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HAMNET

Neu im Kino

Philipp Teubner

Wenn im Februar wieder die Oscars vergeben werden, gilt dieser Film schon jetzt als großer Kandidat. Chloé Zhaos Shakespeare-Fantasie, produziert von Steven Spielberg, ist bereits im Januar ein Höhepunkt für das aktuelle Kinojahr. Philipp Teubner sprach mit der Regisseurin und ihrer Hauptdarstellerin Jessie Buckley.

Es ist schon so: William Shakespeare ist ein Fundus endloser Interpretationen, und – weil das alles so lange her und nur unzuverlässig dokumentiert ist – auch geeignet für diverse Mythen, Rätsel und Verschwörungstheorien sowie gelegentliche Zweifel an der eigenen Urheberschaft. Nur, dass das inzwischen egal ist, denn für dieses, bis heute unwidersprochen unvergleichliche Werk genügt einfach der Name Shakespeare. Dieser Mann, der schon im elisabethanischen London als „Marke“ gehandelt wurde. Es hieß: „mit dem Namen Shakespeare könne man sogar verfaulten Fisch verkaufen“.

Regisseurin Chloé Zhao, Oscarpreisträgerin für NOMADLAND (2020), ließ sich von alldem nicht beeindrucken und inszenierte diesen wunderbaren „Shakespeare“-Film nach dem erfolgreichen Roman von Maggie O‘Farrell, die auch am Drehbuch mitschrieb, der unaufgeregt, aber intensiv eine intime Geschichte ohne überflüssige Marginalien präsentiert. Entstanden ist kein Shakespeare-Biopic, sondern eine kraftvolle, märchenhafte Fiktion.

Chloé Zhao:

„Ich glaube, ich habe darüber überhaupt nicht nachgedacht. Es ist mir ehrlich gesagt nie in den Sinn gekommen. Wenn ich zur Arbeit komme, bin ich jeden Tag dort, um diesem Mann zu begegnen. Einem Mann, der durch einen Schauspieler kanalisiert wird – einen Mann, der vor allem ein menschliches Wesen ist. Dort bekomme ich meine kleinen Hinweise, meine Brotkrumen. Wenn ich anfangen würde, über Marken, Mythen und Theorien nachzudenken, wäre mir das für meinen Arbeitsprozess viel zu verkopft. Aber es ist interessant, jetzt, im Nachhinein, davon zu hören.“

Besonders viel über Shakespeares Privatleben ist ohnehin nicht bekannt. Bereits mit jungen 18 Jahren heiratete er die Bauerntochter Anne (im Film Agnes) Hathaway, mit der er drei Kinder hatte: Susanna und die Zwillinge Judith und Hamnet. Der Junge wird früh an der Pest sterben. 

Agnes und William realisieren auf ganz unterschiedliche Weise ihre Trauer. Während uns Agnes das ganze Spektrum ihrer Emotionen auslebt, versucht ihr Mann vor seinem Schmerz zu entfliehen und inszeniert am Globe Theatre die Premiere seines „Hamlet“. Hamlet und Hamnet waren damals übrigens gängige Varianten desselben Namens.

Weil Shakespeare gelegentlich auch selbst spielte und überhaupt in allen Theaterangelegenheiten bis hin zum Geschäftlichen versiert war, konnte er sich vermutlich bestens auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse seiner Schauspieler einstellen.

Wie sind Sie an diese Geschichte herangegangen? Was war Ihnen dabei besonders wichtig?

Chloé Zhao:

„Kunst – das Erzählen von Geschichten – war schon immer da, um uns zu helfen zu verstehen, warum Dinge mit uns passieren. Sie gibt dem, was geschieht, Bedeutung – und sie verwandelt es zugleich, fast wie Alchemie. Als Künstlerin verstehe ich das sehr gut. Jedes Gefühl, jede Verwirrung, jeder Schmerz, den ich erlebe – aber auch alles, womit ich konfrontiert werde, wenn ich neue Informationen oder Erfahrungen in mich aufnehme – all das erzeugt in mir das Bedürfnis, ein wenig Ordnung in dieses Chaos zu bringen und es dann auszudrücken, es aus mir herauszulassen. Sonst würde ich explodieren.“

Für diese intensive Erzählung versicherte sich Chloé Zhao der Mitwirkung zweier starker Darsteller. Jessie Buckley (DIE AUSSPRACHE, 2022) als die „wilde“ Bauerntochter Agnes, der ein hexisches Verhältnis zur Natur nachgesagt wird – und Gladiator-Darsteller Paul Mescal als Shakespeare.

