IS THIS THING ON?
neu im Kino
Bradley Cooper ist nicht nur ein erfolgreicher Schauspieler, sondern hat sich auch als Regisseur einen Namen gemacht. In seinem neuesten Film – einer liebevollen, schrägen Tragikomödie – hat er am Drehbuch mitgearbeitet, die Kamera geführt und auch noch mitgespielt. Co-Autor und Hauptdarsteller Will Arnett und die Schauspielerinnen Laura Dern und Andra Day erzählen von einem besonderen Dreh.
IS THIS THING ON? erzählt von Alex (Will Arnett) und Tess Novak (Laura Dern), einem New Yorker Paar in der Lebensmitte. Nach vielen Jahren Ehe beschließen sie diese einvernehmlich zu beenden, ohne Krach, ohne Anwälte. Ihre beiden 10-jährigen Söhne wollen sie gemeinsam großziehen. Und auch die Freunde sollen nicht unter der Trennung leiden – zivilisiert, freundschaftlich, ohne Verbitterung.
So verlässt Alex das gemeinsame Haus und zieht in ein Apartment in der Stadt. Auf die Frage nach Scheidung wiegelt Tess erst einmal ab und meint: “It’s not a break, it’s a split!“
Es ist, wenn man so will, ein eher aus der Mode gekommenes Genre, das früher zum Qualitätsstandard Hollywoods gehörte. Diese intimen, erwachsenen, witzig-aber-ehrlichen Beziehungsfilme…
Warum sind solche Filme auch heute noch wichtig?
Will Arnett:
„Warum brauchen wir das, Laura?“
Laura Dern:
„Hm, Will – weißt du, ich brauche solche Filme, um hoffnungsvoll auf Leben und Liebe zu schauen. Ich brauche sie auch als Schauspielerin, weil sie ein Ort für echte Gemeinschaft sind – und für tiefgehende Kommunikation. Und dieser Film steht für die Geschichten, mit denen ich in den Siebzigern aufgewachsen bin und die mich überhaupt erst dazu gebracht haben, Schauspielerin werden zu wollen. Also – aus all diesen Gründen.“
Will Arnett:
„Ja… Ich weiß nicht, ob »wichtig« das richtige Wort ist, aber ich mag solche Filme auch. Und ich fühle mich zu Geschichten hingezogen, in denen ich mich wiederfinde: in den Figuren, in der Situation, im Thema. Geschichten, die vielleicht ein Licht auf Dinge werfen, die schwer zu navigieren sind – Beziehungen eben. Menschen – und wie sie miteinander umgehen. Das ist letztlich das, was den Menschen beschäftigt, seit er zum ersten Mal darüber nachgedacht hat, wie er sich zu seinem Gegenüber verhält. Das ist komplex. Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir überhaupt miteinander klarkommen.“
Zumindest versuchen beide erst einmal auf eigene Weise irgendwie zurechtzukommen. Tess lenkt sich mit ihren wieder aufgenommenen sportlichen Aktivitäten ab und Alex gerät eines Abends eher zufällig in einen Comedy-Club, in dem ein Open-Mic-Abend läuft. Jeder kann hier für zehn Minuten auf die Bühne und auch Alex versucht sein Glück.
Der etwas sonderbare Titel des Films IS THIS THING ON? steht vermutlich für die Frage, ob das Mikrofon fürs Stand-Up schon eingeschaltet ist – ein Mikro-Check und zugleich leiser Beziehungs-Check: Ist da noch ein Signal zwischen zwei Menschen?
Hierzulande ist Stand-Up-Comedy kulturell nicht so tief verwurzelt wie in den USA. Viele erkennen vielleicht gar nicht, welchen Wert das haben kann. In eurem Film wirkt es fast wie eine Form der Selbsttherapie. Ist das für Alex eher ein „Safe Space“ – oder der gefährlichste Ort überhaupt?
