ZONE 3
ab 27. November im Kino
Dieser französische Science-Fiction-Thriller ist mit einem Budget von vierzig Millionen Euro die teuerste europäische Produktion des Jahres. Mit reichlich Action und beeindruckenden Schauwerten widmet sich der Film einem der zentralen Themen unserer Zeit: der Künstlichen Intelligenz.
Philipp Teubner sprach mit Regisseur Cédric Jimenez und seinen Schauspielern.
Irgendwann in erschreckend naher Zukunft ist Paris wegen der zunehmenden gesellschaftlichen Differenzen in drei Zonen aufgeteilt, die die sozialen Klassen voneinander separieren. Das Sagen hat ALMA, eine mächtige vorausschauende KI, die das ganze Polizeisystem umgebaut hat und das System notdürftig am Laufen hält. Dann aber wird der Schöpfer ALMAs ermordet und Salia, eine Eliteagentin aus Zone 2 muss mit Zem, einem desillusionierten Polizisten aus Zone 3 – dem Bezirk der Unterprivilegierten – für die Ermittlungen zunächst widerwillig zusammenarbeiten.
Frage an den Regisseur und Co-Autor des Films Cédric Jimenez (DIE MACHT DES BÖSEN, 2017): Ihr Film kommt genau zur richtigen Zeit. Man hat das Gefühl, dass sich die Art, wie wir KI nutzen, aktuell fast täglich verändert. Haben Sie sich während der Produktion gefragt, ob die Zukunft uns bereits eingeholt hat?
Cédric Jimenez – Regie:
„Sicherlich war ich, als ich begonnen habe, das Drehbuch zu schreiben, bereits ein Stück weit im Rückstand. Aber KI ist eigentlich nicht das zentrale Thema des Films. Sie steht zwar im Mittelpunkt dieser Ermittlungen, doch sehr konkret im Rahmen des Justizsystems, also bei polizeilichen Untersuchungen. In unserem Fall berechnet die KI lediglich Wahrscheinlichkeiten für die Schuld bei bestimmten Delikten – sei es Mord oder etwas anderes. Die Frage, die der Film in Bezug auf KI stellt, ist letztlich: Sollten Gerechtigkeit und Rechtsprechung nicht in den Händen von Menschen bleiben, die über Moral und Gewissen verfügen?
Darüber hinaus ist die Debatte über KI natürlich ein Fass ohne Boden. Ich würde mir niemals anmaßen, ein endgültiges Urteil darüber zu fällen. Es ist ein extrem mächtiges Werkzeug, das sicher viele Lösungen, aber auch viele Probleme bringen wird – je nachdem, wie es eingesetzt wird. KI entwickelt sich rasant, sie ist eine sehr starke Technologie, die immer mehr Raum einnehmen wird. Genau deshalb habe ich ihr im Film einen sehr klar definierten Platz zugewiesen.“
Während ZONE 3 ein dystopisches Polizeisystem imaginiert, das auf eine allwissende KI vertraut, schreitet die reale Entwicklung längst voran. Auch in mehreren deutschen Bundesländern wird schon Software von Palantir Technologies getestet – ein Datenanalyse-Tool, das verschiedene Polizeidatenbanken verknüpft und Mustererkennung für Ermittlungen verspricht. Entwickelt wurde es vom deutschstämmigen US-Unternehmer Peter Thiel, der u.a. zu den frühen Investoren von Facebook gehört und der für seine antidemokratischen und elitenfreundlichen Ansichten in der Kritik steht.
So hat der libertäre Tech-Milliardär u.a. geäußert, dass er »nicht glaubt, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind« – »Unternehmen werden besser geführt als Regierungen, weil an ihrer Spitze ein alleiniger Entscheider mit quasi diktatorischer Vollmacht steht, der keiner demokratischen Legitimation bedarf.« Thiels Wunsch nach einer Weltordnung, in der Reiche und Unternehmer zunehmend frei von Kontrolle und Einmischung durch demokratische Institutionen agieren können, ist kein Geheimnis und er arbeitet mit Nachdruck daran, dass seine Software in staatlichen Einrichtungen weltweit ein Monopol bekommt.