Ihr Shakespeare und Agnes ziehen das Publikum regelrecht in die Leinwand – sie sind unglaublich kraftvoll. Was war Ihnen bei dieser Besetzung wichtig?

Chloé Zhao:

„Ich mag Schauspielerinnen und Schauspieler, die wirklich entdecken wollen. Ich mag Menschen, die mutig genug sind, nicht zu wissen. Mutig genug, zur Arbeit zu kommen, in eine Szene hineinzugehen, ohne zu wissen, wie diese Szene enden wird. Es erfordert Mut, nicht alles im Voraus durchzuplanen, es nicht allein zu proben und dann zu sagen: »Das hier ist die beste Version dessen, was diese Figur an diesem Punkt tun würde.« So etwas mag ich nicht. Ich liebe es, wenn sie bereit sind, im gegenwärtigen Moment zu sein und sich von etwas Größerem als ihnen selbst leiten zu lassen. Das ist für mich aufregend – denn dann entdecken wir gemeinsam etwas.“

Die Natur ist im Film unübersehbar präsent. Agnes ist ständig auf den Feldern, im Wald, umgeben von Kräutern, Tieren, Pflanzen, Erde. Was hat diese Umgebung mit Ihrem Spiel gemacht?

Jessie Buckley:

„Ich glaube, Natur ist für Agnes etwas ganz Essenzielles. Auf eine Weise ist es ihr Weg, mit der Sterblichkeit umzugehen. Die Natur ist eine unglaublich unmittelbare Erinnerung an unsere eigene Vergänglichkeit, weil sie saisonal ist. Sie ist nicht von Besitzdenken oder bewusster Kontrolle über ihre eigene Lebensspanne geprägt. Dinge werden geboren und sie sterben, Jahreszeiten wechseln, Tiere fressen einander. Und Agnes begegnen wir am Anfang an den Wurzeln dieses Baumes, direkt an einem Abgrund – einem Ort, der für sie eine Möglichkeit war, mit dem Tod umzugehen. Sie kehrt immer wieder dorthin zurück, weil in ihrem Kopf dort der Geist ihrer Mutter weiterexistiert. Sie ist im Gespräch mit der Natur – mit ihren Kräutern und Heilmitteln –, um der Idee von Tod nahe zu sein. Aber all das ist zugleich sehr elementar. Agnes selbst ist eine elementare Kraft. Ich glaube, das entsteht daraus, dass sie von einer Welt umgeben ist, für die sie eine tiefe Ehrfurcht empfindet, die aber auch etwas Unbegreifliches hat. Und zugleich erkennt sie in der Natur die Menschlichkeit wieder, in der sie lebt.“

Agnes außergewöhnlicher Baum – er ist so beeindruckend. Ist das ein echter Baum oder haben Sie ihn irgendwie für den Film gebaut? Wo konnten Sie diesen wunderbaren Baum finden?

Chloé Zhao:

„Wir hatten überhaupt nicht das Budget, um so einen Baum bauen zu können. Ich sehe die Natur als eines meiner Departments. Die Natur stand bei meinen Filmen immer auf meiner Seite. Wir sind mit unserem großartigen Location-Manager in den Wald gegangen, sind herumgelaufen – und dann war er einfach da. Da steht dieser Baum, und darunter ist dieses schwarze Loch. Wir dachten nur: Oh, danke. Danke, Natur!“

Auch die Filmmusik von Max Richter arbeitet sehr atmosphärisch. Grundsätzlich ist Musik in einem Film über das elisabethanische Zeitalter sehr wichtig.

