Für das Menschenrecht auf Frieden, Arbeit und Bildung
Redebeitrag von Thomas Bailly auf der Berliner Ostermarschkundgebung 1983
Für das Menschenrecht auf Frieden, Arbeit und Bildung lautet unsere Losung des diesjährigen Ostermarsches.
In diesem Zusammenhang steht die Hauptforderung der vielen teilnehmenden Organisationen:
„Gegen NATO-Aufrüstung“
„1983 darf kein Raketenjahr werden“
Selbstverständlich ist unser aller Ziel und ich betone das noch mal: Wir wollen gar keine Raketen! Weder im Westen, noch im Osten! Nirgendwo!
Mit der geplanten Stationierung der neuen US-Mittelstreckenraketen soll aber erstmalig ein Waffensystem eingeführt werden, mit dem die USA einen Erstschlag führen könnte. Ich sage bewusst könnte, aber schon die Möglichkeit zum Erstschlag würde uns einem atomaren Inferno näher bringen.
Allein schon die Überlegungen einiger US-Militärstrategen, solch einen Erstschlag führen zu können, oder die Bereitschaft dazu, zeugen von abgrundtiefer Unmoral und Verantwortungslosigkeit. Darum sagen wir:
Keine Stationierung von Pershing II!
Keine Stationierung von Cruise Missiles,
weder in der Bundesrepublik noch anderswo!
Nun sprach Mr. Reagan von einer so genannten Zwischenlösung. Ich frage Euch nun: Seid Ihr mit der Stationierung von etwas weniger Pershing einverstanden!
Wir lassen uns auf keine faulen Kompromisse ein, Mr. Reagan.
Keine einzige Pershing und keine einzige Cruise Missiles wollen wir!
Und falls Sie noch mehr Tricks drauf haben, um einige Bürger verwirren zu wollen. Trotz CDU-Mehrheit kauft unser Volk Ihnen nicht alles ab! Es erkennt genau, worum es Ihnen und Ihrer immer kleiner werdenden Gefolgschaft dabei geht.
Sie wollen, Mr. Präsident (wie Sie selbst oft sagten) militärisch Weltmacht Nr.1 werden. Um jeden Preis. Sogar um den Preis, Europa in eine atomare Wüste zu verwandeln.
Liebe Freunde!
In den bezirklichen Friedensinitiativen unserer Stadt arbeiten viele Organisationen trotz weltanschaulicher Unterschiede, für die Erhaltung des Friedens eng zusammen. Sozialdemokraten, Alternative, Christen, Kommunisten und Liberale. In einigen Städten der Bundesrepublik sogar CDU-Mitglieder! So spricht auf einer Ostermarschkundgebung in Köln das CDU-Mitglied Franz Alt.
In den Friedensinitiativen arbeiten aber auch ebenso viele unorganisierte Bürger, die auch aus allen sozialen Schichten und Berufsgruppen kommen. Arbeiter, Angestellte, Beamte, Studenten, Schüler, Hausfrauen und Selbstständige. Mit diesem breiten Bündnis war es bisher möglich, Erfolge in unserer Friedensarbeit zu erzielen.
Ich erinnere dabei an die vielen Demonstranten hier in unserer Stadt, aber auch in vielen anderen Städten. Dieses breite Bündnis aller friedliebenden Menschen müssen wir erhalten und erweitern.
Wenn Herr Lummer oder Herr Spranger von kommunistischer Unterwanderung sprechen, so ist das ein erneuter Versuch, die Friedensbewegung zu spalten und mit antikommunistischen Thesen Angstmacherei zu betreiben. Kommunisten gehören in die Friedensbewegung wie alle anderen Kräfte! Der Atomtod macht letztendlich keine ideologischen Unterschiede.
Aber sicher bereitet es Leuten wie Lummer und Spranger Unbehagen, dass gerade die Kommunisten und auch Staaten wie die DDR die Initiative Schwedens, zur Schaffung einer atomwaffen-freien Zone in Europa nicht nur unterstützen, sondern auch bereit sind, diesen Vorschlag zu erweitern. In einigen Friedensinitiativen laufen auch Kampagnen in diese Richtung: Schaffung von atomwaffenfreien Zonen hier bei uns als symbolischer Akt der Verweigerung.
Viele tausend Bürger haben diese Kampagne unterschrieben und es werden täglich mehr. Damit erklären sie, dass sie keine Atomwaffen wollen, jegliche Stationierung oder anderweitige Unterstützung ablehnen und von Atomwaffen nicht vernichtet werden wollen.
Der erste atomwaffenfreie Bezirk unserer Stadt soll der Bezirk Kreuzberg sein, der am 27.4. in der BVV darüber beschließen wird. Hoffen wir, dass diesem vernünftigen Schritt alle Bezirke nachkommen werden. Sie würden zusammen mit vielen Städten in Europa, die dies schon getan haben, einen weiteren Beitrag zu Friedenssicherung leisten. Unterstützt die Arbeit der bezirklichen Friedensinitiativen, damit wir noch mehr Bürger für unseren Friedenskampf gewinnen können!
Liebe Freunde!
In den letzten Tagen griffen wieder einige Leute in die eingestaubte Kalte-Kriegs-Kiste und meinten es wäre Geschichtsverfälschung, dass wir hier auf diesem Platz unsere Kundgebung abhalten. Ich weise dies mit Entschiedenheit zurück!
Sicher gibt es unterschiedliche Auffassungen zum Luftbrückendenkmal. Wir respektieren dieses Symbol, aber weil wir 1948 „Rosinen“ erhielten, kann heute keiner verlangen, dass wir in devoter Haltung die US-Raketen begrüßen. Im Gegenteil! Wer sich nicht auch an diesem Ort gegen die Stationierung ausspricht, handelt verantwortungslos!
Er richtet sich damit auch gegen die Mehrheit des amerikanischen Volkes! Denn die Mehrzahl der US-Bürger ist gegen die aggressive Rüstungspolitik ihres Präsidenten und will Frieden.
In den 60er Jahren wollte man uns auch einreden, dass in Vietnam die Freiheit Berlins verteidigt wird und entschuldigte damit napalmverbrannte Kinder und chemisch entlaubte Wälder. Welch eine Moral. Soll dieser Geist etwa wieder aufleben?
Sehen wir dieses Luftbrückendenkmal doch heute als ein Zeichen der Verbundenheit zwischen uns und der großen amerikanischen Friedensbewegung. Das wäre zeitgemäß und den Tatsachen angepasst.
Liebe Freunde!
1983 darf kein Raketenjahr werden!
Was können wir noch tun, um dieses zu verhindern? Wir haben zu 100.000 demonstriert, mehrere Millionen Unterschriften gesammelt und vieles mehr. Das sind alles Protestformen.
Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht.
Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht geschieht.
Wenn trotz Protestes stationiert werden soll, werden wir vom Protest zum Widerstand übergehen!
Gewaltfrei, aber mit aller Entschlossenheit!
Ich wiederhole: Gewaltfrei, aber mit aller Entschlossenheit!!
Unser und das Leben unserer Kinder ist gefährdet!
Damit finden wir uns nicht ab!
Lasst uns mit Zuversicht und Mut für eine friedliche Welt ohne Waffen kämpfen!
Stoppt die Nato-Aufrüstung!