Will Arnett:
„Kommt auf die Perspektive an…
Ich weiß gar nicht, ob es eins von beidem ist. Ich glaube, es wird zu einem Ort, an dem er endlich anfängt, sich mit ein paar Wahrheiten zu konfrontieren. Das erste Mal, dass er zugibt, in welchem Zustand er ist, passiert in einem Raum voller Fremder. Sozusagen als Witz verpackt – nur dass es eigentlich gar kein richtiger Witz ist. Er sagt einfach: »Ich glaube, ich lasse mich scheiden.« Er versteht, dass das als Einstiegssatz irgendwie »komisch« ist. Und es ist wahr. Genau deshalb ist es für ihn so ein Aha-Moment: Er sagt es laut, bekommt ein Lachen – und gleichzeitig trifft ihn in diesem Moment die Wahrheit dessen, was er da gerade gesagt hat. Gefährlich ist es nur für den Zustand, in dem er vorher war – weil es droht, diese Art von innerer Starre zu zerstören, dieses Komatöse…“
Natürlich hat das Ehepaar auch Freunde, die irgendwie mit ins Dilemma einbezogen sind. Andra Day – sie ist auch erfolgreiche Liedermacherin und war unter anderem für ihre Rolle als Billie Holiday für den Oscar nominiert – spielt Christine. Ihren Film-Gatten Balls verkörpert Regisseur Bradley Cooper (A STAR IS BORN).
Wir gehen oft davon aus, dass unsere Freunde die Situation verstehen – vielleicht sogar besser als wir selbst. Aber die Beziehung von Christine und Balls wirkt teilweise noch dysfunktionaler als die von Alex und Tess.
Andra Day:
„Erst mal: tolle Beobachtung! Ich glaube schon, dass es in der Beziehung von Christine und Balls noch mehr Probleme gibt, weil sie einen ziemlich »guten« Bewältigungsmechanismus gefunden haben: Sie sind einfach ständig high und essen dabei diese speziellen Cookies und Brownies…
Aber jetzt, wo ihre Freunde sich trennen und ihr Kind aufs College geht, ist es plötzlich so: Oh – jetzt muss ich mich hinsetzen und diesen Themen mit meinem Mann wirklich stellen. Also haben wir viel darüber gesprochen, was sie ursprünglich aneinander angezogen hat: Klar, körperliche Anziehung. Bei ihm dieses Spontane – so ein »aus dem Bauch heraus«-Lebensstil, Träume verfolgen. Und bei ihr eher das Fundament: strukturierter, disziplinierter, strenger. Genau diese Unterschiede waren am Anfang attraktiv – und irgendwann sind es dann die Dinge, die einen aufreiben.
Aber was ich an dem Film liebe: Er zeigt, dass nicht immer alles kaputt gehen muss. Manchmal muss es erst ein Stück weit auseinandergehen, damit man überhaupt reden kann.“
Natürlich ist dies zunächst „Dialogkino“, dabei allerdings durch und durch filmisch. Es gibt viele Close-ups – oft mit Handkamera – und manche sind sehr lang und intim.
Wie ist das als Darsteller, wenn die Kamera auf diese Weise Nähe herstellt?
Laura Dern:
„Unglaublich. Ich liebe das. Vor allem, wenn der Erzähler, unser Filmemacher – gleichzeitig der Kameraoperator ist. Das allererste Bild, das Bradley Cooper vor Augen hatte, als er das Drehbuch gelesen hat, war Will Arnetts Gesicht in genau dieser Nähe auf der Comedy-Bühne. Und ich glaube, daraus ist dann die Filmsprache entstanden. Diese unausweichliche Intimität – die, finde ich, ein Geschenk ist – nicht nur für uns als Schauspieler, sondern als Menschen. Und weil wir langjährige Freundschaften haben, hat das, glaube ich, ein tieferes Offenlegen von Wahrheit und Nähe inspiriert.“
Will Arnett:
„Und ich glaube, weil Bradley die Kamera selbst hält – und weil wir, wie Laura sagte, diese tiefe Verbindung zu ihm haben – ist das im besten Sinne entwaffnend. Es ist eben nicht irgendein Mensch, den du nicht kennst. Es ist jemand, den du sehr gut kennst. Und er spricht auch mit uns. Irgendwann vergisst du, dass er eine Kamera hält. Du bist einfach in dieser imaginären Situation und erlebst sie wirklich. Weil es lange Einstellungen sind, kannst du Szenen ausspielen; es fühlt sich nicht so zerhackt an wie oft beim Drehen. Das gibt dem Ganzen eine Tiefe – du vergisst das Filmen, und es ist eher, als würde Bradley dich begleiten. Für diesen Film ist das enorm hilfreich.“
Andra Day:
„Ehrlich gesagt ist das ein Beweis dafür, wie brillant Bradley als Schauspieler ist. Denn als Regisseur ist er so fleißig, so fokussiert, so laserpräzise. Und er bedient beim Dreh auch noch selbst die Kamera. Gleichzeitig ist er unser Szenenpartner und hat mit Will zusammen das Drehbuch geschrieben. Es war einfach beeindruckend zu beobachten. Er ist extrem gründlich, was Recherche und sein Verständnis für Figuren und Story betrifft. Er ist seinen Schauspielern gegenüber sehr zugewandt – und sehr offen dafür, was wir in die Figur hineinbringen. Er will sicherstellen, dass es sich für uns authentisch anfühlt.