Chloé Zhao:

„Zunächst einmal: Ich liebe seine Musik. Ich liebe sie wirklich – ich bin in erster Linie ein Fan. Aber ich habe auch das Gefühl, dass Max ein sehr elementarer Komponist ist. In gewisser Weise spricht Max Richter als Komponist eine ähnliche Sprache wie Agnes als Erzählerin des Films. Natürlich verfügt Max über all die Technik und Brillanz – so wie Shakespeare seine Sprache hatte. Aber ich glaube auch, dass Max Zugang zu seiner eigenen inneren »Agnes« hat. Er trägt seinen eigenen inneren Wald in sich, auf den er zugreifen kann. Genau das habe ich für diesen Film von einem Komponisten gebraucht.“

Mit der nötigen Freiheit und viel Respekt kreieren die Filmemacher ihre Deutung des Dichters. War ihnen diese Vorstellung von William Shakespeare wichtig, als Sie so etwas wie ein neues Familienleben für ihn mitgeformt haben?

Jessie Buckley:

„Ich glaube, keiner von uns hat wirklich eine Ahnung, wer dieser Mann war. Es ist wohl ein Teil unseres Egos, dass wir versuchen, uns ein Bild davon anzueignen, wer wir glauben, dass er gewesen ist. Und selbst in dieser Geschichte ist er letztlich nur eine imaginierte Figur – eine Vorstellung davon, wer dieser Mensch gewesen sein könnte. Wir wissen nichts. Und ich mag das – dass er geheimnisvoll ist, schwer zu fassen, fast »quecksilbrig«. Was ich an diesem Projekt so schön fand, war die Möglichkeit, hinter diese riesige, kulturelle Figur der Sprache zu schauen – hin zu dem Mann, dem Menschen, dem Familienmenschen, zu dem wir alle in irgendeiner Form eine Beziehung haben. Seine Größe ist fast einschüchternd. Aber ihn auf eine so unschuldige, persönliche und intime Weise zu erkunden – das habe ich geliebt.“

Natürlich ist HAMNET eine Geschichte von trauernden Eltern. Aber für mich erzählt der Film auch von der leisen, beharrlichen Hoffnung, dass Kunst – trotz aller Trauer und trotz dieser lauten, populistischen Welt um uns herum – etwas bewirken kann. Wie sehen Sie das?

Jessie Buckley:

„Ich finde diesen Gedanken wunderbar. Ich finde es großartig, dass es darum geht, wie Kunst immer noch etwas bedeuten kann. Das ist im Grunde meine größte Hoffnung, jedes Mal, wenn ich an etwas arbeite – auch wenn das natürlich nicht immer gelingt. In diesem Film gibt es so etwas wie einen doppelten Spiegel: Da ist das Stück im Stück, und dann ist da unsere Geschichte, die wir in genau diesem Moment in die Welt hinaustragen. Chloé hat mich daran erinnert, wofür das Erzählen von Geschichten schon immer da war: damit Menschen über sich hinauswachsen können, damit sie eine Art Katharsis erleben – damit sie berührt werden, damit etwas in ihnen in Bewegung kommt. Shakespeare ist der ultimative Humanist. Er entwirft vielleicht die größten inneren Landschaften, die es je gegeben hat – Räume, in die wir hineingehen können, wenn es um Dinge geht, die so schwer auszuhalten sind, dass wir sie in uns ganz nach unten drücken. Und ich glaube, Kunst ist absolut unverzichtbar, damit solche Dinge sichtbar werden und von etwas Größerem gehalten werden können als nur von uns selbst.“

Chloé Zhao:

„Ich glaube, Film hält uns einen Spiegel vor. Er ist ein Spiegel. Er erlaubt uns, in ihn hineinzutreten und all das, was wir in unserem eigenen Leben erfahren haben, auf die Figuren und das gesamte Erlebnis zu projizieren – und daraus dann Sinn zu ziehen, den wir wieder in uns integrieren können. Ich sehe das Kino als ein wichtiges Werkzeug, um das Leben, das wir führen, zu verinnerlichen.“

HAMNET startet am 22. Januar in den Kinos.

Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
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Courtesy of Focus Features / © 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.
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