MARIA REICHE: DAS GEHEIMNIS DER NAZCA-LINIEN
jetzt im Kino
Der in der Schweiz geborene Damien Dorsaz hat dem Leben einer relativ unbekannten deutschen Wissenschaftlerin sein Spielfilmdebüt gewidmet. Ein bildgewaltiger Film, der uns in fremde peruanische Landschaften und Kultur entführt. Philipp Teubner sprach mit dem Regisseur und seiner Hauptdarstellerin.
Die Nazca-Linien, jene kilometerlangen rätselhaften Linien und Figuren auf einer 500 km² großen Fläche der peruanischen Wüste, sind Jahrtausende alt und wurden erst 1926 bei einem Überflug entdeckt. Die Sache mit diesen mysteriösen Wüstenbildern verleitet erwartbar zu den verwegensten Interpretationen: von religiösen, mystischen Deutungen, über einen Weltraumbahnhof, ein Wassersystem, bis zu einem gigantischen Kalender…
Jetzt also ein überaus sehenswerter Spielfilm über die sensationelle Entdeckung, Erkundung und vor allem die riskanten Rettungsbemühungen in den peruanischen Pampas.
In den 1930er Jahren wurden die bis dahin kaum bekannten Geoglyphen (Erdbilder / Bodenzeichnungen) von einer jungen Frau – Maria Reiche – erkundet. Sie hatte an der TH Dresden Mathematik und Physik studiert, war also viel zu intelligent für die gerade aufkommende faschistische Ideologie in Deutschland. Maria emigrierte nach Peru, nahm dort das Risiko eines totalen Lebenswandels auf sich, arbeitete zunächst als Mathematiklehrerin, um irgendwann die eigentliche Entdeckerin und vor allem Beschützerin dieser einzigartigen, gigantischen Artefakte zu werden.
Ein Film, der zudem auch einen bemerkenswerten Blick auf unser Verhältnis zur Welt und den ohnehin nicht immer einfach zu entschlüsselnden Tatsachen gibt. Vor allem, wenn man so gar nichts weiß über den historischen Hintergrund dieser uralten „Kunstwerke“ einer Vor-Inka-Kultur.
Da wäre zunächst die simpelste Sicht – die des cleveren und mit seinen pseudowissenschaftlichen Eingebungen so erfolgreichen Erich von Däniken (75 Millionen verkaufte Bücher), der weniger aufs Denken als aufs Fabulieren aus war und das Ganze kurzerhand zum Weltraumbahnhof für Aliens erklärte.
Dann die Perspektive der merkantilen Macher, die uninteressiert am kulturhistorischen Wert der Anlage, die Linienfelder zu profitablen Baumwollplantagen umwandeln wollten, und vor denen die couragierte Maria Reiche diese unersetzbaren Kreationen schützte.
Schließlich gibt es den viel unbequemeren Weg des Forschens, den Maria hier so umfassend, so mühe- und eindrucksvoll repräsentiert, und der der einzige Weg zu den Tatsachen ist. Sie interpretierte in den Linien und Figuren der Wüste einen riesigen astronomischen Kalender. Marias Recherchen, die sie bis zu ihrem Tod 1998 fortsetzte, sind dennoch nicht abgeschlossen und werden weiterhin mit neuen Denkmodellen erforscht.
Der in Paris lebende Schauspieler und Regisseur Damien Dorsaz hat selbst sehr viele Jahre an seinem Filmprojekt gearbeitet, das er keinesfalls als Biopic, sondern eher als Hommage sieht.
Damien Dorsaz:
„Ich habe Maria Reiche 1996 kennengelernt, da war ich sehr jung – 23. Diese Begegnung war ein riesiger Einschnitt in meinem Leben, weil mir klar wurde, was sie ihr ganzes Leben lang getan hatte – rund 50 Jahre in der Wüste. Ich stand am Anfang meines Lebens, sie am Ende ihres – das hat mich sehr berührt. Ich blieb dann viele Jahre mit ihrem Verein und den Leuten in Nazca in Kontakt. Ich habe im Umfeld der Nazca‑Linien mitgearbeitet – nicht als Archäologe, sondern indem ich den Menschen dort geholfen habe. Und irgendwann dachte ich: Wir sollten diese Geschichte stärker an die Öffentlichkeit bringen. Sie ist natürlich schon bekannt, aber man könnte mehr erzählen. Ihr Leben ist, finde ich, sehr interessant. Denn das, was sie tat, berührt philosophische Fragen, die auch mich umtreiben.
