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...tun, was möglich ist

Wir in Reinickendorf • 9/2009

Das restaurierte Tegeler oder auch Humboldt-Schloss; Foto: Jürgen Schimrock

Alexander von Humboldt - Vorbild und Mutmacher

Anlässlich des Humboldt-Jahres 2009 besuchte der Kandidat der Reini­ckendorfer LINKEN zu den Bundes­tagswahlen, Felix Lederle, am 24. August das inzwischen wieder zugängliche Schloss Tegel. Nach einer Führung durch das seit 1776 im Hum­boldtschen Besitz befindliche Anwesen, besuchte er während eines Rundgangs durch den anliegenden Park auch die Ruhestätte der Familie Hum­­­­boldt.

Felix Lederle würdigte die unschätzbaren Leistungen der Brüder Humboldt und gedachte insbeson­dere Alexanders, dessen Todestag sich am 6. Mai zum 150. Mal gejährt hat. Dieser sei einer der ersten Kosmopoliten der Neuzeit und einer der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit. Er lebte und forschte in Hochachtung vor der Natur. Heute würden wir ihn im besten Wortsinne als Ökologen bezeichnen. Sein offenes Auftreten als Humanist gegen Sklaverei und Rassismus oder für eine allgemeine Bildung und sein vorurteilsfreier, interdisziplinärer Forscherdrang seien beispielhaft.

Das Vermächtnis Hum­­boldts gibt bis in die heutige Zeit Denkanstöße für eine moderne solidarische Gesellschaft. Seine Erkenntnis der Verantwortlichkeit menschlichen Wir­kens in der Natur und der Auswirkungen ökonomischen Han­delns auf die Umwelt liege zum Beispiel auch dem Bun­deswahl­pro­gramm der LINKEN zu­grun­de, wenn es um die Fragen der Globalisie­rung, der „einen Welt“, des Erhalts der Umwelt und des globalen Klimaschutzes geht. Als Aufklärer war Humboldt davon überzeugt, dass der Mensch qua seiner Vernunft seine Umwelt positiv gestalten kann. Diese Grundüberzeugung teilt auch DIE LINKE, die immer vor blindem Markt­­ver­trauen gewarnt hat und in der gegenwärtigen Krise entschlossenes politisches Gegensteuern und verbindliche Regeln einfordert.

Das weltweit bewunderte Wirken der Humboldt-Brüder hat dem heutigen Berliner Stadtteil Tegel namentlich einen beständigen Platz in Geschichte, Wissenschaft und Literatur gesichert. Um so enttäuschender sei es, so Felix Lederle, dass bis­lang keine Aktivitäten des Reini­ckendor­fer Bezirksamtes oder der BVV zur Würdigung der Brüder im Humboldt-Jahr unternommen wurden. Das kosmopolitische, humani­stische und ökologische Gedankengut eines Alexander von Hum­boldt darf nie in Vergessenheit geraten.

„Humboldt überschüttet uns mit geistigen Schätzen“, sagte Goethe über ihn. Be­zirks­po­litik und Verwaltung stehen in der Pflicht, diese „Schätze“ für die Bürger weiter bekannt und verfügbar zu machen, kritischem und neugierigem Geist in unserer Gesellschaft ein Beispiel zu geben.

DIE LINKE wird nachfragen, warum Be­zirks­­amt und BVV das Hum­boldt-Jahr verschlafen.

Jürgen Schimrock

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Betrachtung zum Humboldt-Jahr

„Der Mensch muss das Gute und Große wollen, das Übrige hängt vom Schicksal ab...“

Positiv besetze Attribute, die man Alexander von Humboldt, dessen Todestag sich am 6. Mai 2009 zum 150. Mal jährte, in Verbindung bringt, gibt es viele: Vorbild, Weltbürger, Humanist, wissenschaftliches Universalgenie, Sprachtalent, Talentförderer, Volksbildner - in erster Linie aber Menschenfreund und ökologischer Vordenker, in diesem Sinne Mutmacher.

