ALLEGRO PASTELL
Ab 16. April im Kino
Leif Randts Bestseller über die Liebe und späte Jugend der Millennials gilt als einer der wichtigsten deutschen Romane seiner Generation – und schon allein wegen seiner Sprachgenauigkeit als unverfilmbar. Auf der diesjährigen Berlinale bewies die Adaption eindrucksvoll das Gegenteil.
Philipp Teubner traf Schauspieler und Filmemacher zum Gespräch.
Lovestorys sind so etwas wie eine Voraussetzung erfolgreicher Spielfilme. Und sie haben ihre eigenen Kompositionsbedingungen, Voraussetzungen und Klischees. Schon deshalb ist es nicht eben einfach, eine originelle Lovestory zu drehen, aber gelegentlich gelingt es doch.
ALLEGRO PASTELL ist so eine Geschichte, die sich weniger an die bewährten klassisch-dramaturgischen Vorgaben hält als an die Unwägbarkeiten gelebten Lebens. Zudem gab es da einen Roman als Vorlage, Leif Randts Bestseller von 2020, der viele Kritiker verblüfft und begeistert hat. Und der Buchautor war dann auch selbst für die Umsetzung des Drehbuchs verantwortlich.
Anna Roller (Regisseurin):
„Die Sprachgenauigkeit war schon im Drehbuch spürbar. Deswegen haben wir auch das Element der Voice-Over im Film genutzt. Leif Randts Sprache hat mich von Anfang an fasziniert. Außerdem haben mich die Figuren interessiert: Ich hatte das Gefühl, sie aufrütteln zu wollen. Erst wollte ich nicht, dass man behauptet, es wäre ein Bild von meiner Generation. Doch gleichzeitig habe ich mich auf unangenehme Art und Weise darin doch sehr wiedererkannt.
Im Kern ist Allegro Pastell ja eine Liebesgeschichte – und zwar eine, mit der ich mich identifizieren kann. Sie stellt Fragen zu Freiheit und Verbindlichkeit in einer Beziehung und Lebensentscheidungen als Frau Mitte 30… Die Probleme dieser Figur Tanja, die man eigentlich nie so ganz verstehen kann oder für die sie nie Worte findet - das hat mich an der Verfilmung gereizt.“
Es ist so etwas wie eine Zeitgeistliebe mit Tanja und Jerome. Sie ist eine erfolgreiche Autorin, die in Berlin lebt – und er ist ein ebenfalls erfolgreicher Webdesigner im Hessischen. Der ICE und das Internet als Beziehungsgehilfen. Coole, durchaus wohlhabende Dreißiger aus jenen friedlichen Jahren vor Ukraine-Krieg, Corona und diesem degoutanten rechtsextremistischen Höhenrausch.
Ihre fast wie ein Projekt umgesetzte Liebe mit allen Freiheiten und Möglichkeiten junger Leute funktioniert irgendwie… oder irgendwie nicht – je nachdem.
Syl Faligant (Tanja):
„Ich lebe in Frankreich und hatte von dem Roman nicht gehört und habe erst das Drehbuch gelesen. Nach der ersten Lesung war ich schon sehr wütend. Ich dachte: Worum geht das jetzt? Was wollen wir denn erzählen und wer sind diese zwei sehr privilegierten, weißen, heterosexuellen Hauptfiguren, die in dieser kleinen, kreativen, großstädtischen Bubble leben? Wofür sollen sie stehen? Ich habe da so einen Impuls gehabt, mich von denen zu distanzieren und dachte, ich habe nichts mit diesen Figuren zu tun. Was natürlich nicht stimmt und das war schon unangenehm. Und weil ich diese Rolle spiele, habe ich mich dann mit ihnen beschäftigt.
