Zum Hauptinhalt springen

GOOD BOY

ab 4. Juni im Kino

Philipp Teubner

Der Untertitel dieser schrägen britischen Kidnapping-Story lautet „Wir wollen nur dein Bestes“. Der Film stellt dem Zuschauer viele moralische Fragen – u.a.: Wer ist eigentlich Opfer und wer Täter? 

Philipp Teubner traf den Regisseur Jan Komasa zum Interview.

Jan Komasa:

„Dieser Film handelt von einem Hooligan - sagen wir: von einem schlimmen Menschen, einem Vandalen – der schließlich angekettet in einem Keller landet. Vor ihm steht ein Mann und sagt: »Hallo, ich heiße Chris, das ist meine Frau Catherine, das ist unser Sohn Jonathan. Wir sind eine ganz normale Familie, und wir werden aus dir einen normalen Menschen machen.«

Der ganze Film basiert auf dieser einen Grundidee: Man beobachtet eine Familie, die zu den wohl schrecklichsten Mitteln greift, um jemanden umzuerziehen, der zuvor selbst schrecklich war.“

GOOD BOY ist die im englischen Sprachraum gängige Belobigungsfloskel für den braven Hund, der eine Abrichtungsaufgabe zum Wohlgefallen seines Besitzers erfüllt hat: „Du bist ein braver Junge!“ In diesem Fall ist der Adressat der Lobesformel aber eben jener junge Mann, der angekettet im Kellerverlies vegetiert.

Und das ist erst der Auftakt eines sehr schwarzhumorigen Thrillers. Irgendwo in einem Anwesen, in der einsamen englischen Provinz, inszeniert von einem polnischen Regisseur mit großartigen britischen Schauspielern.

Der Regisseur ist Jan Komasa. Sein Film CORPUS CHRISTI war 2020 als bester internationaler Film für den Oscar nominiert. Erst im letzten Jahr hatte er mit THE CHANGE einen der interessantesten Filme zum demokratischen Verfall der USA gedreht. Es ist also keinesfalls so etwas wie Durchschnittsunterhaltung zu erwarten. 

Jan Komasa:

„Die Zuschauer sollten miteinander ins Gespräch kommen. Sie müssen gemeinsam herausfinden, welche Regeln hier eigentlich gelten – falls es überhaupt welche gibt. Was ist der moralische Kompass dieses Films? Was sollte man dabei empfinden? Und vielleicht auch: Was müsste sich verändern?

Viele vergessen nach dem Film die Halsfessel. Für mich ist das fast ein Beleg für eine Art Stockholm-Syndrom und für unsere menschliche Fähigkeit, ein gewisses Maß an Schmerz zu tolerieren. Vielleicht ist das evolutionär bedingt; vielleicht haben wir im Laufe der Entwicklung eine gewisse Flexibilität im Umgang mit Leid ausbilden müssen. Menschen beginnen etwas zu ertragen, das eigentlich unerträglich ist. Das führt letztlich immer wieder zu derselben Frage: Sollten wir Monstern vergeben? Und wenn ja – was folgt daraus? Was geschieht danach?“

Was an Jan Komasas Arbeiten auffällt, ist dieser spezielle „space in between“, der Raum zwischen den erwartbaren Möglichkeiten, diese unscharfe Sphäre zwischen dem Ja und Nein, zwischen Gut und Böse…

Jan Komasa:

„Ich glaube, gerade diese Zwischenräume sind am interessantesten, weil dort noch nichts endgültig festgelegt ist. Es hängt von einem selbst ab.

