STAATSSCHUTZ
ab 27. August im Kino
Spätestens als dieser Film auf der Berlinale den Panorama-Publikumspreis gewann, stand fest, dass er einer der spannendsten deutschen Kinofilme 2026 ist. Regisseur Faraz Shariat sprach mit Philipp Teubner über diesen intensiven Justiz-Thriller.
Die junge Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) hat eine große Affinität zu ihrem Beruf. Sie will eine objektive und effiziente Mitarbeiterin des Justizsystems sein und lehnt jede Emotionalisierung ab. Trotz ihrer neutralen Haltung gerät sie als Tochter koreanischer Eltern irgendwann in den Fokus einer rechten, rassistischen Gruppierung. Als sie nachts mit dem Fahrrad von der Staatsanwaltschaft nach Hause fährt, wird sie überfallen und lebensgefährlich verletzt.
Der Film spielt in einer fiktiven ostdeutschen Stadt. Das wirkt fast wie ein Modellraum: Provinz, Behörde, Gericht, rechte Netzwerke, gesellschaftliche Enge. War diese Fiktion eine Möglichkeit, über reale Strukturen zu sprechen, ohne einen speziellen Fall und Ort zu bebildern?
Faraz Shariat:
„Die Frage der Verortung hat uns auf jeden Fall lange beschäftigt in der Entwicklung des Films. Und wir haben uns am Ende für einen eklektischen Zugriff entschieden. Die Spezifik Ostdeutschlands interessierte uns. Also gerade dieses Kippen: die ersten Bundesländer, deren Regierungen vielleicht durch Rechtsextreme gestellt werden. Was das mit einem Klima macht, auch in der Justizbehörde. Und gleichzeitig wollten wir eben auch auf diese Dynamik hinweisen, dass Rechtsextremismus oft in Deutschland zu einem ostdeutschen Problem verklärt wird. Das ist es schon lange nicht mehr.
Und es war auch nie so, dass Rechtsextremismus ein regionales Problem ist, sondern es ist sehr eng mit der Geschichte Deutschlands verwoben, mit der Gründung der BRD. Und also gerade im Kontext, wie unser Justizsystem heute aufgestellt ist und was für Gesetze geschaffen worden sind, kann man das eigentlich nicht ohne die Nazi-Vergangenheit denken.
Die Stadt haben wir Neuwerda genannt – hört sich ostdeutsch an, ist aber kein spezifischer Ort – eher ein Modellraum, um diese Fragen zu stellen, wie man Rechtsextremismus begegnen kann in diesen No-Go-Areas, wo AfD oder Rechtsextreme schon eine krasse Popularität haben.“
Obwohl Seyo das Opfer des Anschlags ist, will sie unbedingt in ihrem eigenen Fall ermitteln, setzt sich über die Vorgaben ihrer Behörde hinweg und bekommt neben den sich häufenden Bedrohungen lokaler Nazis auch Probleme mit ihren eigenen Vorgesetzten und der Polizei.
Neben Chen Emilie Yan, die hier ihr Kinodebüt gibt, hat der Film mit Julia Jentsch als Anwältin Seyos und Sebastian Urzendowsky als Oberstaatsanwalt auch bekannte Gesichter. Wie habt ihr das Ensemble zusammengestellt?
Faraz Shariat:
„Unsere Casterin Andrea Rodríguez hatte eigentlich sofort diesen Impuls damit zu spielen, dass das Gesichter sind, die wir noch nicht so oft gesehen haben. Uns war es wichtig, eine koreanisch-deutsche Perspektive zu erzählen. Unsere zwei Co-Autorinnen sind auch koreanisch-deutsch und hatten einfach das Gefühl, dass es sehr wenig Repräsentation gibt. Aber wenn man jetzt zum Beispiel auf die deutsche Kinogeschichte guckt, dann ist es schon oft so, dass der Widerstand sich in weißen Perspektiven verortet.
Unsere Protagonistin Seyo ist ja in doppelter Funktion am Agieren. Einmal als Opfer eines rechtsextremen Anschlags, aber eben auch als Staatsanwältin.
