ETWAS GANZ BESONDERES
ab 9. Juli im Kino
Bereits im Februar lief diese thüringische Familiengeschichte auf der Berlinale. Und endlich kommt dieser „ganz besondere“ Film in die Kinos.
Philipp Teubner sprach mit der Regisseurin und ihren Darstellern.
Der Film ETWAS GANZ BESONDERES ist tatsächlich etwas Besonderes. Regisseurin und Autorin Eva Trobisch wagt sich jenseits dramaturgischer Standards in ein Terrain, in dem sie für den Zuschauer fast so etwas wie ein Puzzle offeriert, das ihn zum Mitdenken verleitet und das am Ende – wie schon gesagt – etwas ganz Besonderes bietet.
Irgendwo in Thüringen lebt die Teenagerin Lea (Frida Hornemann), die sich bei einer dieser omnipräsenten Castingshows („The Voice of Germany“) als Sängerin bewirbt und die sich für eine TV-Home-Story selbst vorstellen und beschreiben soll. Und das – Leas Leben in und mit einer interessant unübersichtlichen Familie – ist dann der Film.
Dafür hangelt sich die Regisseurin von durchaus nebensächlichen Details – wie dem Stechen von Ohrlöchern oder einem unerwarteten Pferdeunfall – durch das Gespinst eines Familiendaseins, das dem Zuschauer so nach und nach dieses besonders „Normale“ der drei Generationen mit zunehmender Spannung beobachten lässt. Die Großmutter betreibt eine Bergpension, die ihre Leistungsmöglichkeit überfordert, der Großvater leidet an einem Tumor und will einfach nur den Rest seiner Tage in Ruhe vor allem im Thüringer Wald erleben. Die Tante (Eva Löbau) leistet museale Aufbauarbeit und gestaltet eine abgewickelte Textilfabrik und das heruntergekommene Stadtschloss um, ohne die darin spürbaren Kontraste zu ignorieren. Ihr Sohn riskiert es, von den Faschos verprügelt zu werden, zumal die Großmutter ihren nahezu insolventen Gasthof den Rechten zur Verfügung stellt. Der geschiedene Vater Matze (Max Riemelt), an dem Lea besonders hängt, schläft wieder mit der Mutter, die inzwischen aber von einem anderen schwanger ist – und so weiter und so fort...
Das wird zum Teil in kurzen Sequenzen und in unerwarteter Reihenfolge beiläufig, wie das Leben halt so spielt, gezeigt, denn dies ist eben kein klassischer „Familienfilm“, sondern einiges mehr.
Eva Trobisch (Buch und Regie):
„Also der Film hat ja viele Geschichten...
Das ist so ein bisschen seine DNA, dass er ganz viele Geschichten hat und die gleichzeitig erzählt. Insofern waren auch viele Geschichten der Auslöser. Vielleicht kann man so zwei Dinge rauspicken:
Das eine war, als ich meinen ersten Film (ALLES IST GUT, 2018) präsentiert habe, gab es auch Home Stories und dann wurde ich vom Kamerateam gefragt »Ja, wo treffen wir uns denn und wo wollen wir das denn aufnehmen?« Da habe ich gemerkt, dass mich das total überfordert und ich darüber nachdachte: »Wo jetzt - so ein Kindergarten oder Kiezbäckerei oder bei mir zu Hause oder doch irgendwie in so einem fancy Café? «
Also es war irgendwie eine Kombination aus darüber nachdenken, Druck verspüren, da was Gutes abzuliefern und gleichzeitig irgendwie so ein Schamgefühl. Und das ist ja schon erstmal für mich als Filmemacherin viel Stoff.
Und der andere Punkt war, dass ich mich immer schon auch für popkulturelle Momente interessiert habe und mich auch Castingshows schlecht erwehren konnte. Aber immer nur die erste Phase, wo die Kandidaten ihren allerersten Auftritt haben und die Eltern im Backstage stehen. So dieser eine Moment von Unsichtbarkeit zu Sichtbarkeit.
Und dann habe ich darüber nachgedacht, warum mich das so rührt und was das eigentlich ist, dieses Gesehenwerden oder diese Anerkennung, diese Zeugenschaft von Leben und von Existenz. Ich fand den Gedanken interessant, das zu kombinieren mit einer ostdeutschen Familie, weil ich aus eigener Erfahrung sagen kann, dass das Thema gesehen werden oder eben nicht gesehen werden und Anerkennung von Lebensleistung und eigener Identität in ostdeutsch sozialisierten Familien ein stärkeres Thema ist.“
Frida Hornemann gibt mit der Rolle der Lea ihr Schauspieldebüt. Ihr Filmvater Max Riemelt ist allerdings schon ein international bekannter Darsteller (MATRIX RESURRECTIONS, 2021). Wie war das Casting?
Eva Trobisch (Buch und Regie):
„Also das Casting… Was mich an Frida so umgefegt hat, war, dass sie einfach reinkam und derartig unprätentiös und unaufgeregt dieses Casting veranstaltet hat und man das Gefühl hatte: Also es kann klappen, aber wenn es nicht klappt, ist es auch nicht schlimm!