Für mich liegt das Spannendste an Urteilen und Einschätzungen genau in den Momenten, in denen man es nicht ganz genau weiß. Wenn man sich zu 51 Prozent sicher ist, dann wird es für mich interessant. Sobald man sich davon wegbewegt, betritt man ein anderes Terrain. Bei GOOD BOY weiß man nie ganz genau, woran man ist. Und ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, wem in diesem Film eigentlich meine Sympathie gelten sollte. Gerade dieses Gefühl der Unsicherheit mag ich.“

Der Film beginnt im ungezügelten Londoner Nachtleben. Komasa gestaltet das mit Tempo und ohne abgegriffene Klischees, um sich zunehmend auf die moralische Ambivalenz seines „Helden“ Tommy zu fokussieren. Anson Boon, mit dem perfekten Gesicht und der richtigen Physiognomie, spielt diesen maßlos exzessiven und eigensüchtigen Tommy, der keinerlei Konsequenzen für sein Tun bedenkt und erwartet. Im Gegenteil – auf TikTok teilt er seine Gewalt- und Drogen-Trips, seinen Rassismus und Misogynie. Bis er irgendwann auf der Straße liegenbleibt und mit eben jener Kette um den Hals in einem Keller aufwacht.

Jan Komasa:

„Als Regisseur habe ich ja bereits mit sehr unterschiedlichen Stilen und Formen experimentiert. Ich habe thrillerhafte Stoffe gemacht, Dramen, ein großes Biopic, außerdem viele Musikvideos und Werbespots. Mich hat es immer gereizt, verschiedene Genres auszuprobieren und dabei etwas Neues zu lernen – auch, um mich selbst aus der Komfortzone zu bewegen. Denn irgendwann könnte man Filme auch einfach routiniert herstellen, und genau das wollte ich als Regisseur immer vermeiden, sondern etwas machen, das mich selbst überrascht. Als mir das Drehbuch zu GOOD BOY geschickt wurde, war es so weit entfernt von allem, was ich zuvor gemacht hatte. Im Drehbuch war vieles noch nicht so klar angelegt: Die Motivationen und die Psychologie von Chris, Catherine und selbst Tommy blieben vergleichsweise flach. Ich habe dann versucht, die Figuren so weit zu vertiefen, dass ich beim Urteilen über sie in einen inneren Konflikt gerate.“

So extrem die Handlung ist, versinkt Komasas Film trotzdem nie in Surrealismus und Horror-Klischees. Zusammen mit seinem Kameramann und einem exzellenten Set Design hat er einen sehr atmosphärischen, aber auch erschreckend glaubhaften Albtraum inszeniert, der sich hinter grünen Feldern und einem schweren Eisentor abspielt.

Chris – vom vorzüglichen Stephen Graham (ADOLESCENCE, 2025) gespielt – ist ein sich nett gebender Kleinbürger. Er hat Tommy, quasi zur „Kur“ aus seinem ambivalenten Milieu „befreit“, um ihn von diesen moralischen Schadstoffen zu entgiften. Dabei setzt er zunächst auf klassische Methoden: Beschallung mit Naturgeräuschen, gute Musik, Literatur und Filme. Zudem zwingt er Tommy, immer wieder seine eigenen TikTok-Videos ansehen zu müssen.

Jan Komasa:

„Da die Figuren im Film ja auch klassische Filme sehen, gibt es zum Beispiel die Szene, in der sie gemeinsam KES von Ken Loach anschauen. Ursprünglich hatten wir es allerdings mit DER KÖNIG DER LÖWEN versucht. Wir haben das Drehbuch sogar an Disney geschickt – aber dort war man nicht besonders angetan und kam zu dem Schluss, dass GOOD BOY nun wirklich kein Disney-Film sei und man mit diesem Projekt nichts zu tun haben wolle. Da wurde uns klar, dass wir anders denken mussten, stärker vom europäischen Kino her. Schließlich stießen wir auf eine Liste des British Film Institute mit Filmen, die man gesehen haben sollte, bevor man fünfzehn wird. Auf Platz eins stand KES. Und da wussten wir: Genau das ist der richtige Weg!“

Die Maßnahmen scheinen anzuschlagen und Tommy offenbart eine widerborstige Anpassungsfähigkeit. Anson Boon (MOBLAND, 2025) lässt den scheinbar so simplen jungen Mann immer komplexer agieren.

