Zum Hauptinhalt springen

VATERLAND

neu im Kino

Philipp Teubner

Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt Regisseur Paweł Pawlikowski für seinen Film über Thomas Mann den Preis für die beste Regie. In den Hauptrollen dieses vorzüglich inszenierten und fotografierten Films brillieren Hanns Zischler, Sandra Hüller und Devid Striesow.

Es geht um die erste Deutschlandreise Thomas Manns nach 16 Jahren Emigration, als er 1949 sowohl in Frankfurt am Main wie auch in Weimar mit dem Goethepreis geehrt wurde. In einer für den Film fiktionalisierten Geschichte reist Mann in Begleitung seiner Tochter Erika vom amerikanisch besetzten Teil Deutschlands ins sowjetische Besatzungsgebiet. In kurzen 82 Minuten schafft es der Film, ein Gefühl für dieses zerstörte Nachkriegsdeutschland zu vermitteln. Das passiert durch eine herausragende Kameraarbeit in Schwarz-Weiß wie auch durch spannende Begegnungen der Manns in West und Ost. Der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski – Oscar für IDA, 2015 – hat für seinen Film eine wunderbare Besetzung zusammengestellt: Hanns Zischler (MÜNCHEN, 2005) als Thomas Mann, Sandra Hüller (THE ZONE OF INTEREST, 2023) als Erika, August Diehl (INGLOURIOUS BASTERDS, 2009) als Klaus Mann und Devid Striesow (DIE FÄLSCHER, 2007) als Johannes R. Becher.

VATERLAND – dies ist ein Filmtitel, der einen gewissen „Hautgout“ hat. 

Ein prekäres Wort, das schon viel hat erleiden müssen und bis heute viel Unerfreuliches assoziiert. Man sollte es da lieber mit Goethe halten, der in den XENIEN schrieb: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus“. Und natürlich mit Thomas Mann – in den 1940er-Jahren in einer seiner BBC-Sendungen DEUTSCHE HÖRER!: „Diese Volksgemeinschaft war die Diktatur des Gesindels, ein scheußlicher Parteiterror, der eine moralische Verwüstung, einen Menschenverderb, eine Gewissensschändung, eine Zerstörung der natürlich ehrwürdigsten Bande mit sich brachte, wie nie ein Volk sie erlebt hat... Kann ein Volk tiefer sinken?“

Dies macht, da das Land schon wieder von nationalistischer Rhetorik bedroht wird, den Film umso wichtiger, weil es abermals an der Zeit ist, genau DAS zu sehen!

Also – Thomas Mann in Frankfurt. Er war, wie u.a. Marlene Dietrich, für viele der nur halbherzig entnazifierten Deutschen so etwas wie ein „Verräter“. Ziemlich am Anfang bietet der Film gleich eine starke Szene, in der die Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang beim Goethe-Empfang Thomas Mann um Beistand für Bayreuth angehen und von ihm genial-resolut abgefertigt werden. Und dass der Literaturnobelpreisträger – Goethes wegen – dann weiter ins sowjetisch besetzte Weimar fahren will, ist beinahe skandalös.

Zumal die Sache ohnehin unter einem sehr schlechten Stern steht – soeben hat sich Klaus Mann, der mit dem Vater in schwierigem Verhältnis stehende Sohn und geliebte Bruder Erikas, in Frankreich das Leben genommen. Mit einem imposanten schwarzen Buick treten die beiden dennoch die Weimarreise an. Das Roadmovie kann beginnen. Erika – sie war einst auch Rennfahrerin – steuert das Auto selbst. Durch den Osten werden sie von keinem Geringeren als dem Dichter und Präsidenten des Kulturbundes Joannes R. Becher begleitet.

Ihr Becher zeigt neben diesem sachlichen „Begleitermodus“ eine bemerkenswerte Mixtur zwischen Anspannung und Gelassenheit. Wie haben Sie ihn angelegt?

Devid Striesow:

„Mir war wichtig, dass die Rolle jemand ist, der in einer neuen Zeit etwas will, der etwas auf die Beine stellen will und da eine wirkliche Ambition hat. Und nicht jemand, der schon von vornherein ein Apparatschik der herrschenden Klasse ist. Ich glaube, der hatte eine Menge Möglichkeiten, Entscheidungen zu treffen und hat das also genutzt. Er war aber auch von der Idee durchdrungen, dass das im Osten wirklich die bessere Variante ist – im Gegensatz zu Westdeutschland. So etwas Energievolles, Aufstrebendes, Mitreißendes, fand ich wichtig im Rahmen der Möglichkeiten des Films.“

Johannes R. Becher hat schon während des Moskauer Exils wichtige Vorbereitungen für eine neue deutsche Kultur geleistet und dann, nach seiner Rückkehr den Kulturbund, den Aufbau-Verlag, die Zeitschriften „Sonntag“ und „Sinn und Form“ etc. gegründet. 1949 schrieb er den Text der DDR-Nationalhymne und 1954 wurde er Kulturminister. Das war schon ein interessanter Mann...