Bürgerrechtler und Datenschutzbeauftragte warnen vor den Risiken solcher Systeme: Sie könnten zu intransparenten, kaum kontrollierbaren Überwachungsinstrumenten werden, bei denen Algorithmen über Verdacht und Unschuld mitentscheiden. Damit rückt die Welt von ZONE 3 bedrohlich nah an unsere eigene heran.
Das ungleiche Ermittler-Duo, das uns in ein glaubwürdig futuristisches, separiertes Paris führt, ist erstklassig besetzt. Zem wird von Gilles Lellouche (ASTERIX & OBELIX IM REICH DER MITTE, 2023) als stoischer, hemdsärmeliger Polizist mit einem Rest sozialem Bewusstsein gespielt. Er unterstützt heimlich eine illegale Hilfsorganisation und muss ständig mit seiner Degradierung durch die KI rechnen. Während er seine Nachforschungen mit unkonventionellen Methoden vorantreibt und seine Wohnung in Zone 3 eine ziemliche Müllhalde ist, lebt die ihm vorgesetzte Salia in einem eleganten Apartment. Sie wird von Adèle Exarchopoulos (BLAU IST EINE WARME FARBE, 2013) als Agentin gespielt, die nach Vorschrift arbeitet und durchaus entsetzt ist von Auftreten ihres Kollegen. Erst unterkühlt, distanziert offenbart sich nach und nach, dass auch sie mühsam ein paar Geheimnisse in dieser durch und durch überwachten Welt in sich trägt. Aus anfänglichem Misstrauen und Abneigung der beiden zueinander, wächst irgendwann Respekt, Vertrauen und sogar Freundschaft.
Seit jeher gibt es Ängste gegenüber der KI, besonders wenn sie mit einem Bewusstsein ausgestattet ist. Oft fürchtet man, dass so eine KI dominierend werden könnte. Aber ist nicht vielleicht doch der Mensch selbst, der eigentliche „Fehler im System“?
Adèle Exarchopoulos – Salia:
„Ehrlich gesagt, für mich ist das die richtige Antwort. Als man mir diese Frage stellte – und sie steht ja im Zentrum des Films, wo KI mit dem Justizsystem kooperiert – hatte ich sofort das Gefühl: Ich fürchte mich mehr vor den Menschen als vor der Technologie. Meine Sorge gilt eher den menschlichen Abgründen, den Extremen – etwa dem Mangel an Empathie, der heute so offensichtlich ist, und dem fehlenden Zuhören. Ich finde, Menschen hören sich gegenseitig kaum noch zu – ob in politischen Debatten oder einfach im Café. Selbst auf ein „Wie geht’s?“ antwortet man kaum noch ehrlich. Dabei ist das doch die Grundlage von so vielem. Und wir vergessen, dass Freundlichkeit eine der edelsten, verbindendsten Eigenschaften überhaupt ist. Insofern stimme ich Ihrem Pessimismus leider ein wenig zu.“
Gilles Lellouche – Zem:
„Ich denke, wir müssten eigentlich ein Stück weit zurück an die Wurzeln. Im Moment wirkt es fast so, als wären wir uns kollektiv einig, dass der Mensch sich zu einer Art Aasgeier ohne Empathie und ohne Bewusstsein entwickelt hat. Aber die Wahrheit ist doch auch: Wir selbst haben Werkzeuge geschaffen, die uns in diese Richtung verändert haben. Technologie hat uns gewissermaßen betäubt – unseren Sinn für Anstrengung, unser Verantwortungsbewusstsein, unsere Empathie. Wir scrollen, konsumieren Informationsfetzen, die sofort wieder verschwinden und jedes Urteils-vermögen zunichtemachen. So haben wir den Raum für echte menschliche Debatten abgeschafft – durch soziale Netzwerke, Technologie, das Internet. Natürlich kann KI in vielen Bereichen auch großartig sein. Aber sie kann die Fortsetzung dieser geistigen Betäubung sein – und letztlich auch des Herzens. Ich selbst bin ein wenig optimistischer, was die menschliche Natur betrifft. Ich finde, wir müssen darum kämpfen, dass Gerechtigkeit für und durch Menschen geschieht. Dafür bräuchte es strengere Regeln im Umgang mit unseren Werkzeugen, anstatt sie jeder unreflektierten Meinung zu überlassen. Sonst steuern wir auf eine totale Betäubung des Menschen zu. Ich persönlich möchte nicht, dass jemand für mich denkt.“