Zuviel der Lorbeeren für einen Menschen? Man kann ihm wohl, in seiner historischen Einzigartigkeit mit wenigen Stichpunkten kaum gerecht werden. Humboldt, in vielerlei Hinsicht Anreger und Vermittler, immer wieder Entdecker und Vordenker, versuchte in Zusammenhängen zu denken und zu forschen. Die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur und, viel entscheidender, innerhalb der Natur, waren für ihn interessant. Die „Einheit der Natur“, „als bewegtes und gelebtes Ganzes“, und als eine allgemeine Verkettung nicht in einfach linearer Richtung, „sondern in netzartig verschlungenem Gewebe“ war für ihn das „gemeinsame Band“, das „die ganze organische Natur umschließt“.

Humboldt, der Vielbewegte und Rastlose, war nur glücklich, wenn er „etwas Neues unternehmen“ konnte, „und zwar drei Sachen mit einem Mal“. Er wusste, dass er seinem „großen Werk über die Natur nicht gewachsen war“, hielt es aber für besser, „etwas zu leisten, als nichts zu versuchen, weil man nicht alles leisten kann“. Seine eigenen Leistungen sah er nie als etwas Endgültiges, sondern als Stufe zu weiteren, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Mit seinem vorurteilsfreien Denken war er seiner Zeit weit voraus. Klassenunterschiede zählten für ihn wenig. Für Antisemitismus hatte er kein Verständnis. Was heute Rassismus heißt, war Humboldt fremd. Kolonialherrschaft und Sklaverei gingen ihm gegen den Strich. Doch es gab natürlichauch Widersprüchlichkeiten in seinem Wesen. Trotz seiner liberalen und demokratischen Überzeugungen stand Humboldt den preußischen Königen Friedrich Wilhelm III. und IV. nahe. Und dabei ging es nicht allein um seine fürstliche Entlohnung als königlicher Kammerherr und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Die konstitutionelle Monarchie war sicher sein Ideal eines Staatswesens. Er wurde zwar früh zum Königlichen Berater (Kammerherr) berufen, sah diese Tätigkeit aber eher als Finanzierungsquelle für seine hohen Ausgaben, die sein aufwendiges Leben erforderten. Dabei erforderte sie seine regelmäßige Anwesenheit in der „Sandwüste“ Berlin.

Ist den Chronisten, Biographen und Zeitgenossen zu glauben – und das tut man gern -, gehören beide, die Brüder von Humboldt, Alexander und Wilhelm, zu den herausragenden historischen Persönlichkeiten, die, in Berlin geboren, in Tegeler Schloss aufgewachsen, ihre unmittelbare Umgebung und die Nachwelt außerordentliche geprägt haben.

Insbesondere aber Alexander, der Jüngere, - Wilhelm glänzte eher als Staatsmann, Sprachwissenschaftler und fortschrittlicher Bildungspolitiker - überwand in seinem Denken alle geographischen und politischen Grenzen, war im besten Sinne eine globale Persönlichkeit. Er dachte und handelte politisch, auch wenn dies nie sein Hauptinteresse war, seine Forschertätigkeit war von sozialer Verantwortung und Humanismus geprägt: „Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt.“

Bekannt war er mit Goethe („Humboldt überschüttet uns mit geistigen Schätzen ... Er gleicht einem Brunnen mit vielen röhren, wo man nur überall Gefäße unterzuhalten braucht und wo es immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt.“), Schiller, Darwin, und vielen anderen, vielleicht den meisten bedeutenden Wissenschaftlern seiner Zeit. Getroffen hat er sich u. a.mit Simon Bolivar, dem US-Präsidenten Jefferson und Zar Nikolaus I., um Hegel machte er einen Bogen, konnte mit dessen „Naturphilosophie“ nichts anfangen. Nach ihm sind der Humboldtstrom, weltweit Dutzende Orte, Gegenstände und Gebäude benannt. Als Forschungsreisender in Venezuela, Ecuador, Kolumbien, Mexiko, Kuba, Russland (bis zur chinesischen Grenze und dem Kaspischen Meer) errang er in schon in jungen Jahren Weltruhm, setzte immer wieder Maßstäbe in systematischer Forschungsarbeit - „...man drängt durch jegliche Zivilisationsschicht immer in eine frühere.“

Humboldts Generalthema, die „Zusammenschau des Naturganzen“ erschloss er sich durch aktives Handeln, durch unbedingtes Erleiden des Gegebenen, der Neugier auf das Unbekannte. Er experimentierte mittels Selbstversuchen, machte Erfindungen, u. a. auf den Gebieten des Bergbaus, dem Düngewesen, der Elektrochemie.

