SONG SUNG BLUE
Kino-Tipp
Wenn zwei gesangserprobte Superstars – Hugh Jackman & Kate Hudson – eine Tribute Band gründen, kann das eigentlich nur großartig werden. Und wenn der Film neben tollen Musiknummern auch noch eine wahre, berührende und ausgesprochen bodenständige Geschichte aus der amerikanischen Arbeiterklasse erzählt, ist das ganz großes Kino.
Philipp Teubner sprach mit den Stars und ihrem Regisseur Craig Brewer.
Irgendwo in Memphis tingelten in den 1980ern zwei zwar gesangsbegabte, jedoch ansonsten nicht eben erfolgreichen Musiker mit den jeweils angesagten Titeln recht und schlecht durch die Gegend.
Jetzt hat der, spätestens seit seinem Oscar-prämierten Rap-Drama HUSTLE & FLOW (2005), als Musikfilm-Experte geltende Regisseur Craig Brewer einen Film über Mike Sardina und seine Freundin Claire gedreht. Zwei etwas verrückte Typen, die sich als LIGHTNING & THUNDER ihren Lebenstraum erfüllten, mit einer Musik, die alles andere als Blitz & Donner war.
Was hat sie gereizt, ausgerechnet die Geschichte dieser beiden Menschen zu erzählen?
Craig Brewer:
„Ich glaube, ich habe mich einfach in sie verliebt. Ich sah diese Dokumentation über LIGHTNING & THUNDER – und fing sofort an, für sie zu fiebern. Da war etwas an dieser völlig verrückten Idee, dass zwei Menschen zusammenkommen, um eine Neil-Diamond-Tribute-Band zu gründen, das mich sofort begeistert hat. Sie hatten kaum Geld, sie versuchten, ihr Leben neu zu ordnen – die Ehe, eine neue Familie – und gleichzeitig mit dieser abgefahrenen Band berühmt zu werden. Und dann nahm ihre Geschichte eine Wendung nach der anderen. Plötzlich geschahen so viele schlimme Dinge – und trotzdem blieben sie widerstandsfähig und erstaunlich stark. Ich fand, das ist eine zutiefst menschliche Geschichte, und ich musste sie einfach erzählen.“
Der Film beginnt mit einer Großaufnahme des inzwischen auch älter gewordenen – und wie stets vorzüglichen – Hugh Jackman, dem man die Spuren seiner Film-Persona deutlich ansieht: Mike Sardina ist Vietnam-Kriegsveteran mit schlimmen Erfahrungen, war zudem Alkoholiker und also nicht eben ein Erfolgstyp. Er jobbt tagsüber als Mechaniker und musiziert abends in Bars für Essen und ein Bier.
1989 begegnen sich Mike (Hugh Jackson) und Claire (Kate Hudson) in einer dieser Bars, die in Amerika üblicherweise Life-Musiker engagieren. Claire und Mike jedenfalls hoffen trotz aller Niederlagen immer noch auf irgendeinen Durchbruch und gründen die Neil-Diamond-Tribute-Band LIGHTNING & THUNDER.
Der Film fühlt sich an wie ein sehr amerikanisches, Neil-Diamond-Wannabe-Märchen – verwurzelt in der Arbeiterklasse. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Hugh Jackman:
„Das haben Sie wunderschön formuliert. Es ist eine Geschichte über echte, alltägliche Menschen aus der Arbeiterklasse, die ums Überleben kämpfen – mit riesigen Träumen. Das ist sehr amerikanisch: der American Dream. »Jeder kann alles schaffen, wenn er nur hart arbeitet« – und diese beiden arbeiten hart. Es ist auch eine berührende Geschichte darüber, wie Menschen einander auffangen.
Und ich finde, es ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Musiker, die überall auf der Welt für ein paar Dollar im Hut spielen – großartige Musiker. Für jedes OASIS gibt es Tausende fantastische Künstler, die es nie ganz schaffen. Auch ihnen sei dieser Film gewidmet.“
Wie schon Hugh Jackman in LES MISÉRABLES oder GREATEST SHOWMAN und Kate Hudson in NINE vor der Kamera singen mussten, waren natürlich auch hier echte Performances gefragt.