Devid Striesow:

„Ja klar, man kann es ja auch nachvollziehen, dass er sich an eine Vorbildfigur wie Thomas Mann hängt und sie für sich gewinnen will, zumal sie sich ja mehr oder weniger auch kannten. Um sie zu gewinnen, um sie auch als Vorbild für die junge, neue, aufstrebende, nachfolgende Generation zu haben.“

Bechers Leben war überaus facettenreich – zunächst der überaus strenge Vater, dann dieser merkwürdige Doppelselbstmord mit der Freundin à la Kleist, der dann nur zur Hälfte vollbracht wurde. Drogen spielen offensichtlich auch eine Rolle. Vor allem war er ein kraftvoller expressionistischer Lyriker – das Lyrische und sein Sprachtalent sind immer auch in seiner Prosa und den Theaterstücken zu spüren. In seinem ungewöhnlichen, wegen „Hochverrats“ 1926 verbotenen Roman „LEVISITE oder Der einzig gerechte Krieg“ beschreibt er vorausahnend, was wir inzwischen wissen: 

„Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten, Barbareien ohnegleichen, und bei all dem wird man verlogen, wie man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken...“

Devid Striesow:

„Ich habe mir all das tatsächlich erstmal erschlossen. Mir war das nicht klar und war ganz überrascht, was Becher für eine Biografie hatte, bevor er dann Würdenträger wurde. Aber auch da wieder dem System aufmüpfig war. Also diese ständige Unruhe und diese Zerrissenheit in dem Charakter. Ja, das ist ein Sujet wirklich für einen eigenständigen Film. Spannendes Leben im Background zweier Kriege. Diese Generation hat ja eine Menge mitgemacht. Ich glaube, dass es diese Bohemien-Freundschaften gab zwischen Erika Mann, Gründgens – Becher war auch dabei. Ich glaube, dass die in den 20er-Jahren dieses Austesten von Grenzen im weitesten Sinne schon mal gemeinsam miteinander veranstaltet haben. Ich habe das aber im Film jetzt gar nicht so sehr in den Mittelpunkt gestellt, sondern wir haben sogar so ein bisschen diese Entfremdung gesucht, dass man jemandem begegnet, wo viel Zeit vergangen ist... Dass man sich eben nicht um den Hals fällt oder dann nicht so eine Direktheit und so eine Innigkeit hat, sondern eher eine Distanz. Das, fand ich, hat dem Film mehr Spannung gegeben.“

Erika Mann – wie sehen Sie die?

Devid Striesow:

„Ja, also wie sie von Sandra Hüller gespielt wird, ist großartig, wie sie mit dem Vater umgeht. Ich habe jetzt so ein bisschen Parallelitäten zu der Verbindung von Freud und seiner Tochter Anna. Ich bereite da gerade eine Lesung vor, die genau das zum Thema hat. Und jetzt im Rückblick sehe ich diese beiden, wie die miteinander sind, Tochter und Vater. Von Sandra toll gespielt – vielschichtig und hochemotional. Erika Mann ist mir immer ein Begriff gewesen, natürlich als Schwester von Klaus, aber eben auch in ihrer Beziehung zu Gustav Gründgens. Und weil ich mich ja wirklich lange Zeit mit Gründgens ein bisschen tiefer beschäftigt habe, war das für mich der Kontext. Eigentlich weniger die Tochter von dem großen Thomas Mann, sondern eher immer in diesem Kreis von Gründgens, Klaus – Erika vor dem Krieg… Und das ist spannend!“

Und die Arbeit mit Hanns Zischler, der ja einen vorzüglichen Thomas Mann abliefert?