Wegweisend steht sein Name auch, weil er an der von seinem Bruder Wilhelm 1811 gegründeten Berliner Universität (der heutigen Humboldt-Uni) und der Singakademie (heute Maxim-Gorki-Theater) kostenlose (!) Vorlesungen abhielt, die für alle sozialen Schichten offen waren. Dies entsprach seiner Vorstellung von einer offenen Netzwerk-Wissenschaft, die allen Menschen zugänglich sein sollte: „ Mit dem Wissen“, so Humboldt, „kommt das Denken, und mit dem Denken der Ernst und die Kraft in die Menge“. Er fühlte sich als Pädagoge, hatte Lust anderen etwas beizubringen, entwickelte z. B. das Berufsschulwesen, praktizierte selbst lebenslanges Lernen.

„Jeder muss den Mut der Überzeugung haben“

Bei der Ausarbeitung seiner zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen ließ er sich von Dritten beraten, nahm Anregungen Anderer Wissenschaftler bewusst und willentlich auf. Seine Arbeiten waren nicht endgültig, nicht abgeschlossen, sollten weiterentwickelt (heute würde man sagen: „upgedatet“) werden. „Die Werke sind nur gut, soweit sie bessere entstehen lassen“ (Humboldt zu Charles Darwin).

Als „Superstar“ würde Alexander trotzdem selbst in unserer heute stark medial geprägten Gesellschaft nur bedingt taugen – er hätte es nicht gewollt - war es wohl auch in seiner Zeit in diesem Sinne nicht. Auch dies macht ihn sympathisch, auch glaubwürdig. Wenn überhaupt, dann war die Wertschätzung, die ihm die Menschen, die ihn umgaben oder kannten, ein Gradmesser für seinen Ruhm als Wissenschaftler, darüber hinaus als Förderer des Nachwuchses und wissenschaftlichen Talenten.

Verfolgt man seine Biographie, seine Entwicklung als Mensch und Wissenschaftler - mit notwendigem Respekt und Abstand, aber auch mit emotionaler Wertschätzung - erscheint Alexander von Humboldt in vielerlei Hinsicht als Verkörperung linker Visionen, humanistischer und fortschrittlicher Programmatik. Als liberal-konservativer Sympathisant der Französischen Revolution , 1789, und später, 1848, auch der Deutschen, besaß er auch, bei allen natürlichen Widersprüchen in der Person, die Einsicht in die Notwendigkeit einer Neugestaltung der Verhältnisse.

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche sich die Welt nie angeschaut haben.“

Das Vermächtnis Humboldts gibt bis in die heutige Zeit Denkanstöße für eine moderne solidarische Gesellschaft. Seine Erkenntnis der Verantwortlichkeit menschlichen Wirkens in der Natur und der Auswirkungen ökonomischen Handelns auf die Umwelt liege zum Beispiel auch dem Bundeswahlprogramm der LINKEN zugrunde, wenn es um die Fragen der Globalisierung, der „einen Welt“, des Erhalts der Umwelt und des globalen Klimaschutzes geht. Als Aufklärer war Humboldt davon überzeugt, dass der Mensch qua seiner Vernunft seine Umwelt positiv gestalten kann.

Diese Grundüberzeugung teilt auch DIE LINKE, die immer vor blindem Marktvertrauen gewarnt hat und in der gegenwärtigen Krise entschlossenes politisches Gegensteuern und verbindliche Regeln einfordert. Das weltweit bewunderte Wirken der Humboldt-Brüder hat dem heutigen Berliner Stadtteil Tegel namentlich einen beständigen Platz in Geschichte, Wissenschaft und Literatur gesichert“

Jürgen Schimrock


Alexander von Humboldt

geb. am 14. September 1769,

gest. am 6. Mai 1859

Reaktion aus dem Rathaus

 

WIR 11/2009

 

WIR 4/2010