Die echte Maria sagte am Ende ihres Lebens: »Ich war eine Pionierin, aber mein Leben wird nicht ausreichen, um alle Hinweise zu diesem enormen Meisterwerk zu finden. Und mir gefällt, dass ich es nicht weiß. Das mag ich. Es bleibt rätselhaft. Ich mag dieses Rätsel«…“
Natürlich war die Rolle der Titelfigur, die in fast jeder Einstellung präsent ist, eine spezielle Herausforderung – und mit Devrim Lingnau Islamoğlu (DIE KAISERIN, 2022 auf Netflix) ist Dorsaz auf Anhieb die perfekte Besetzung gelungen.
Devrim Lingnau Islamoğlu:
„Ich kannte Maria vorher nicht, und ich kannte auch die Nazca-Linien nicht und habe sie dann eben über das Drehbuch und Damien Dorsaz, den Regisseur, kennen- und lieben gelernt. Ich habe mich ziemlich schnell mit Maria identifizieren können und verstehe, warum man sie porträtieren möchte. Ich habe größten Respekt vor ihr als Person und hätte sie wahnsinnig gerne kennengelernt.
Damien hatte ein Video, in dem ich sie auch sprechen gehört habe. Da ist sie schon sehr alt und sie hat sehr leise geredet, aber mit einer wahnsinnigen Bestimmtheit. Und ich glaube, das ist mein wichtigster Eindruck von ihr. Dass sie mit so einer Zielstrebigkeit und Präzision an Dinge rangeht und sich eben nicht mit einfachen Lösungen abfindet. Und ich habe den höchsten Respekt vor ihr als Wissenschaftlerin und aber auch als Frau, die sich dazu entschieden hat, allein in der Wüste zu leben. Sehr beeindruckend für mich.“
Und wie haben sie sich dieser außergewöhnlichen Person genähert? Die Gesten, die Blicke, die Bewegungen – sie sind ja unausgesetzt im Bild…
Devrim Lingnau Islamoğlu:
„Zunächst viel über die Auseinandersetzung mit Damien. Wir haben uns oft getroffen und einfach gesprochen, waren lange spazieren an der Seine. Es waren jetzt nicht nur Arbeitstreffen, sondern wir haben versucht, so viel wie möglich Zeit miteinander zu verbringen, um über die Figur zu reden und über die Wüste zu sprechen und das poetische Herz des Films, oder das, was uns bevorsteht, was wir damit auch erzählen wollen. Diese Suche nach Freiheit und Weite. Das war für mich die erste wichtige Annäherung, um zu verstehen, wer ist Damiens Maria, also die Person, die er erzählen will.
Und dann die Ankunft in Peru…
Ich war noch nie in Peru zuvor, und dann aus dem Flieger zu steigen und zum ersten Mal diese ganzen Gerüche und die Welt dort, die Kultur kennenzulernen, also den kulturellen Raum oder die Natur, in der sie sich bewegt hat, zu erleben. Das war für mich auch ausschlaggebend in meinem Verständnis dieser Figur.“
Wie waren dann ganz konkret die Drehbedingungen in Nazca? Hitze, Kälte, Staub, körperliche Anstrengungen und Ausdauer waren ja ständige Herausforderungen.
Devrim Lingnau Islamoğlu:
„Ja, es war sehr intensiv, der Dreh in der Wüste. Es war tagsüber sehr heiß und abends sehr, sehr kalt. Es war so ein konstanter Wechsel zwischen Hitze und Kälte und dann dieser Wind…
Also, es waren extreme, extreme Drehbedingungen. Aber es hat mir total Spaß gemacht, mich dem auszusetzen, weil diese Naturkraft etwas ist, das mir als Schauspielerin auch wieder hilft, gegen etwas anzuarbeiten. Also, hätten wir das zum Beispiel alles im Studio gedreht, wäre das überhaupt nicht möglich. Dann hätte das wichtigste Element gefehlt, und zwar diese raue Natur, der man sich so widersetzen muss mit so einem wissenschaftlichen Anliegen.“
Das ist ja auch im politischen Zusammenspiel interessant. Die 30er Jahre, sie kommt aus Deutschland. Hat das, was dort passiert ist, vielleicht auch Einfluss auf ihre Entscheidungen gehabt?