Es war schon interessant zu erkunden, woher diese Wut von mir kam. Warum ich aufgeregt war und warum die mich genervt haben. Ich habe nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten geschaut. Das waren komplexe Gefühle und eine ziemlich gute Auseinandersetzung mit der Haltung beziehungsweise "Nicht-Haltung" dieser beiden Figuren zur Welt.“
Jannis Niewöhner (Jerome):
„Ich hatte das Buch gelesen und fand es spannend, etwas zu lesen, zu dem man so ambivalente Gefühle hat. Also – es ist eine Liebesgeschichte, aber es ist nicht so, wie man es oft von einer Liebesgeschichte gewohnt ist: dass man den Figuren eigentlich in den allermeisten Punkten sehr gut zustimmen kann. Sondern es ist wirklich eine Welt, die speziell ist und es ist eine Bubble, aber die ist sehr genau beobachtet und das fand ich toll. Ich habe diese Welt wiedererkannt, besonders die von Tanja, und konnte mich auch in den Themen wiedererkennen. Gleichzeitig habe ich mich genau darüber aufgeregt. Über diese Figuren, die eben sehr um sich selbst kreisen.“
Leif Randt (Autor):
„An ALLEGRO PASTELL hat mich damals vor allem gereizt, dass es eigentlich fast eine antidramatische Geschichte ist.
Medienschaffende, die freiberuflich sich selbst verwirklichen und von Paycheck zu Paycheck, beziehungsweise von Projekt zu Projekt arbeiten. Und genau aus diesem Milieu dann eine Liebesgeschichte zu erzählen, die auch mit diesen Widersprüchen arbeitet, dass man einerseits die maximale Freiheit will und die totale Ergebnisoffenheit und trotzdem aber sich auch ernsthaft verlieben möchte. Und darin besteht, glaube ich, auch für Tanja und Jerome so eine gewisse Unmöglichkeit, weil sie diesen nächsten Schritt zum Commitment nicht gehen wollen. Sie sind nicht völlig blind, auch wenn sie vieles ausklammern, aber man hatte so diese Antizipation – und die hat, glaube ich, auch die Zehnerjahre sehr geprägt – es könnten größere Krisen kommen. Ich glaube, das war auch in meinem Lebensgefühl immer präsent, dass man dachte, eigentlich ist es hier noch ganz schön, so in Berlin-Kreuzberg, Neukölln irgendwie seine Zeit zu verbringen und seine Projekte zu machen. Aber ob das alles so gut geht? Es gab immer, sei es wirtschaftlich, geopolitisch, klimatisch vor allem in der Zeit, die Erwartungshaltung, es könnte alles auch bald kippen. Und dadurch entsteht so ein Gefühl von „vorauseilender Wehmut“. Man denkt, jetzt ist es eigentlich ziemlich toll und insbesondere, wenn man dann vielleicht Anfang, Mitte 30 und frisch verliebt und erstaunt ist, dass man noch so jugendlich lebt und es sich nicht falsch anfühlt. Und es ist ein fantastischer Sommer, von dem man glaubt, der ist vielleicht schon ganz schön krass vom Klimawandel geprägt, der eigentlich die Menschheit ausrotten könnte, aber dieser Sommer ist der Hammer. Die Stimmungslage in ALLEGRO PASTELL ist so was wie, die Ruhe vor dem Sturm. Eine kurze Schutzblase aus so abgehangenem europäisch-westlichem Wohlstand.“
Das findet sich auch im Visuellen. Besonders beeindruckend ist die Kameraarbeit: sehr präzise gesetzte Bilder, die immer Stimmung und Bedeutung tragen.
Anna Roller (Regisseurin):
„Das freut mich sehr, dass Sie das erwähnen. Felix Pflieger, der Kameramann, und ich arbeiten seit fünf Filmen zusammen. Und wir versuchen jedes Mal neu zu überlegen, was die visuelle Sprache für jeden spezifischen Film ist. Schon im Text, das ist ja das, was alle auch über den Roman sagen, spürt man diese Distanz, spürt man dieses Unterkühlte, eine Ironie und gleichzeitig eine große Genauigkeit der Beobachtungen. Uns war klar, dass die Kamera statisch und präzises sein muss. Es muss sowas »Aquariumhaftes« haben, wie man auf die Figuren draufschaut oder in deren Leben reinblicken darf. Gleichzeitig weiß die Kamera auch mehr als die Figuren, sie ist eine eigene Erzählerstimme.