Jan Komasa:

„Für die Besetzung habe ich mit Nina Gold gearbeitet, einer großartigen Casting-Direktorin. Eine ihrer besonderen Stärken ist, dass sie genau weiß, was in der Branche gerade passiert. Man sucht nach Schauspielern, idealerweise auch nach Namen, die dem Film später helfen können – aber man hat oft nicht das Budget, um bereits vollständig etablierte Stars zu besetzen. Nina hat ein sehr feines Gespür dafür, wer sich gerade entwickelt und wer in naher Zukunft eine große Rolle spielen könnte. Natürlich ist man als Regisseur bei ersten Vorschlägen zunächst immer ein wenig skeptisch. Gerade bei Tommy dachte ich sofort, wir werden uns bestimmt durch tausend Casting-Tapes arbeiten müssen. Aber Nina ist so erfahren, dass sie einfach sagte: »Nein, nein – das ist Tommy!«. Und sie hatte vollkommen recht. Das war der perfekte Tommy, ohne jeden Zweifel...“

Und dann sind da mit Jerzy Skolimowski und Jeremy Thomas zwei bedeutende Namen des europäischen Kinos als Produzenten an Bord.

Jan Komasa:

„Zunächst einmal war ich anfangs fest davon überzeugt, dass dies ein Film von Jerzy Skolimowski werden würde. Und selbst während der Arbeit daran konnte ich das Gefühl lange nicht abschütteln.

Zum anderen lag dieser Stoff so weit außerhalb meiner Komfortzone – auch in moralischer Hinsicht –, dass ich mich während des Prozesses immer wieder unsicher fühlte. Dann habe ich mir allerdings gesagt: Jerzy Skolimowski und Jeremy Thomas sind an diesem Film beteiligt. Sie würden mich nicht ins offene Messer laufen lassen, denn sie tragen dafür ebenso Verantwortung. Dank Jerzy und Jeremy fühlte ich mich künstlerisch sehr viel sicherer. Und gerade dadurch konnte ich mich an Orte vorwagen, von denen ich sonst wahrscheinlich nie gedacht hätte, dass ich dorthin gehen würde.“

Der Film verweigert dem Publikum ganz bewusst eine bequeme Position oder einfache Antwort. Bei einem solchen Stoff gibt es vermutlich Zuschauer, die gerade diese Provokation und moralische Ambivalenz schätzen – und andere, die sich davon irritiert fühlen. War es Ihnen wichtig, einen Film zu machen, an dem sich das Publikum und vielleicht auch die Kritik reiben?

Jan Komasa:

„Ja, unbedingt. Genau das war für mich einer der aufregendsten Aspekte. Ich lese viele Drehbücher, und bei GOOD BOY war es so, dass ich beim Lesen überhaupt nicht wusste, auf wessen Seite ich eigentlich stehen sollte, und zugleich konnte ich nicht aufhören zu lesen. Dieses Gefühl, sich auf eine wilde Fahrt mit der Geschichte einzulassen…

Dieser Film testet das Publikum, er prüft die eigenen Grenzen – und jeder reagiert je nach seinem moralischen Koordinatensystem anders auf ihn.“

GOOD BOY startet am 4. Juni in den Kinos.

© RPC Good Boy Limited / Skopia Film / X Verleih
© RPC Good Boy Limited / Skopia Film / X Verleih
© RPC Good Boy Limited / Skopia Film / X Verleih
Thomas Wood / © RPC Good Boy Limited / Skopia Film / X Verleih
© RPC Good Boy Limited / Skopia Film / X Verleih
© RPC Good Boy Limited / Skopia Film / X Verleih
© RPC Good Boy Limited / Skopia Film / X Verleih
Zurück zum Kopf der Seite