Devrim Lingnau Islamoğlu:
„Was in Deutschland passierte? Ja, natürlich. Also, sie war zunächst schon in Peru und dann ist sie irgendwann in den 30er Jahren zurückgegangen nach Deutschland – für ein Jahr. Auf jeden Fall hat sie sich entschieden, wieder zurück nach Peru zu gehen, wegen des Faschismus in Deutschland. Und das waren, also für sie als queerer Mensch, aber auch als Wissenschaftlerin natürlich die schlimmsten Umstände. Also natürlich, das war eine Flucht aus Deutschland!“
Damien Dorsaz:
„Die echte Maria ging 1932 aus Deutschland fort. Das war der Beginn dieser politischen Entwicklung. Sie entzog sich dem. Aber ich wollte, dass man das im Film spürt. Ich wollte es nur nicht überbetonen. Ich wollte damit elegant umgehen und zeigen, dass ganz Europa in Schwierigkeiten war. Es ist nicht immer nur ein Land und eine Sache. Die ganze Welt war in einem sehr schlechten Zustand, wie auch heute. Und Maria hatte den Instinkt wegzugehen. Für mich steckt da auch die Idee drin: Ein Individuum kann versuchen, sich zu entziehen, wenn es sehr schlimm ist. Und mir gefällt der Gedanke. Wir folgen der Geschichte einer Frau, die ihren eigenen Rhythmus im Rhythmus der Welt findet.“
Wenn Maria da so ganz allein in der weiten Wüste arbeitet, hat sie nicht das übliche Archäologen-Besteck zur Hand, sondern sie arbeitet mit ganz gewöhnlichen Straßenbesen und fegt einsam in der Ödnis die wundervollen Linien kilometerweit frei vom Staub und Sand der Jahrtausende, um unter unsäglichen Bedingungen mit dem exzellenten Gespür einer Mathematikerin den Ursprung des Ganzen zu erkunden.
Damien Dorsaz:
„Nun, sie hatte natürlich auch kleinere Werkzeuge. Aber genau da liegt das Problem: Die Nazca‑Linien sind irgendwie Archäologie – und irgendwie auch nicht. Archäologen wissen nicht so recht, wohin sie die Nazca‑Linien einordnen sollen. Es sind keine Funde, sondern riesige Zeichnungen über viele Kilometer. Also musste sie selbstverständlich die passenden Werkzeuge benutzen. Sie musste anderes Gerät einsetzen – man kann ja keine Kilometer Wüste mit einer Zahnbürste bearbeiten. Für mich war das völlig logisch. Und heute, mit dem Klimawandel und all dem, sehen wir jemanden, der die Erde reinigt, fegt, sich um die Erde kümmert. Dieses Bild hatte ich über Jahre der Vorbereitung: Jemand, der sich um die Erde sorgt. Und was ich an ihrer Arbeit in der Wüste so mag: Sie ist auf eine Weise eine Metapher für unser Leben. Sie tut etwas Riesiges – und es ist fast poetisch, weil sie selbst so klein ist. Wir können Dinge bewirken und sind zugleich sehr klein. Das ist wirklich das Bild meines Films.“
Wie war es vor Ort, wie hat man das Projekt in Peru aufgenommen?
Devrim Lingnau Islamoğlu:
„Wir hatten ja ein peruanisches Team. Das heißt, in ein paar Departments – also Kamera, Damiens Regie, einige DarstellerInnen, ich und Olivia Ross zum Beispiel – sind aus Europa gekommen. Aber alle anderen Mitarbeitenden an dem Projekt waren aus Peru. Und dort sind Maria Reiche und die Nazca-Linien sehr bekannt. Sie wird dort in Ehren gehalten. Und es gibt auch mehrere Denkmäler für sie und ihr Grab ist sehr liebevoll gehegt und mit Blumen geschmückt. Sie ist so etwas wie eine Nationalheldin dort, weil sie auch, glaube ich, natürlich durch ihre wissenschaftliche Arbeit und das Entdecken der Linien und das Suchen nach deren Bedeutung so etwas wie einen Zugang, einen Schlüssel gefunden hat zu dieser Nazca-Zivilisation. Dafür sind ihr viele Peruaner dankbar, dass sie trotz dieser ganzen Kolonialgeschichte in Südamerika diesen Linien ihr Leben gewidmet hat. Und ich glaube, das wird ihr sehr hoch angerechnet dort.“
Zu den Stärken dieses Films gehört neben der unbestreitbar wichtigen Entdeckung dieser Frau und ihrer Lebensleistung auch eine große visuelle Kraft. Die Kamera von Gilles Porte bringt uns an einen exotischen Ort, den man selbst im Kino noch nicht oft erleben konnte. Gerade auf der großen Leinwand beginnt man die Ausmaße dieser Bilder in der peruanischen Wüste zu erahnen.












