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Die Zeit, Nr. 32/2005

Im Westberliner Bezirk Reinickendorf trifft sich die Wahlalternative im »Roten Laden« der PDS. Wahlkampfvorbereitung, unter Teilnahme der PDS-Genossen. Fünf gelbe Rosen stehen auf dem Tisch. Das »lausige Lebensniveau« nach dem Alg-II-Regelsatz wird besprochen, das Elend des Sozialabbaus beschworen. Streit im Wahlkampf mit der PDS erwartet niemand. »Ich habe die Genossen gefragt, und sie haben nichts gegen mich«, meint Renate Herranen. In den Zigarettenpausen kommt Euphorie auf. Das Linksbündnis am Horizont, und Schröder kann dann gar nicht anders. Sonst kommt »die Olle«, die Merkel. Die da reden, sind keine Populisten, die nur von der Wut der Leute profitieren wollen. Sie wollen aufklären. Revolutionär oder im programmatischen Sinne radikal sind sie auch nicht. Was sie treibt, ist für die etablierten Parteien womöglich gefährlicher: das animierende Gefühl eines Aufbruchs, das Bewusstsein, für eine gesellschaftliche Veränderung zu stehen, die unterwegs ist. Sechzehn Leute haben sich versammelt. Alg-II-Empfänger sind darunter, aber aktiv sind andere, Selbstständige, beispielsweise Rainer Lorenz, 43, technischer Berater von Heizungsprojekten, der »an Oskar glaubt«; Blandine Rau, 39, freiberufliche Rentenberaterin; oder Peter Weigt, 38, Referent für Marketing und »alleinerziehender Vater«. Sie haben keine ausgeprägte »linke Geschichte« hinter sich, sind Kinder der Wut über die Agenda 2010, die zum ersten Mal richtig Politik machen.


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