Das fand ich total aufregend, jemanden, der scheinbar so gar kein Geltungsbedürfnis hat, für eine Figur zu besetzen, die an einer Castingshow teilnimmt. Das wurde mir wirklich geschenkt.
Und zu Matze war es auch eine lange, lange Reise, weil ich da eine Figur geschrieben habe, die aus viel Recherche entstanden ist. Und dann kam irgendwann Max und ist da so irre stoisch durchgestiefelt, mit so einer Würde. Er hat sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen lassen, war trotzdem aber unheimlich durchlässig und offen für die Verletzungen dieser Figur. Und, das muss man Max wirklich hoch anrechnen, er hat sich fürsorglich der kleinen Frida angenommen. Dann war das sehr schnell klar, dass die zusammengehören.“
Max Riemelt (Matze):
„Ich habe Eva beobachtet und sie beobachtet auch sehr genau. Und es ist schön, beobachtet zu werden von jemandem, der so intelligent ist.
Und ja, sie ist auch ein sehr herzlicher Mensch. Sie zeigt ihre Emotionen und dadurch bin ich natürlich auch viel offener. Also wenn ich vertrauen kann, dann entstehen Performances, wo man die Kamera vergisst, wo man nicht mehr darüber nachdenkt, wie man wirkt. Da entstehen echte Momente und ich glaube, das macht den Film so lebendig.“
Frida Hornemann (Lea):
„Also ich habe jetzt noch keinen Vergleich, aber ich finde Eva richtig toll. Mir wurde auch oft gesagt: genieß das - so viele Filmdrehs sind ganz anders… Ich glaube, wir hatten einfach viel Spielraum.“
Der Film heißt ETWAS GANZ BESONDERES. Was aber ist dieses „Besondere“?
Frida Hornemann (Lea):
„Ich glaube, es geht auch darum, zu zeigen, dass es dieses ganz Besondere so vielleicht gar nicht gibt. Es polarisiert natürlich immer, aber alle wollen eben etwas ganz Besonderes sein.“
Max Riemelt (Matze):
„Das ist vielleicht auch ironisch gemeint.
Oder auch, wie Lea das dann im Film sagt, dass sie damit gar nicht umgehen kann, diese Erwartungen der Gesellschaft oder der Familienmitglieder. Das ist vielleicht viel zu groß. Um tatsächlich wieder einander zuzuhören, sollte man erstmal gar nicht solche Ansprüche stellen.“
Der englische Titel des Films ist „Home Stories“. Und er deutet ja an, dass es vielleicht auch um Heimat geht.
Max Riemelt (Matze):
„Das ist auf jeden Fall ein spannender Begriff, weil er ja heutzutage in Deutschland viel auslöst, sehr emotional ist, auch polarisierend. In welchem Kontext man Heimat sagt und so...
Und ich finde, es ist eigentlich ein schönes Wort, was vielleicht inflationär im falschen Kontext genutzt wurde. Vielleicht kann es somit auch neu definiert werden.“
Frida Hornemann (Lea):
„Vielleicht geht es auch ein bisschen darum, dass man sich Heimat nicht aussuchen kann. Und nicht nur die Heimat – auch die Familie. Du suchst dir deine Familie ja auch nicht aus.“
Max Riemelt (Matze):
„Der Film erzählt natürlich auch über den Osten, über die Bedingungen dort, die Mentalität. Und genau – was ist Heimat, ist immer die Frage. Matze zum Beispiel versucht alles zusammenzuhalten, versucht auch eine Heimat zu sein für seine Tochter beziehungsweise für die Menschen um ihn herum. Und ich glaube, damit können sich viele identifizieren. Also dass wir uns eigentlich über unsere Werte definieren, wer sie mit uns teilt und wie wir widergespiegelt werden.“
Eva Trobisch (Buch und Regie):
„Ich weiß, dass ich mich total schwer tue mit diesen Identitätsbegriffen.
Ich würde mich eigentlich nicht wirklich als Ostdeutsche bezeichnen. Ich bin davon sehr geprägt, aber mein Leben ist eher westdeutsch. Ich habe eine ostdeutsche Familie und ihr fühle ich mich unheimlich verbunden. Aber es wäre auch vermessen zu sagen, ich bin Ostdeutsche, denn als ich fünf war, gab es die DDR nicht mehr. Ich würde aber auch nie auf die Idee kommen, mich als Deutsche zu identifizieren, denn ich habe mit patriotischen Identitätsbegriffen aus Gründen, auch aus historischen Gründen, maximale Probleme…
Ein Freund hat mal gesagt, das ist eine Coming-of-Age-Geschichte, aber in drei Generationen. Also warum kann diese Identitätssuche nicht ein Leben lang anhalten? Und das gefällt mir als Gedanke.“
Kurz und sehr gut – der Film schafft es, mit kleinsten, berührenden Episoden seine Zuschauer beständig zu überraschen, zu vergnügen, sie an- bzw. aufzuregen und auch die Widersprüchlichkeiten der diversen Familienmitglieder zu akzeptieren. Auch wenn sie den eigenen Vorstellungen möglicherweise so gar nicht entsprechen.
ETWAS GANZ BESONDERES startet am 9. Juli in den Kinos.













