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WAHRHEIT & VERRAT

Kino-Tipp

Philipp Teubner

Es ist überraschend, dass auch heute noch Geschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus auftauchen, von denen man nichts geahnt hat. Dieser berührende Film von Regisseur Matt Whitaker erzählt von einer ungewöhnlichen wie auch inspirierenden Biografie.

Es ist die weithin unbekannte Geschichte des 17-jährigen Hamburger Mormonenjungen Helmuth Hübener, den die Nazis 1942 als jüngstes Widerstandsopfer enthaupteten.

Nun ist der aus dem religiösen Milieu kommende antifaschistische Widerstand ohnehin nur selten bzw. je nach Interessenlage behandelt worden. Schon deshalb ist dieser Film aus Amerika, wo Religion schon wieder (durch evangelikale Christen) antidemokratisch missbraucht wird, von besonderem Wert.

Frage an Regisseur und Autor Matt Whitaker: 

Wie haben sie die Geschichte Helmuth Hübeners entdeckt?

Matt Whitaker:

„2001 habe ich tatsächlich das letzte noch lebende Mitglied der Helmuth-Hübener-Widerstandsgruppe kennengelernt. Er hieß Karl-Heinz Schnibbe. Ich hatte gehört, dass er noch lebt, in die USA ausgewandert ist und ganz in meiner Nähe wohnt. Wir haben ihn dann einfach im Telefonbuch gesucht, ihn angerufen und gefragt, ob er bereit wäre, seine Geschichte zu erzählen. Und er sagte: »Ja, klar, kommen Sie vorbei.« Also bin ich zu ihm nach Hause gegangen, und dort hat er mir einen Teil seiner Geschichte erzählt – vor allem über seinen besten Freund Helmuth Hübener, über ihre Widerstandsaktionen, als er selbst 17 war und Helmuth 16, und über ihren anderen Freund Rudi, der 15 war. Alle lebten in Hamburg. Karl erzählte mir davon, und ich war völlig überwältigt von seinem Bericht. Damals war ich Dokumentarfilmer, also haben wir Karl interviewt und seine Geschichte vollständig aufgezeichnet. Ich habe dann alle aufgespürt, die ich noch finden konnte und die Helmuth persönlich kannten.“

Helmuth Hübener hatte beeindruckende rhetorische Fähigkeiten. Schon mit sehr jungen Jahren arbeitete der in der höheren Verwaltung – das deutet auf sein sehr spezielles, natürliches Talent hin. 

Fanden Sie bei der Recherche zu Helmuth ausreichend authentisches Material?

Matt Whitaker:

„Ja, absolut. Nach allem, was wir wissen, war er 16, als man ihm ein Praktikum anbot – in der oberen Verwaltung, bei den Nazis, im Hamburger Rathaus. Er war damals der jüngste Praktikant, den sie bis zu diesem Zeitpunkt je eingestellt hatten. Er war einfach ein brillanter Junge. Man sieht das: Die einzigen Belege für sein Schreiben sind diese 29 Flugblätter, die die Zeit überstanden haben.

Die Nazis haben vor allem die Flugblätter sehr genau dokumentiert. Es ist faszinierend: Wir wissen, er hatte ein Kurzwellenradio, konnte die BBC hören, und er hatte Zugang zu einer Schreibmaschine – das war seine Waffe. Er war ein friedlicher Widerstandskämpfer. Und er war ein brillanter Schreiber: Er tippte diese Flugblätter gegen Hitler und das Naziregime. Und anfangs ging er nachts ganz allein durch Hamburg und verteilte sie – in Telefonzellen, in Briefkästen und an solchen Orten. Später kamen dann weitere Freunde dazu.

Als die Gestapo die Flugblätter fand, waren sie völlig überzeugt, dass dahinter ein Universitätsprofessor stecken müsse. Sie glaubten, sie würden nach einem kommunistischen Gelehrten oder so etwas suchen. 

Wenn man diese Flugblätter liest, ist es bemerkenswert: Er schrieb sie 1941 – zu einem Zeitpunkt, als die Nazis den Krieg dominierten – und sagte »Deutschland wird den Krieg verlieren, und das sind die Gründe…« Rückblickend sieht man: Er hatte in jedem Punkt recht.

Diese Texte waren nicht nur präzise und voller Wahrheit – sie waren sprachlich auf einem gehobenen Niveau. Wer das schrieb, wusste wirklich, wovon er spricht, und konnte sehr nuanciert formulieren. Umso größer war die Überraschung, als sie Helmuth Hübener schließlich fassten: einen 16-jährigen Jungen. Die Gestapo war sicher, dass jemand anderes die Texte verfasst hat, und er nur derjenige war, der sie verteilte. Deshalb haben sie ihn tagelang verhört und gefoltert, um herauszubekommen: »Für wen arbeitest du? Wer steht hinter dir?«

Erst viele Jahre später – nach dem Krieg, Anfang der 1970er – fand man die Flugblätter wieder, die von der Gestapo archiviert worden waren. Dazu kamen viele Informationen über die Zeit seiner Verhaftung: Verhöre, der Prozess vor dem Volksgerichtshof 1942. Eine enorme Menge an Dokumenten, bis zu seiner Ermordung am 27. Oktober 1942 – bis ins Detail, wann genau er in Berlin Plötzensee hingerichtet wurde. Es waren 18 Sekunden – von dem Moment, in dem er die Kammer betrat, bis die Fallbeilklinge fiel. Solch eine Detailtiefe in den Akten war für das Erzählen des Films unglaublich hilfreich.“

Helmuth war Mormone – das war eine nur relativ kleine und bedrohte Glaubensgemeinschaft im Deutschen Reich, wo sich bereits so etwas wie die vaterländische „Deutsche Kirche“ formiert und etabliert hatte. 

