin des Films, sieht das nicht so verbissen.

Luna Wedler:

Das ist lustig… Für mich war das immer so klar, weil 2 ist eine beruhigende Zahl, irgendwie – und deshalb: 10x2 plus noch zwei Bahnen. Also für mich war das immer klar: 22!“

Jannis Niewöhner:

Ich glaube, eine Erklärung, die es geben könnte, ist, dass beide natürlich auch ganz stark verbunden sind und, dass sie beide die gleiche Person in ihrem Leben verloren haben, die für sie sehr wichtig war. Aber natürlich sind die 22 Bahnen wahrscheinlich gerade genug, um einmal abzutauchen und alles zu vergessen und den Kopf frei zu machen für so was Meditatives, eine Wut, Trauer, alle möglichen Gefühle…“

Der Film erzählt die Geschichte der hochbegabten Mathematikstudentin Tilda, die in der Wohnung ihrer alkoholkranken Mutter lebt. Dort muss sie auch die Mutterrolle für ihre jüngere Schwester Ida übernehmen. Die Beziehung der Geschwister zueinander ist stark und berührend. Das wird im Buch, wie im Film zutiefst einfühlsam erzählt und es fällt auf, wie nah sich Film und Buch in vielen Gestaltungsprinzipien sind. Wo der Film direkt vom Buch partizipieren kann und das intelligent und sensibel verarbeitet hat. Ob das nun die kurzen Gedanken- und Erinnerung-Sequenzen betrifft – aber auch oft erstaunlich konkret, wie zum Beispiel die Bildern unter Wasser.

Caroline Wahl:

Ja, das freut mich total. Ich habe es mir schon gewünscht, dass diese Szenen, zum Beispiel, als Tilda unter Wasser auf dem Boden des Schwimmbads sitzt und nach oben schaut übernommen und nicht rausgestrichen werden. Dass die Szenen oder die Dinge, die mir wichtig waren beim Schreiben, eben auch im Film weiterhin bestehen. Ich glaube, ich denke in Bildern, und ich mag auch Texte, die sehr filmisch sind und sehr im Moment schreibe. Und diese unmittelbaren Passagen, die ja fast zwangsläufig sehr filmisch sind, gehen mir auch am leichtesten von der Hand.“

Sicht- und fast spürbar hat der Film – wie der Roman auch – eine sehr spezielle Beziehung zum Wasser. Nicht nur das Schwimmen und Tauchen im Schwimmbecken. Da gibt es unausgesetzt Regen, Regenschirme, Rasensprenger, nasse Straßen, wie auch die kalte Dusche für die betrunkene Mutter...

Luna Wedler:

Ich bin sehr gerne im Wasser, ich bin schon immer sehr viel geschwommen, und ich liebe dieses Tauchen – es ist einfach ruhig. Ich habe auch eine sehr spezielle Beziehung zum Wasser. Schon beim Lesen war für mich klar, dass dieses Schwimmen wirklich ihre Therapie ist. Das ist ihr Ruhepol, das ist, wo sie einfach sein kann und frei ist.“

Jannis Niewöhner:

Was das Schwimmen angeht – ich konnte vorher nicht kraulen. Also ich konnte wirklich ganz einfach nur Brustschwimmen und habe zwei bis drei Monate intensiv versucht, ins Kraulen reinzukommen. Ich bin aber nach wie vor sehr froh, dass wir für mich ein Double hatten, wenn Luna vorne im Bild war und Viktor im Hintergrund seine Bahn schwimmt. Das bin nicht immer nur ich – und die Wahrheit ist hier mit raus!

Ich glaube - klar - ins Wasser abtauchen, wach werden, irgendwie verschwinden und die Pause, die dadurch entsteht, ist das Wichtigste Element in der Geschichte.“

Luna Wedler und Jannis Niewöhner standen bereits 2021 gemeinsam in JE SUIS KARL (Regie: Christian Schwochow) vor der Kamera. Nun dürfen sie hier eine ganz andere Beziehung entwickeln. Wer also ist diese Tilda und hat sie irgendetwas von Luna Wedler?

Luna Wedler:

Das ist eine gute Frage wer ist Tilda? Das habe ich mich auch gefragt, weil bei der ersten Szene schon kommen wir irgendwie da rein und sehen Rauch und Feuer, die Mutter und kleines Kind… Ich glaube, das ist etwas, was mich sehr gereizt hat, weil sie ein extremes Innenleben hat. Von außen ist sie sehr schwer lesbar, es spielt sich ganz viel in ihr ab. Sie hat so eine Abgeklärtheit, so eine Selbstverständlichkeit, eine sehr direkte Art, ist aber auch extrem lustig, sehr sarkastisch. Und es gibt ja Menschen, die machen das gar nicht vorsätzlich die können gut Stille aushalten und lassen einen zuweilen auflaufen. Und was Tilda und ich gemeinsam haben: ich habe auch eine kleine Schwester und ich glaube, dass ich auch sehr ehrgeizig und sehr zielstrebig sein kann.“

Jannis Niewöhner, man kennt ihn u.a. aus großen epischen Stoffen, wie unlängst als Siegfried in HAGEN oder neben Joaquin Phoenix in NAPOLEON. Hier spielt er nun eine eher leise und zudem rätselhafte Figur als Tildas Freund Viktor.

