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BEHEMOTH! Stücke eines Lebens

neu im Kino

Philipp Teubner

Mit der richtigen Musik kann ein Film zum Meisterwerk werden. Schon George Lucas sagte einmal, dass der Soundtrack 50 % des Kinoerlebnisses ausmacht. In diesem Film wird anhand der Geschichte des Cellisten Alex das ganze Spektrum an Möglichkeiten der Filmmusik erforscht. Und das Ergebnis ist zutiefst berührend, überraschend und teilweise ausgesprochen witzig.

Das ist ein ganz besonderer Musikfilm, ein Film nämlich über Musik im Film. Nun haben Film und Musik, als sich in der Zeit vollziehende Kunstwerke, ohnehin ein irgendwie geschwisterliches Verhältnis. Und wenn dieser Film, dessen Soundtrack von neun (!) Filmmusikern komponiert wurde, zudem eine sehens- und hörenswerte Geschichte erzählt, wird das tatsächlich eine „Liebeserklärung an die Filmmusik“.

Tony Gilroy (Buch & Regie):

„Wir alle haben schon unzählige Filme gesehen, all diese Vorstellungen und Aufführungen besucht und uns die unterschiedlichsten Dinge angeschaut. Und unser ganzes Leben lang war da immer auch die Musik. Aber es ist sehr gut möglich, dass man noch nie etwas darüber gesehen hat, woher diese Musik eigentlich kommt, wie sie entsteht, wie sie sich auf diesem Weg verändert, wer die Menschen sind, die sie erschaffen, und wie diese Menschen leben.

Dieser Film handelt von vielen Dingen. Aber in einer Hinsicht führt er uns in eine Welt, die schon immer Teil unseres Lebens war, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst gewesen wären.“

Wie ist es Ihnen gelungen, die Arbeit von neun verschiedenen Komponisten zum Behemoth!-Collective zusammenzuführen?

Tony Gilroy (Buch & Regie):

„Ich habe vor etwa 20 Jahren angefangen, Filmmusik auf genau den Studiobühnen einzuspielen, auf denen auch dieser Film spielt. Jedes Mal, wenn ich dort war, traf ich Musiker wieder, die ich über die Jahre kennengelernt hatte. Mich hat diese Welt schon immer sehr interessiert. Ich ging in diese Studios und dachte: Daraus muss sich doch ein Film machen lassen! Noch niemand hat einen Film darüber gedreht. Hier muss doch ein Film drinstecken!

Als ich das Drehbuch fertiggestellt hatte, gab es darin neun unterschiedliche musikalische Quellen. Natürlich hätte ich einen einzigen Komponisten beauftragen können, der dann jedes Mal in eine andere Rolle schlüpft und einen anderen musikalischen Stil annimmt. Und diese Vorstellung gefiel mir nicht. Wenn ich also mehr als einen Komponisten engagieren wollte, mussten es tatsächlich neun sein.

Vom kreativen Standpunkt aus war das ein bisschen wie die Besetzung von Schauspielrollen. In gewisser Weise war es sogar eine Art Typecasting: Man besetzt jemanden ganz bewusst mit einer Aufgabe, die besonders gut zu ihm passt. Oscarpreisträger Michael Giacchino würde z. B. die Musik für die Zeichentricksequenz schreiben, Brandon Roberts die Swing-Musik und Alan Silvestri die große Raubüberfall-Sequenz am Ende.“

Der Film beginnt im Aufnahmestudio bei den Arbeiten an einer Filmmusik, die dann gleichzeitig auch die Musik für die erste Szene in BEHEMOTH! wird. Wir begleiten den Protagonisten Alex, einen Cellisten, gespielt von Pedro Pascal („The Mandalorian“). Aufnahme für Aufnahme entstehen Zeitreisen durch sein unstetes Leben. 

