CHOPIN - EINE SONATE IN PARIS
neu im Kino
Dies ist eine der aufwendigsten Produktionen der polnischen Filmgeschichte. Regisseur Michał Kwieciński zeigt den Komponisten Chopin als genialen Pianisten zwischen tödlicher Krankheit und einem Leben als Popstar seiner Zeit.
Filme über Komponisten sind schon lange ein beliebtes Kino-Genre. Spätestens seit Miloš Formans AMADEUS (1984) hat sich auch die bemerkenswerte filmische Potenz dieser Musiker-Biopics offenbart. Erst unlängst gab es mit VIVALDI UND ICH oder BOLERO durchaus ambitionierte Filme dieser Gattung.
Was aber mag nun das Interesse der Filmemacher für eben dieses Genre so stimuliert haben? Vielleicht, weil die so Porträtierten neben ihrer Genialität oft eine interessante bzw. ungewöhnliche Biografie anbieten und zudem in vielen Fällen den perfekten Soundtrack gleich mitliefern.
Die 1830er Jahre in Paris – es sind die letzten Jahre eines hochbegabten Mannes, der weiß, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt.
Der junge, im Übrigen sehr umtriebige Mann heißt Frédéric Chopin, lebt in Paris und zieht mit seinem Freund Franz Liszt durchs Nachtleben der bessergestellten Citoyens und des Adels einer vitalen Weltstadt. Er spuckt Blut ins Taschentuch und feiert.
Er hat vermutlich Tuberkulose. Einen Impfstoff gab es erst ca. 100 Jahre später (1921) und so war dies für Chopin und viele Zeitgenossen eine definitiv tödliche Geißel, die auch heute noch, vor allem im globalen Süden, ihre Opfer findet.
Chopin arbeitet geradezu besessen, um von den ihn bedrängenden musikalischen Intuitionen möglichst viele, möglichst vollendet zu realisieren. Der gefeierte Pianist Chopin gibt außerdem unentwegt Konzerte – aber zumeist nur für eine ausgesuchte Salon-Elite in kleinem Rahmen...
Der polnische Regisseur Michał Kwieciński ist ein gestandener, vielfach preisgekrönter Filmemacher und war zudem auch Produzent für Andrzej Wajda.
Was war Ihr Impetus für diesen Film, der ja ganz bewusst kein übliches Biopic sein will? Was hat Sie an Chopin interessiert?
Michał Kwieciński:
„Ich wollte diesen Film machen, weil er gewissermaßen mein Protestsong gegen das Klischee ist, gegen das stereotype Bild von Chopin in Polen. Nachdem ich mich mit seiner Biografie beschäftigt hatte und fast alle Bücher über ihn, Briefe über ihn, Äußerungen seiner Freunde und praktisch alle Dokumente, die sich mit Chopin befassen, gelesen hatte, stellte ich fest, dass das Bild, das in Polen offiziell verbreitet wird, nicht der Wahrheit entspricht.“
Auffällig ist die Dramaturgie dieses Films mit ihren teilweise rasanten Orts- und Zeitsprüngen. Es wird zum Teil radikal episodisch erzählt. Das ist durchaus riskant, weil der Film trotzdem emotional zusammenhalten muss, was Kwieciński aber gelingt.
Wie haben Sie diese Struktur entwickelt? War sie bereits im Drehbuch so präzise gebaut oder ist vieles erst im Schnitt entstanden?
Michał Kwieciński:
„Das war im Drehbuch absolut so geplant, denn ich wollte damit auch Chopins Wesen zum Ausdruck bringen – diese geradezu vibrierende, sehr dynamische Natur. Etwas, das mich schon bei den ersten Dokumenten über Chopin überraschte und das auch aus Briefen und den darin enthaltenen Beschreibungen seiner Person hervorging, war, dass er sehr schnell ging. Das war eines der ersten Dinge, die meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Denn Chopin verbindet man normalerweise mit jemandem, der sich eher langsam bewegt, mit einem kränklichen Menschen. Dabei war er eine außerordentlich dynamische Persönlichkeit.“
Und mit Eryk Kulm erleben wir im Kino genau diesen Chopin, der konsequent gegen die Klischees, intensiv und mit der Aura eines Popstars, sowohl leidenschaftlich als auch exzentrisch auftritt.
Wie kam es zu dieser Besetzung?