Jannis Niewöhner:

Total rätselhaft, ja. Das ist aber auch das Schöne an der Figur, dass die rätselhaft sein und lange bleiben darf. Dass man eigentlich nicht weiß, wer ist das überhaupt. Man kriegt nur so Bits und Pieces mit und dann fährt er so eine schwarze G-Klasse, trägt diesen roten Jogginganzug, hat diese sehr spezielle Einkaufsliste… Und natürlich durch Tilda erfährt man dann auch stückhaft immer mehr über seine Vergangenheit. Es ist wie so ein Puzzle, was vielleicht auch erst ganz zum Schluss Sinn macht. Im Grunde ist er natürlich einsam, jemand, der auch irgendwie verloren und auf der Suche nach Antworten ist über das Schicksal seiner Familie… Ich würde sagen, er ist sehr einfühlsam, sehr hingebungsvoll, sehr leidenschaftlich – auch wenn sich das am Anfang noch nicht so zeigt.“

Wenn sie schreiben haben Sie wahrscheinlich ihre Helden vor Augen und eine Verfilmung ist ja auch immer eine Herausforderung für den Autor. Wie gefiel ihnen die Besetzung?

Caroline Wahl:

Ich habe nie so ganz die Gesichter vor Augen, wenn ich schreibe. Ich habe eher so ein Gefühl für die Person. Also bei Tilda war es eben so, dass sie ein bisschen was Hartes hat. Und ich hatte vor diesem Moment total Angst, in dem mir die Schauspieler präsentiert werden. Und als mir Janis und Luna vorgestellt wurden, da hat es für mich voll gepasst. Dass war ein schöner Moment, weil Luna ist für mich eine Tilda ganz klar! Sie kann so gut schweigen und Stille aushalten, was Tilda eben auch macht. Und Janis ist für mich auch ein Viktor und deswegen war ich da sehr erleichtert und habe mich einfach gefreut, dass so coole Schauspieler die Figuren spielen, die ich mir irgendwann mal ausgedacht habe.“

Dann gibt es diese sehr schwierige Beziehung zur Mutter. Alkoholismus ist, man spürt es schmerzhaft im Film, eine tückische Krankheit, die immer auch die Familie tangiert. Laura Tonke spielt diese Rolle vielschichtig und liefert eine eindrucksvolle Performance.

Luna Wedler:

Das war sehr speziell...

Weil diese Frau einfach ein absoluter Hammer ist. Und es war ein großes Geschenk, das mit ihr zu spielen weil ja, es ist eine sehr, sehr schwierige Beziehung. Und es war schon eine schwierige Beziehung als Tilda noch klein war. Und ich glaube, dass Tilda schon ganz früh Mutter für sich selber sein musste, Mutter für ihre Mutter und Mutter für Ida. Und wir haben dann wirklich viel drüber geredet: Wie krass ist dieser Alkoholkonsum? Wie lange trinkt sie überhaupt schon? Ich habe viel gelesen über Alkoholsucht. Ich hab Dokus geguckt und habe auch mit Menschen gesprochen, die betroffen sind, um ein bisschen nachfühlen zu können, was da abgeht.“

Die Story wird sowohl realistisch als auch poetisch erzählt – auch in der Annäherung zwischen Tilda und Viktor. Und es ist schön, dass die Geschichte ihrer Beziehung so subtil erzählt wird.

Jannis Niewöhner:

„Vielleicht ist es gerade deswegen so schön, da es vage ist, dass es nicht von Anfang an klar ist, die sind füreinander gemacht. Dass für sie diese klassischen Parameter irgendwie nicht vonnöten sind, um begreifbar zu machen, das hier wird eine Liebesgeschichte. Was Tilda ja auch selber irgendwann sagt: „Das ist doch keine Liebesgeschichte hier?“. Die Beziehung zwischen den beiden ist so viel mehr als einfach zwei Menschen, die sich irgendwie toll finden und ineinander verlieben, sondern es ist viel mehr Tragik dabei und viel mehr Tiefe durch diesen gemeinsamen Verlust, aus dem heraus dann Hoffnung entstehen kann . Und das darf sich aber ganz langsam aufbauen. Ich finde es total gut, dass man sich traut, das so zu erzählen.“

22 BAHNEN startet am 4. September in den Kinos.

Gordon Timpen / © Constantin Film Distribution / Gordon Timpen
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Constantin Film / © Constantin Film Distribution / Gordon Timpen
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Gordon Timpen / © Constantin Film Distribution / Gordon A. Timpen
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