Adèle Exarchopoulos – Salia:
„Gerade weil der Film in einem nahen Zukunftsszenario spielt, hatten wir bald das Gefühl: Das ist weniger Zukunft als vielmehr ein „verstärkter“ Gegenwartszustand. Natürlich gibt es Dinge, die man wahrnimmt, und vieles andere, das einem entgleitet. Ich bin in Sachen KI kein Spezialist – die tiefen Abgründe der KI kenne ich nicht...“
Gilles Lellouche – Zem:
„Tatsache ist, dass wir erst am Anfang stehen – und die Entwicklung in einem irrsinnigen Tempo voranschreitet. Technologien sind nach zehn Tagen schon wieder veraltet, ständig gibt es neue Programme. Das überfordert uns völlig. Erschreckend finde ich, dass es ein bisschen so wirkt wie bei der Taylorisierung Anfang des 20. Jahrhunderts: Wir stehen am Beginn von etwas, das enorme Fortschritte bringen kann – etwa in Wissenschaft und Medizin. Bei der Justiz sehe ich es sehr viel kritischer. Und aus künstlerischer Perspektive mache ich mir große Sorgen um viele Berufe – etwa Drehbuchautoren. Vielleicht reicht es in fünf Jahren, ein paar Schlagworte einzugeben, und man bekommt ein angeblich perfektes Drehbuch. Aber dann eben eines ohne Kanten, ohne Menschlichkeit. Oder auch nicht – niemand weiß, wohin es geht...
Wir haben aber schon heute erlebt, wie Berufe bedroht sind. Synchronsprecher zum Beispiel. Bei ZONE 3 haben wir das ganz konkret gesehen: Wenn wir nicht zum Nachsynchronisieren kommen konnten, hat uns KI ersetzt – mit unseren Stimmen, unseren Intonationen. Das ist verrückt. Und angesichts einer Welt, die sich mehr am Profit orientiert als am Menschen, fällt es mir schwer zu glauben, dass wir das Ruder noch herumreißen.“
Der Film ist zudem ein clever gebautes Action-Spektakel mit raffinierten, überaus authentisch wirkenden Auto-Stunts, die durchaus frei sind von der da sonst gern gezeigten Computerspiel-Ästhetik. Der Regisseur bevorzugt vielmehr eindrucksvolle Realszenen oder auch Großaufnahmen der Gesichter.
Zudem geht es natürlich um Geschichten von und über Menschen, inklusive einer aus den Spannungen erwachsenden Lovestory gegen alle beängstigenden Attacken auf die Freiheit.
Unter anderem gibt es ganz beiläufig so etwas wie einen „tröstlichen“ Fehler, wenn der Computer wegen inkorrekter Zahlen dem Polizisten Zem jeden Morgen viel zu viel Milch liefert...
Ansonsten merkt man dem Film durchaus an, dass sich seine Schöpfer auf keine ultimative Bewertung der KI fixieren, sondern eigentlich eher als Fragende ihre Denkvorgaben an uns weiterreichen.
Cédric Jimenez – Regie:
„Ich bin kein Skeptiker, weil mir die Grundlagen fehlen, das zu sein. Die Zukunft wird uns zeigen, welchen Nutzen KI bringt und welchen Schaden sie anrichten kann.
Aber ein Enthusiast bin ich auch nicht. Um leidenschaftlich zu sein, müsste ich mich tiefgehend dafür interessieren und es täglich praktizieren. Das tue ich nicht. Ich nutze KI kaum. Und ich glaube auch nicht, dass man für eine Technologie im eigentlichen Sinne Leidenschaft empfinden kann. Niemand ist »leidenschaftlich fürs Internet«. Der Mensch ist komplex, das wissen wir. In der Geschichte gab es herausragende Persönlichkeiten, außergewöhnliche Menschen – und es gab furchtbare. Der Mensch ist zugleich Problem und Lösung. Ich bin Optimist. Deshalb neige ich dazu zu glauben, dass der Mensch die Lösung ist – nicht das Problem.“
Irgendwann zitiert Jimenez einmal einen 2500 Jahre alten Sophokles-Text: »Viele Wunder gibt es in der Welt; doch keines ist wunderbarer als der Mensch.«
ZONE 3 startet am 27. November in den Kinos.