Kate Hudson:
„Ich bin so glücklich auf einer Bühne! Wir haben beide im Film Live-Performances gemacht. Ich liebe es, live zu singen und auf der Bühne zu stehen – und du auch. Das war wahrscheinlich der schönste Teil der Dreharbeiten.“
Hugh Jackman:
„Wir lieben es beide – und ehrlich gesagt, wir nehmen das fast als selbstverständlich. Viele, die nicht vom Theater kommen, sind beim Singen vor der Kamera sehr nervös.“
Craig Brewer:
„Ich bin wirklich stolz, zwei Schauspieler zu haben, die ohne Tricks und ohne technische Hilfe wunderschön miteinander singen können. Vielleicht mein Lieblingsmoment im ganzen Film: Ihr erstes gemeinsames Lied. Hugh spielt Gitarre, sie singen das wunderbare PLAY ME, Kate steckt ihr Keyboard ein… Und das war alles live! Als sie fertig waren, applaudierte das ganze Team.“
Neil Diamond begann seine musikalische Karriere inmitten des großen Rock'n'Roll -Aufbruchs in den 1960ern, der natürlich dominiert war von den Beatles und Rolling Stones. Diamond war zwar erfolgreich, aber für die härteren Rocker zu sanft, seine Musik zu clean, man rückte ihn kurzerhand in die Nähe der einfach nur massentauglichen, aber wenig zeitgeistigen Pop-Produktion. Was ungerecht war, denn Diamond hatte durchaus das Talent, haltbare Melodien zu komponieren, was die meisten Musiker nie erreichen…
Claire und Mike eigneten sich also das Œuvre Diamonds an, fanden ihren Ton und verlieben sich in diese Musik und – natürlich! – ineinander.
Da der Original-Diamond gar nicht all die Konzertwünsche seiner Fans erfüllen konnte, hatten sie mit ihrer durchaus qualitätsvollen Interpretation als Tribute-Band zunehmenden Erfolg. Sie sagen einmal: „Wir sind aber keine Neil Diamond-Impersonators (also „Imitatoren“), sondern Diamond-Interpreter.“
Hugh Jackman:
„Das Interessante ist: Mike hatte vor Neil Diamond eine eigene Bühnenfigur – Lightning. Er wurde auf der Bühne zu diesem Charakter. Er verehrte Neil, wollte aber nicht kitschig wirken. Viele Imitatoren wirken schnell etwas cheesy, und das wollte er unbedingt vermeiden. Es war Ausdruck von Respekt – und der Versuch, seine eigene künstlerische Identität zu bewahren. Ich finde das großartig.“
Kate Hudson:
„Und Claire war so unglaublich verliebt in ihn. Das Schöne an dieser Geschichte ist ja: Es sind echte Menschen. Wir erzählen ihre wirkliche Geschichte, nicht nur unsere Interpretation davon. Claire wollte einfach, dass Mike strahlt. Und er wollte, dass sie strahlt. Ich erinnere mich, wie sie ihn auf der Bühne ansah – sie hat richtig geleuchtet. Sie liebte ihn als Musiker, als Künstler. Und so wird Mikes Interpretation von Neil Diamond im Film zu etwas ganz Persönlichem.“
Regisseur Craig Brewer ist ein Spezialist für Musikfilme – sehr präzise, sehr detailreich, aber immer tief im echten Leben verwurzelt. Was ist sein Geheimnis?
Kate Hudson:
„Craig hat die Seele eines Musikers. Das stimmt wirklich. Er ist ein Junge aus dem Süden, er ist in Memphis aufgewachsen – umgeben von Jazz, Blues, Soul, Country. In einer Musikstadt wie Memphis – Heimat von Elvis – kann man gar nicht anders, als von Musik geprägt zu werden. Seine Kunst wird stark von der Musik inspiriert, die er liebt oder die ihn bewegt. Und es ist wirklich schwer, einen richtig guten Musikfilm zu machen.“
Hugh Jackman:
„Ja – man muss ihn fühlen.“
Kate Hudson:
„Genau. Und dafür braucht man jemanden, der Musik wirklich versteht – damit man sie auch filmisch so umsetzt, dass das Publikum sie spüren kann.“
Craig Brewer:
„Ich glaube, Musik hat mich schon sehr früh inspiriert. Vielleicht liegt es daran, dass ich in den Achtzigern Teenager war – einer Zeit, in der Musik und Filme, besonders die Soundtracks, untrennbar miteinander verbunden waren. Also kaufte man sich den Soundtrack – als Platte, Kassette oder CD – steckte ihn in den Walkman und erlebte den Film im Kopf noch einmal. Und dann sah ich AMADEUS (1984, Regie: Miloš Forman). Das hat mein Leben verändert. Zu sehen, wie jemand klassische Musik komponiert – das war für mich unglaublich aufregend.