Alex kommt aus einer traditionell musikalischen Familie. Der Großvater war ein legendärer Trompeter, der bei Musikaufnahmen der Legende nach beim Spielen des hohen C verstarb. Der Vater war Hornist und später Komponist und die Mutter, eine international gefragte Harfenistin. Alex’ Bruder spielte Bratsche, rebellierte aber und gründete eine Rockband. Eine zwar musikalische, doch ziemlich dysfunktionale Familie…

Alex schließlich trat schon mit sechs Jahren in einer Show auf, kam aufs Konservatorium, wurde Konzertmusiker und ist ein weltweit gefragter und gefeierter Cellist. Nach Jahren internationaler Karriere und diversen gescheiterten Beziehungen kehrt er nun nach LA zurück, um mit den Aufnahmen für Filmmusik genug Geld zu verdienen, um seine todkranke Mutter zu versorgen.

Neben Pedro Pascal als begnadeten Cellisten agiert die blutjunge Alexa Swinton („Maestro“, 2023) als musikalisches Wunderkind Viviana. Sie soll den Soundtrack eines Films retten und vielleicht wird sie auch Alex retten…

Was bedeutet es, ein musikalisches Wunderkind auf diesem Level zu spielen?

Alexa Swinton (Viviana):

„Ich habe einen musikalischen Hintergrund. Ich singe eigentlich schon mein ganzes Leben, und ich spiele Klavier. Allerdings hat mich das überhaupt nicht darauf vorbereitet, eine Art musikalisches Genie zu verkörpern. Ich glaube, ganz gleich, wie viel Klavier man spielt oder welches Instrument man beherrscht: Ein Mensch zu sein, der vollkommen mit seiner Musik verschmelzen kann, ist noch einmal etwas völlig anderes. Ich denke, dass die Gehirne der Menschen auf unterschiedliche Weise funktionieren und dass sie ganz unterschiedliche Zugänge zu verschiedenen Kunstformen oder Tätigkeiten finden. Für manche Menschen ist das eben die Musik. 

In diese Welt der musikalischen Genies einzutauchen, von ihnen umgeben zu sein, auch durch das Behemoth!-Collective – Menschen, die buchstäblich in Noten denken können – das war etwas völlig Neues für mich. Ich kann das kaum in Worte fassen. Ich musste mich in jemanden hineinversetzen, der diese völlig andere Sprache nicht nur beherrscht, sondern sie lebt und atmet.“

Wie war die Zusammenarbeit mit Pedro Pascal? Und wie überzeugend hat er aus Ihrer Sicht das Cellospiel gemeistert?

Alexa Swinton (Viviana):

„Die Zusammenarbeit mit Pedro war etwas Wunderschönes. Als ich ihn zum ersten Mal getroffen habe, war ich ehrlich gesagt ziemlich eingeschüchtert und hatte auch ein bisschen Angst. Ich dachte: Das ist also der Mann, mit dem ich jetzt zusammenarbeiten werde? Wir haben uns am ersten Drehtag kennengelernt und er ist einfach ein unglaublich netter Mensch. Als ich ihn zum zweiten Mal sah, übte er gerade dieses eigenwillige »Happy Birthday«. Im Film spielt er ja seine ganz eigene, unglaublich verspielte und humorvolle Version dieses Liedes. Und es war faszinierend zu sehen, wie intensiv er sich damit beschäftigte, wie viel er übte und wie sehr er versuchte, jede kleine Note und jede Bewegung zu perfektionieren. Das Cello gehörte am Set praktisch zu ihm. Für mich war es unglaublich beeindruckend, zu sehen, mit welchem Engagement er sich dem Cellospiel widmete. Und gleichzeitig hat mir das auch ein Gefühl von Freiheit gegeben. Ich dachte: Ich stehe hier mit jemandem vor der Kamera, der genauso sehr versucht, seine eigene Aufgabe zu verstehen, wie ich es versuche.“

Tony Gilroy (Buch & Regie):

„Als klar war, dass wir diesen Film machen wollten, musste alles sofort passieren. Pedro musste sich am nächsten Tag ein Cello besorgen. Die Zeit war nicht gerade auf unserer Seite. Und uns war klar, dass es ein bisschen wie in »Flucht in Ketten« ist. Man ist aneinandergefesselt und denkt sich: Na schön, dann verlieben wir uns besser ineinander! Und genau das ist tatsächlich passiert. Und zwar auf eine ganz aufrichtige Weise, so wie man sich eine Beziehung zu jemandem wünscht, auf den man sich vollkommen verlassen können muss. Schauspieler sind auf ihre Regisseure angewiesen. Sie verlassen sich darauf, dass man die richtigen Takes auswählt und eine angenehme, sichere Arbeitsatmosphäre schafft. Aber diese Beziehung beruht auf Gegenseitigkeit. Für mich steht und fällt alles mit dem, was Pedro vor der Kamera macht.“