Und dann die Farbwelt. Pastellige Töne im Szenenbild im Kontrast zu sehr kräftigen Farben, gerade im Kostüm von Tanja. Es verrät uns, wie es ihr eigentlich geht, weil wir nicht so viel über sie oder über ihre Emotionen wissen. Das Kostüm zeigt uns manchmal, wenn sie im Mittelpunkt sein will oder wenn sie eigentlich in den Arm genommen werden möchte – dann sind auch die Formen weicher. Aber das eher unterschwellig, so dass man es kaum bemerkt, aber dass man trotzdem was fühlt.“
Jannis Niewöhner (Jerome):
„Ja, und man muss sagen, das ist keine Selbstverständlichkeit beim Film, dass jedes einzelne Department so wichtig und ernst genommen wird und man wirklich alle Mittel und Wege nutzt, mit dem kleinsten Detail oder mit der Bildsprache auch was zu erzählen.
Ich erinnere mich an eine Mail von Anna – eine von vielen – wo sie dann gefragt hat: »Was glaubst du denn, ist Jerome ordentlich, was hat er zu Hause rumliegen, was versteckt er?« Es gibt also viele Fragen, die man sich stellen kann und die wurden hier gestellt.“
Der Verleger des Romans hat einmal gesagt, das Buch sei eigentlich unverfilmbar. War das eher eine Warnung oder ist das ein Ansporn?
Anna Roller (Regisseurin):
„Ich habe wirklich versucht, mich davon freizumachen. Es wird von so vielen Büchern behauptet, sie seien unverfilmbar und sie wurden verfilmt. Und ich hatte schon den Anspruch, die Sprache des Romans in den Film einzubringen. Also, sowohl in die Texte als auch in die Kamerasprache.“
Leif Randt (Autor):
„Die Herausforderung war, dass man im Roman viel über die Einzelbeobachtung und über die Figurenpsychologie mitteilen kann. Der Erzähler denkt durch die Figuren hindurch, ist immer sehr nah an Tanja und Jerome. Und natürlich hat man für die Handlung dann auch sechs oder sieben Lesestunden. Der Film sollte nicht eskalierend lang werden. Am Ende dauert der, glaube ich, nur knapp 100 Minuten. Da musste man diese nicht so dramatische Dramaturgie ein wenig anschärfen. Und ob das wirklich gelungen ist, kann ich ehrlich gesagt erst in der Premiere feststellen. Wenn dann wirklich mal sehr viele Leute gemeinsam den Film sehen. Ich glaube, da spürt man, inwieweit gehen die Leute mit diesem Film und den Figuren mit. Wann finden sie was lustig und wann wundern sie sich? Das ist dann diese Schwarmintelligenz eines vollen Premierenkinos.“
Und tatsächlich ist ALLEGRO PASTELL ein Film, der nachwirkt. Man hadert noch nach Tagen mit den Figuren, ihren Entscheidungen und der möglichen Erkenntnis, dass die vielleicht gar nicht so weit von einem selbst entfernt sind.
Jannis Niewöhner (Jerome):
„Und ich meine, dass das eine Geschichte kann und dass das ein Film kann, einen da in ein Gefühl reinzubringen, das ist doch magisch und insofern würde ich sagen, das ist Film, Empathie und Menschlichkeit und eine wundervolle Art und Weise, das Leben kennenzulernen.“
Syl Faligant (Tanja):
„Und Veränderungen auch! Also man kommt natürlich mit Geschichten in Berührung, die nicht unsere sind. Das kann Denkweisen beeinflussen und verändern. Wahnsinnig wichtig in der Demokratie, vor allem wenn diese in Gefahr ist.“
ALLEGRO PASTELL startet am 16. April in den Kinos.