Mich hat total gereizt, dass Seyo nicht, wie wir das vielleicht sonst kennen, eine Figur ist, die immer das Richtige macht. Ich fand es spannend, weil sie eben auch den Staat repräsentiert – da ist Seyo ja eher eine Anomalie.
Und dadurch, dass sie selber auch Betroffene ist, nutzt sie natürlich Mittel, die sie eigentlich nicht nutzen darf oder die andere Opfer nicht nutzen können. Aber manchmal muss man halt auch Regeln brechen, nämlich dann, wenn der Staat nicht das tut, was er tun soll, nämlich Opfer schützen und Täter verurteilen.“
Im Laufe des Films wird es ja fast zu einer düsteren Rache-Story mit entsprechenden Genre-Elementen. Seyo besorgt sich eine Waffe, fährt im amerikanischen Muscle-Car durch die Provinz, bricht die Gesetze, die sie zu verteidigen ja eigentlich angetreten ist. Man könnte sagen, ein ostdeutscher Mad Max im Justizmilieu.
Faraz Shariat:
„Als Filmemacher interessiert mich total diese Frage: Wie kann man politisches Kino denken, das aber auch zugänglich ist, das Spaß machen darf, das unterhält, das aufregend ist?
Wir wussten von Anfang an, dass es ein Thriller ist. Uns interessiert mehr eine Spannung, die aus einer Atmosphäre kommt. Wie kann man unsichtbare Gewalt filmisch greifen, wie fühlt sich dieses Unbehagen an, das viele Menschen fühlen, wenn die Gefahr von rechts größer wird. Das war immer im Zentrum und weniger die Kriminalgeschichte – wer war's, wie ermittelt sie und wie findet sie den Täter. Der Täter ist eigentlich schon nach 30 Minuten entlarvt. Und da hat sich das Genre einfach total geeignet. Und ich glaube auch, dass diese Elemente – Waffen, Autos, auch eine bestimmte Coolness vielleicht im Umgang mit Gefahr und Gewalt – Dinge sind, die dem Film eine Form von poetischer Gerechtigkeit geben.
Unsere Protagonistin Seyo ist keine Figur, die die Waffe hat, um Leute abzuballern, aber um klarzumachen: Ich bin hier, ich bin bereit, euch ins Gesicht zu gucken und ich werde mich nicht vertreiben lassen. Ich habe die Mittel, um mich zu verteidigen.“
Der Film hat eine eher unterkühlte Bildsprache. Es gibt eigentlich keine gemütlichen Rückzugsorte. Sogar Seyos Wohnung ist nicht privat und warm. Die Stadt ist nicht offen, sondern abweisend, der Behördenbau fast brutalistisch und das Gericht ist ein Ort, an dem sie permanent beobachtet, bewertet und eingeordnet wird.
Im Gegensatz zu anderen Justizfilmen vermeidet ihr aber visuelle Monotonie. Was war euer Konzept?
Faraz Shariat:
„Ich hatte mich oft gefragt: Wie kann man in der Wahl der Motive, in der Wahl der Ausstattung und den Bildern diese unsichtbare Gewalt irgendwie sichtbar machen? Ich mag es grundsätzlich gerne, wenn es eine Form von Entwicklung gibt in der Tonalität eines Films.
Also wie fühlt sich so eine Staatsanwaltschaft an? Da geht es ja, das wird im Film auch viel gesagt, um Neutralität, um Objektivität, das Verbannen von Emotionalität, von Individualität. Was aber langsam aufbricht, je mehr Seyo selbst aus dieser Opferrolle auch in Aktion tritt und Emotionen zulässt. Und so rückt die Kamera näher, es wird ein bisschen dynamischer, es gibt ein bisschen mehr Raum, auch für Sinnlichkeit. Und doch ist es aber so, dass das Justiz- und Behördentum in Deutschland sehr wenig mit Sinnlichkeit zu tun hat.“
Euer Ton ist auffällig stark. Die Musik, oft mit Cello, wirkt ja nicht nur illustrierend, sondern verbindet sich stark mit den Originalgeräuschen. Wie habt ihr das Tonkonzept erarbeitet, um Spannung und Unbehagen zu erzeugen, ohne in die Klischeefalle zu tappen?