Devid Striesow:

„Es war großartig. Wir haben uns gesehen und geliebt. Wir hatten denselben Humor. Wir haben in Drehpausen nebeneinandergesessen, haben über dieselben Dinge gelacht. Sandra kenne ich schon etwas länger, eigentlich schon seit der Studienzeit. Wir haben einen guten Humor zusammen. Es war sehr, sehr schön. Wir haben manchmal im Auto gesessen. Ein sehr tolles Auto. Wirklich ein originaler 49er-Buick, in dem wir saßen. Hanns und ich, hinten auf dieser großen, durchgehenden Sitzbank, Sandra vorne an diesem riesigen Lenkrad. Wir hatten Zeit und haben uns gut unterhalten.“

Und wie war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Paweł Pawlikowski?

Devid Striesow:

„Sehr angenehm, sehr genau, trotzdem humorvoll. Wir haben viel Zeit damit verbracht, den Film am Set zu entwickeln, die Gegebenheiten zu nehmen und daraus eben zu schöpfen. Also wir haben teilweise eine Szene zwei Tage lang gedreht. Und das ist ein großes Geschenk, wenn man sich diese Zeit nimmt, unter verschiedenen Gegebenheiten, unter verschiedenen Lichtverhältnissen eine Szene nochmal zu drehen oder an einem anderen Ort. Das ist einfach genial und großartig und macht allen, die daran beteiligt sind, großen Spaß – dem Kameramann besonders.“

Stichwort Lichtverhältnisse. Der Film wurde ja in Schwarz-Weiß gedreht...

Devid Striesow:

„Ja, herrlich!“

Merkt man das schon beim Drehen? Und wie hat es Ihnen dann beim Ansehen des fertigen Films gefallen?

Devid Striesow:

„Beim Drehen schaue ich mir generell möglichst wenig an. Da gibt es Kollegen, die laufen wegen jeder Einstellung hin und überprüfen das. Das mache ich nicht, mache es einfach komplett gar nicht. Und darum wusste ich auch lange nicht, wie wird das mal wirklich aussehen, wenn der Film fertig ist. Und nachdem ich die Premiere in Cannes sah, war ich natürlich überrascht und konnte mir den jetzt komplett anders gar nicht vorstellen. Also das gehört so dazu, zu dieser Erzählweise. Diese Schattierungen auf dieser Palette, das ist großartig.“

Es gibt ja von Thomas Manns Büchern mindestens 23 genuine Verfilmungen. Das kann kaum ein anderer Schriftsteller von sich behaupten. Und was für großartige Regisseure – Luchino Visconti, Egon Günther, Hans W. Geißendörfer... Sogar der humorvolle Kurt Hoffmann hat da mit seinem FELIX KRULL 1957 einen fantastischen Beitrag geleistet.

Was, meinen Sie, hat Thomas Mann Filmemachern und besonders Schauspielern zu bieten?

Devid Striesow:

„Naja, das sind immer sehr komplexe Stoffe, komplexe Rollen. Es sind Generationskonflikte zum Teil, die danach schreien, dass man sie verfilmt. Ich glaube, so opulent wie die Werke sind auch die Sätze, die darin vorkommen. Es ist ja nicht jedes Drehbuch jetzt eine komplette Wiederholung der Literatur, sondern es hat ja ein Eigenleben. Und ich glaube auch, dass jeder dieser Regisseure darauf bedacht war, mit dem Film auch eine eigene Welt zu erschaffen – mit Manns Vorlage natürlich. Das hat dann eben auch seinen Reiz und seine Bildgestalt. Aber die Sprache von ihm ist schon so speziell, dass man immer auch gut daran tut, die literarische Vorlage auf jeden Fall zu lesen. Denn jeder Text hat eben auch seine spezifischen Eigenheiten, die man nicht so ohne Weiteres nur filmisch adaptieren kann.“

Dies ist ja kein Dokumentarfilm, sondern ganz explizit ein Spielfilm, der, wie der Regisseur sagte, auch ein „Was-wäre-wenn“ beinhaltet.

Devid Striesow:

„So kann jeder sich seine Gedanken machen. Ich kann es ja nur aus der Rolle heraus sagen – mir hätte es sehr gut gefallen, wenn ich den Thomas Mann auf meine Seite gezogen hätte und er dieses Amt (DDR-Akademiepräsident) übernommen hätte. Ja, ich weiß es nicht…“

VATERLAND ist mit seiner kurzen Laufzeit ein spannender und berührender Film und startet am 3. September in den Kinos.

GRZYBOWSKA AGATA / © Agata Grzybowska
© Agata Grzybowska
GRZYBOWSKA AGATA / © Agata Grzybowska
AGATA GRZYBOWSKA / © Agata Grzybowska
Zurück zum Kopf der Seite