Michał Kwieciński:
„Mit Eryk Kulm verbindet mich schon seit einigen Jahren eine künstlerische Zusammenarbeit. Er hat in meinem Film FILIP die Hauptrolle gespielt – einem Film, der übrigens vollständig auf Deutsch gedreht wurde. Seitdem sind wir auch befreundet. Als ich über meinen nächsten Film nachdachte, hat er mich gewissermaßen dazu inspiriert, diesen Film über Chopin tatsächlich zu drehen, denn bis dahin war es eher eine vage Idee. Und plötzlich begegnet mir ein Schauspieler, der schon seit seinem neunten Lebensjahr Chopins Musik spielt. Ich kann mir einen Musikfilm einfach nicht vorstellen – obwohl solche Filme leider immer noch gemacht werden – bei dem die Hände des Schauspielers durch die Hände eines Pianisten ersetzt werden. Für mich ist das vollkommen unecht: Man sieht die Hände eines anderen Pianisten, während der Schauspieler, der den Pianisten verkörpert, nur so tut, als würde er spielen. Deshalb war mir bei diesem Film diese vollständige Authentizität so wichtig: Der Schauspieler spielt die Rolle – und er spielt tatsächlich selbst Klavier. Das besitzt einen ganz anderen künstlerischen Wert, auch für die Gestaltung der Rolle durch den Schauspieler selbst. Eryk Kulm erwies sich also als jemand, der für diese Rolle geradezu geschaffen war. Hinzu kam eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit, vielleicht auch etwas von Chopins Aura – zumindest so, wie wir uns vorstellen, dass Chopin ausgesehen hat. Es gibt also auch eine tatsächliche physische Ähnlichkeit.“
Und damit begannen die Arbeiten an einer der aufwändigsten Produktionen der polnischen Geschichte. Die Vorbereitungen dauerten über zwei Jahre und Michał Kwieciński versammelte über 260 Schauspieler, weitere 5000 Statisten und ein 600-köpfiges Filmteam. In Polen, Frankreich und Spanien wurden Sets gebaut, die mit 300 historischen Fahrzeugen wie Kutschen, Postwagen und Bussen befahren wurden. Es gab über 1000 Kostüme, darunter 600 Schuhe, 200 Zylinder und unzählige weitere Accessoires und Ausstattungsstücke.
Was dabei besonders beeindruckt, ist die enorme Authentizität dieser Chopin-Welt. Die Kutschen wirken tatsächlich benutzt, die Kleidung nicht wie frisch aus der Kostümschneiderei, und auch die Interieurs sehen bewohnt und nicht museal dekoriert aus. Dazu kommen enorm aufwendige Massenszenen.
Wie wichtig war Ihnen dieses Gefühl einer tatsächlich lebendigen Vergangenheit?
Michał Kwieciński:
„Das ist eine sehr gute Beobachtung. Genau darauf kam es mir von Anbeginn sehr an. Ich wollte versuchen, dem Zuschauer diese damalige Welt wirklich nahezubringen. Ich habe mich dabei vor allem auf die Bilder des französischen Malers Louis-Léopold Boilly gestützt, der gewissermaßen der „Fotograf“ seiner Zeit war – nur dass er eben Ölgemälde malte. Was mich daran besonders überraschte, war diese multikulturelle Gesellschaft, dieses Chaos, dieses Bild von Paris, in dem so viele unterschiedliche Welten gleichzeitig aufeinandertrafen. Genau das wollte ich im Film zeigen – und auch eine gewisse Wahrheit vermitteln: Chopin hat mit Sicherheit nicht in völliger Stille komponiert. Chopin komponierte im Lärm, umgeben von teilweise sehr störenden Geräuschen. So klang diese Welt damals einfach... Deshalb war mir diese Wahrhaftigkeit sehr wichtig – jedenfalls so, wie ich mir diese Epoche vorstellen kann.“
Was für ein Mensch war dieser Chopin in Ihren Augen? Perfektionist? Diva? Ein sehr geschickter Selbstvermarkter? Oder hängt manches von seiner Ungeduld auch mit der Krankheit und dem Bewusstsein einer möglicherweise begrenzten Lebenszeit zusammen?