Faraz Shariat:
„Grundsätzlich ist das jetzt kein Thriller, der mit vielen Verfolgungsjagden und Schussszenen agiert, sondern im Gegenteil: es herrscht sehr viel Ruhe. In der Ruhe steckt irgendwie eine Gewalt, im Nichtsagen, im Nichtaussprechen oder aber auch in der Abwesenheit von Menschen. Ich glaube, das ist etwas, das auch im Sound eine intensive Dynamik entwickeln kann.
Gleichzeitig hat es mich interessiert, wie es ist, wenn ein Opfer nicht weiß, ob da noch mehr Täter draußen sind, die einen potenziell angreifen. Und da ging es mir auch im Ton ganz viel um Kontraste. Auch harte Schnitte zwischen ganz ruhigen und ganz lauten Szenen, sodass man eigentlich immer wieder dieses Gefühl hat: du kannst dem nicht trauen. Da es ein Slowburn-Thriller ist, der eigentlich wie eine Lawine immer intensiver wird, hat der Ton eine essenzielle Rolle gespielt.“
STAATSSCHUTZ erinnert auch an Lars Kraumes DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER (2015). Fritz Bauer war in den 1950ern Frankfurter Generalstaatsanwalt, dem die übernommenen Altnazis in der Justiz den Job und das Leben so schwer wie möglich machten.
Und auch in STAATSSCHUTZ lieferten reale Geschehnisse – das polizeilich-juristische NSU-Versagen, Verharmlosung der Vorkommnisse von Hanau, Halle etc. – den zumindest gedanklich-emotionalen Hintergrund.
Der Satz „Unser Rechtssystem ist das objektivste der Welt“ fällt im Film ja mehrfach. Ist das eher ein Selbstverständnis dieser Institution oder eine Beruhigungsformel, die verhindert, dass man die blinden Flecken vielleicht nicht sieht?
Faraz Shariat:
„Also, es ist schon so, dass in den Juristenschulen das deutsche Justizsystem als eines der objektivsten der Welt gilt. Diese Idee von Staatsanwaltschaft als objektive Behörde, die in einem Prozess moderiert, ist ja erstmal nicht schlecht. Am Ende des Tages kann so eine Behörde nur so objektiv sein wie die Menschen, die dort arbeiten. Und deswegen braucht das eine Vielstimmigkeit und eine Form von Dialog und Bereitschaft, eigene Perspektiven zu hinterfragen.
Es umweht die deutsche Justiz also ein Mythos, dass sie extrem objektiv und neutral ist. Wir fragen uns aber, warum sollte dieser Rechtsruck vor der Justiz Halt machen? Man redet medial über Polizeigewalt, aber was in den Justizbehörden passiert, ist eigentlich nicht im Fokus. Und was wir gerade in politischen Debatten erleben, wie sehr Migrationspolitik zu einer Kampfmaschine wird, um zu hetzen und zu spalten, hat ja auch damit zu tun, was für Urteile in Gerichtssälen gesprochen werden.“
Ein besonders perfider Aspekt des Films ist, dass gerade antidemokratische Akteure sehr genau wissen, wie sie die demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln für sich nutzen können. Also Verfahrensrechte, Aktenlogik, Formalien. Und dass also die Rechtsextremen und ihre Anwälte am Ende den Rechtsstaat nicht einfach nur ablehnen, sondern ihn strategisch nutzen.
Faraz Shariat:
„Ja, genau. Warum ist es so, dass wir dabei zuschauen, wie unsere Institutionen auch von innen heraus verändert und zerstört werden? Wieso werden die Mittel – also die Wehrhaftigkeit, die wir per Gesetz eigentlich haben – nicht genutzt?
Das ist oft das Problem, dass Rechtsextreme die Räume, die sie einnehmen, sehr genau kennen und Schlupflöcher finden und das, was als neutral oder objektiv gesehen wird, sich immer weiter nach rechts verschiebt.
Die Wut, die wir darüber gespürt haben, hat uns sehr stark angetrieben, diesen Film zu machen.“
STAATSSCHUTZ startet am 27. August in den Kinos.
Philipp Teubner