Je tiefer ich selbst ins Musikproduzieren einstieg, je mehr ich in Memphis über Musiker und Künstler lernte, desto klarer wurde mir: Der Prozess des Musikmachens ist etwas Magisches. Und wenn man es richtig macht, hat das Publikum das Gefühl, es entsteht gemeinsam mit ihm – und dann gehört es ihnen.“
Hugh Jackman:
„Wie dieser Moment in HUSTLE & FLOW, wenn sie zum ersten Mal aufnehmen – als Zuschauer bekommt man sofort Gänsehaut. Das kann Craig wie kaum jemand sonst. Und auch hier hat er das geschafft. Er sucht immer genau diesen Moment, wenn einem die Nackenhaare hochgehen.“
Der Film auch deshalb so spannend, weil man viel über amerikanische Musik lernt. Neil Diamond ist in Deutschland längst nicht so groß wie in den Staaten, aber natürlich kennt man viele seiner Songs.
Craig Brewer:
„Ja. Wenn ich an den amerikanischen Traum denke, dann spielt Musik darin immer eine große Rolle, vor allem im Süden, wo ich lebe – in Memphis, Tennessee. In der amerikanischen Mittelschicht und Arbeiterklasse gehört Musik einfach dazu: Man jagt seinen Träumen nach, und irgendwo laufen John Cougar Mellencamp, Bon Jovi oder Springsteen. Und Neil Diamond war für viele Menschen immer so etwas wie Seelennahrung. Klar, man kennt SWEET CAROLINE oder FOREVER IN BLUE JEANS. Aber hört man sich sein gesamtes Werk an, findet man wunderschöne Songs über Einsamkeit, Isolation, das Ringen um Glück. Das liebe ich an seiner Musik: Sie ist voller Freude, aber ebenso tief und bedeutungsvoll.“
Die heikle Frage des Castings war sicher, die richtigen Interpreten für die Interpreten zu finden?
Craig Brewer:
(lacht) „Genau. Ich habe zu Hugh gesagt: »Du hast einen richtig schweren Job. Du musst jemanden imitieren, der selbst jemanden imitiert.« Und ehrlich gesagt, es gab kein anderes Äquivalent für Mike Sardina. Es war von Anfang an klar: Das ist Hugh Jackman! Er ist nicht nur ein Wahnsinnsschauspieler – ich wusste, dass er singen kann, er ist auch ein geborener Entertainer. Lightning ist ein grandioser Showman – und Hugh eben auch. Einige würden sogar sagen: »The Greatest Showman«.
Und Kate – mit ihr wollte ich schon seit gut zwanzig Jahren arbeiten. Wir haben uns kurz nach HUSTLE & FLOW kennengelernt und immer wieder versucht, ein gemeinsames Projekt zu finden. Jetzt war einfach der richtige Moment und der richtige Film.“
Nach dieser Erfahrung – und falls die Filmarbeit irgendwann mal langweilig wird, könntet ihr nicht einfach als Lightning & Thunder-Tribute-Duo weitermachen?
Hugh Jackman:
„Wir denken tatsächlich darüber nach. Wir reden ständig darüber.“ (beide lachen)
Kate Hudson:
„Wir wären sofort dabei. Wir würden um die Welt reisen und als Lightning & Thunder auf Tour gehen.“
So wie sich auch bei Diamonds Musik die Frage „U- oder E-Musik“ gar nicht stellt, ist dieser qualitätsvoll gestaltete Film mit sehr unterhaltsamen Aspekten genau die richtige Offerte für das bevorstehende Feiertagskino. SONG SUNG BLUE startet am 25. Dezember in den Kinos.