Pedro Pascal (Alex):

„Ich bin noch nie zu einer solchen Partnerschaft eingeladen worden, wie Tony sie mir angeboten hat. Dieses Vertrauen, das ich gespürt habe, war gewissermaßen mein Sauerstoff. Er ist ein brillanter Autor und als Regisseur ist er genauso brillant. Meine Beziehung zu Tony war deshalb tatsächlich so etwas wie meine Musik für diesen Film. Sie war alles, woran ich mich festhalten konnte.

Dieses erzählerische Puzzle war für mich eine bewegende Erfahrung. Gleichzeitig enthielt diese kreative und faszinierende Konstruktion, die Tony als Autor geschaffen hatte, aber auch sämtliche Antworten, die man braucht, um Alex verstehen zu können. Ich verstand nicht sein Talent, wohl aber seine Beziehung zur Sprache der Musik und zu seinem Instrument.“

Wie haben Sie diese „Liebeserklärung zur Filmmusik“ während der Dreharbeiten erlebt?

Alexa Swinton (Viviana):

„Wir haben auf der Barbra Streisand Scoring Stage gedreht, wo schon unglaublich viele Musikstücke wie beispielsweise »Somewhere Over the Rainbow« aufgenommen wurden. Und ich glaube, das kann man an diesem Ort wirklich spüren.

Tony Gilroy hat mir einmal gesagt, dass es sich so anfühlte, als wäre der ganze Raum voller Musik. Und genau so war es. Dass ich den Großteil meiner Szenen an diesem Ort drehen durfte, war etwas ganz Besonderes. Dadurch konnte ich ein Gefühl für die Welt der Filmmusikkomposition in Los Angeles bekommen.

Für die Szene, in der ich das gesamte Orchester dirigiere, habe ich mit einer großen Zahl von Musikern zusammengearbeitet. Es ist etwas ganz Besonderes, Menschen zu erleben, die so sehr darauf vertrauen, dass ihre Kunstfertigkeit und ihre Liebe zur Musik sie tragen werden. Einige von ihnen haben mir sogar gesagt, dass ich, falls ich irgendwann nicht mehr schauspielern möchte, eine Karriere als Dirigentin versuchen könnte.“

Tony Gilroy („Michael Clayton“, 2007) ist mit diesem Film ein durchaus unkonventionelles und unterhaltsames Kinostück gelungen. Zwischen virtuos choreografierten Sequenzen in den Aufnahmestudios und Hügeln von Los Angeles und vielen überraschenden Episoden aus Alex’ Leben erlebt man, was in Film und Filmmusik so möglich ist.

Was bedeutet Film für Sie?

Alexa Swinton (Viviana):

„Ich bin in dieser Welt aufgewachsen und habe sie immer geliebt. Aber selbst zu jemandem zu werden, der Filme und das Kino wirklich zu schätzen weiß, ist noch einmal etwas ganz anderes. In den vergangenen Jahren habe ich mich ganz bewusst dieser Kunst verschrieben.

Ich glaube, gerade in unserer Welt des Jahres 2026, in der sich die Menschen zunehmend vom wirklichen, anspruchsvollen Kino abwenden, von Filmen, die sich Zeit nehmen, und stattdessen ihre 30-Sekunden-Reels auf dem Handy anschauen, ist es unglaublich wichtig, weiterhin in die Kinos zu gehen und Filme wertzuschätzen. Besonders Filme wie BEHEMOTH!, die nicht einfach versuchen, den konventionellen Formen des Kinos zu entsprechen. Die nicht bloß den vorgegebenen Wegen folgen.

Ich glaube, diese Art von Kino müssen wir unterstützen. Wir müssen dafür sorgen, dass es weiterhin existiert. Denn es ist unglaublich wichtig, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, solche Filme zu sehen, und dass diese Art des Filmemachens weiterlebt.“

BEHEMOTH! startet am 3. Dezember in den Kinos.

 

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