Das Verhältnis Hitlers zu den Religionen war ohnehin wechselhaft. Mal war der Kirchgang erwünscht, dann wieder zeitweilig unwesentlich. Er ließ mutig bekennende Priester in Dachau einkerkern und ermorden während Größen der evangelische und katholische Kirche Hitler auf dem Reichsparteitag huldigten. 

Der Mormonenbischof im Film versucht seine kleine Gemeinde irgendwie und mit obligater Anpassung durch die Zeit zu bringen.

Matt Whitaker:

„Einige der Freikirchen wurden von Anfang an verfolgt – teils wohl wegen ihrer Herkunft, ihren amerikanischen Wurzeln. Und wie war der Blick der Nazis auf die Mormonen? Das ist eine sehr gute Frage. Jede Religion im nationalsozialistischen Deutschland musste herausfinden: Wie gehen wir mit den Nazis um, wie gehen wir mit Hitler um? Die Mormonen waren insofern besonders, als dass sie in den USA entstanden sind. Deshalb betrachteten die Nazis sie gewissermaßen als »Feind« oder zumindest mit Misstrauen – genau wegen dieser Herkunft. Erst vor wenigen Jahren ist außerdem eine Gestapo-Akte aufgetaucht: Offenbar sammelte die Gestapo schon in den 1930ern Informationen über die Mormonen. Die Aufzeichnungen belegen, dass amerikanische mormonische Missionare genau beobachtet wurden. 

Gleichzeitig waren fast alle Mormonen damals im nationalsozialistischen Deutschland sehr patriotisch, sehr loyal gegenüber ihrem Land. Viele unterstützten die Regierung. Ein Teil der mormonischen Glaubensgrundsätze besagt sinngemäß: Wir unterstützen den Präsidenten, wir unterstützen die Herrschenden, wir unterstützen die Regierung des Landes, in dem wir leben. Viele Mormonen teilten dieses Denkmuster und sahen in Hitler einen Mann, der nicht rauchte, nicht trank und jemanden, der Menschen ermutigte, ihre Ahnenforschung zu betreiben. Darin erkannten sie Ähnlichkeiten. Für uns ist es heute schwer nachzuvollziehen.“

Im Gegensatz zu vielen Mitgliedern seiner Kirche erkannte Helmuth aber den Widerspruch zwischen dem Glauben und der faschistischen Ideologie.

Im Film sagt er über seine Flugblätter, man solle sie wie Kettenbriefe weitergeben. Ich finde, das könnte man auch über Ihren Film sagen.

Matt Whitaker:

„Für mich war dieser Film nie ein »Botschaftsfilm«. Es ist einfach eine unglaublich starke Geschichte. Insofern: Ja, hoffentlich ist es für die Leute eine starke Erfahrung, ihn zu sehen. Denn er ist, glaube ich, auch sehr zeitgemäß – gerade jetzt. Wenn ich auf das schaue, was in der Welt passiert: Ich komme aus den USA. Was gerade in meinem Land geschieht, wo wir wieder einen Anstieg von Autoritarismus sehen, eine Art Wiederkehr von Neo-Faschismus – das ist gefährlich. Film ist auch eine Möglichkeit für Menschen, nicht nur etwas über ihre Welt zu lernen, sondern es zu fühlen – Dinge zu erleben. Ich könnte vermutlich keinen Film über heutige Themen machen, der so wirksam wäre, wie diese Geschichte von vor 80 Jahren. Ein 16-Jähriger merkt, dass er belogen wird. Er erkennt, dass er von Propaganda umgeben ist – dass er in Propaganda groß geworden ist, in Lügen. Und sobald er die Wahrheit sieht, weiß er: Ich muss etwas sagen! 

Ich hoffe, dass dieser Film irgendwann auch an Schulen gezeigt werden kann – damit Teenager ihn sehen und denken: »Weißt du was, ich will ein bisschen mutiger sein. Ich will für das Richtige einstehen.« Eines der Themen des Films ist: Tu das Richtige. Dieser Mut zu sagen, das kann für mich schlecht ausgehen, aber ich weiß, dass es richtig ist. Ich mache es trotzdem! Das ist die Entscheidung, die Helmuth getroffen hat.“

Auch Helmuths mitangeklagte Freunde wurden verurteilt und kamen ins Konzentrationslager, das sie glücklicherweise überlebten. Sein jüdischer Freund Salomon Schwarz wurde ermordet.

WAHRHEIT & VERRAT startet am 5. Februar in den Kinos.

© Kinostar Filmverleih
LUKAS SALNA / © Kinostar Filmverleih
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LUKAS SALNA / © Kinostar Filmverleih
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