Am Anfang dachte ich, vielleicht wird das schwieriger, weil ich als Spielpartnerin weniger an ihn herankomme – weil er so viele Aufgaben gleichzeitig macht. Aber seine Vision ist so klar, dass am Ende etwas wirklich Schönes entsteht.“
Ein Vorzug des Films ist auch, dass man nie das Gefühl hat, Figuren einer „komponierten“ Kinodramaturgie zu erleben. Der Film unterläuft clever die Erwartungen der Zuschauer und er ist dabei durchweg unterhaltsam.
Andra Day:
„Das ist großartig. Ich freue mich so, dass du den Film so wahrgenommen hast. Denn genau das haben wir am Set auch gesagt. Solche Filme sieht man nicht mehr oft. Und ich finde, das Wichtige an Filmen wie diesem ist, dass sie wahrhaftig sind.
Was ich am meisten liebe: Er bildet das Leben auf eine sehr ehrliche Art ab. Es gibt keinen Bösewicht in diesem Film. Es gibt keinen großen Verrat, keinen massiven Tabubruch. Manchmal sind wir einfach unzufrieden mit unserem Leben, mit den Entscheidungen, die wir getroffen haben. Oder wir fühlen uns schuldig dafür, unzufrieden zu sein. So nach dem Motto: Ich habe doch die Kinder, ich habe die Familie, ich habe die Karriere, ich habe alles. Aber trotzdem sind wir innerlich aufgewühlt, und wir können nicht mal konkret benennen, warum. Der Film ist ein sehr wahrhaftiger, nuancierter Blick auf Leben und Beziehungen, auf Liebe und Ehe und Scheidung – und darauf, wie so etwas entstehen kann. Und er lässt am Ende Raum für die Erkenntnis, dass es okay ist, sich so zu fühlen. Es ist okay, dass ich in eine neue Lebensphase komme, dass ich mich verändere – und ich muss nicht herausfinden, wie ich dagegen ankämpfe. Ich muss einfach zulassen, dass ich mich verändern darf. Deshalb ist dieser Film – und sind Filme wie dieser – so wichtig.“
Gegen Ende des Films gibt es einen Satz, der mir besonders gefallen hat: Es ist nicht nur wichtig, einander glücklich zu machen, sondern auch, gemeinsam Unglück auszuhalten.
Laura Dern:
„Das ist einfach mein Lieblingssatz. Der beste Satz überhaupt! Erzähl mal, Will: Warum hast du diesen Satz geschrieben?“
Will Arnett:
„Ich glaube, da steckt viel drin. Es ist leicht, verliebt zu bleiben, wenn alles immer glatt läuft. Aber wir wissen alle, wie das Leben ist: Es wirft dir – wie wir in Amerika sagen – eine Menge Curveballs hin. Und in genau diesen Momenten musst du entscheiden, ob du nur dann bei dieser Person sein willst, wenn alles gut ist. Wenn du nur das Gute genießen willst – dann wird das Leben ziemlich hart.“
IS THIS THING ON? startet am 19. März in den Kinos.