Michał Kwieciński:
„Alles, was Sie gerade gesagt haben, trifft gleichzeitig auf ihn zu. Er war einerseits eine Diva, andererseits aber auch jemand, der finanziell durchs Leben kommen musste. Insofern war er durchaus geschickt. Vor allem lebte er jedoch von seinem Unterricht. Er war ein absoluter Perfektionist. Bei seinen eigenen Kompositionen ließ er nicht eine einzige Note einfach durchgehen. Aus existenziellen Gründen kam es allerdings vor, dass er kleine musikalische Geschenke für verschiedene Verehrer oder Verehrerinnen schrieb. Er erlaubte aber niemals, dass diese Stücke veröffentlicht wurden. Für die Nachwelt wollte er ausschließlich das erhalten, was tatsächlich veröffentlicht worden war. Nur diese Werke betrachtete er als wirklich vollendet, nur für sie übernahm er vollständig die Verantwortung. Alles andere verbrannte er – etwa 120 Stücke kurz vor seinem Tod.“
Sie präsentieren Chopin in Paris geradezu als Popstar. Kann man das so sagen?
Michał Kwieciński:
„Ja, genau darauf kam es mir an. Er war tatsächlich so etwas wie der damalige Star. Er war enorm populär. Frauen fielen in Ohnmacht – übrigens nicht nur seinetwegen, sondern auch wegen Liszt, seines engen Freundes. Chopin erfreute sich einer unglaublichen Popularität. Auf den Straßen wurde er von reichen wie von armen Menschen erkannt, und man verlangte Autogramme von ihm. Er war in Paris eine äußerst bekannte und wiedererkennbare Persönlichkeit – vergleichbar mit den Stars unserer heutigen Popkultur.“
Franz Liszt wirkt als interessanter Gegenpol zu Chopin. Bei ihm scheint das öffentliche Auftreten, die Virtuosität, das Ereignis des Konzerts viel stärker im Vordergrund zu stehen. Wo liegt für Sie der entscheidende Unterschied zwischen den Freunden?
Michał Kwieciński:
„Für Liszt war es vor allem wichtig, dem Publikum zu gefallen. Chopin dagegen hatte durchaus Schwierigkeiten damit, das Publikum zu verführen – obwohl auch er es verführte, nur auf eine völlig andere Art. Vereinfacht gesagt: Liszt war extrovertiert, Chopin introvertiert. Ich glaube, der entscheidende Unterschied lag tatsächlich in ihren Charakteren. Und noch etwas war sehr wichtig: Liszt war körperlich sehr vital. Er hatte unzählige Frauen, zahlreiche Affären und war ein sehr kraftvoller, ausgesprochen männlicher Künstlertyp. Chopin dagegen war zunehmend körperlich schwach und hatte enorme gesundheitliche Probleme. Bis zu einem gewissen Punkt ergänzten sich die beiden wunderbar. Liszt war für Chopin sogar eine Art Wegweiser in verschiedenen ganz praktischen Lebensfragen. Später zerbrach das jedoch auch an diesem großen Unterschied in ihrer körperlichen Verfassung.
Chopin schrieb Liszt einmal einen sehr langen Brief. Darin sagte er ihm, wie sehr er es bedauere, dass Liszt sich als Komponist so sehr verzettele, weil er unbedingt gefallen wolle. Als Freund hielt er ihm darin all seine Schwächen vor und sagte sinngemäß: Wenn du dich nicht zusammenreißt, wird deine Musik keinen Bestand haben. Sie wird nur Musik für den Augenblick sein.“
Und gerade beim Thema Musik gibt es in diesem Film eine faszinierende Trennung: Chopins Musik existiert innerhalb der historischen Welt – wenn er am Klavier sitzt. Daneben steht eine deutlich moderne Filmmusik. Man könnte meinen, das müsste sich mit dem 19. Jahrhundert beißen, aber es funktioniert erstaunlich gut.
Michał Kwieciński:
„Am Anfang suchte ich nach einer sehr klassischen musikalischen Lösung. Ich bat mehrere Komponisten – es war beinahe eine Art Wettbewerb – eine klassische, illustrierende Filmmusik zu schreiben. Aber im Vergleich mit Chopins Musik klang das einfach billig. Es funktionierte überhaupt nicht.
Dann wurde mir klar, dass diese Musik Techno sein musste. Das ist für mich keine elektronische Musik, sondern eben Techno – und sein Rhythmus ist der Rhythmus des Herzens. Der Techno-Beat ist im Grunde dieses Pulsieren des Herzens.
Deshalb passt diese Musik so gut: Sie vermittelt den Herzschlag, statt die Ereignisse einfach nur musikalisch zu illustrieren. Natürlich nehmen wir das eher unterbewusst wahr.“
Und dieses intensiv schlagende Herz Chopins konnte, schwer erkrankt, bald nicht mehr. Er starb im Alter von nur 39 Jahren.
CHOPIN - EINE SONATE IN PARIS läuft ab dem 22. Oktober in den Kinos.













