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2. Standortkonferenz zur Nachnutzung des Flughafen Tegel

kommunalpolitische Themen • Flughafen Tegel

Am 1.7.2009 fand die 2. Standortkonferenz zur Nachnutzung des Flughafen Tegel - "Werkstatt TXL" in der Bambusallee, Top-Tegel statt

Fotos: Jürgen Schimrock

In ihrer Einführungsrede zur Vorstellung der „Werkstatt TXL“ regte Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer an, die „Marke Tegel“ mit Verstand, Gefühl und Weitsicht zu entwickeln. Insbesondere in Richtung der anwesenden IHK mahnte sie, die Nachnutzung (NN) TXL „als Herausforderung“ anzunehmen. „Offen für Neues sein, und nicht gleich fragen, was es kostet“, „eine neue Marke schaffen, die das Gefühl der Attraktivität mitvermittelt“. Ob eine verkehrstechnische Anbindung per Schwebebahn (statt U-Bahn) möglich sei, wäre eine der zu klärenden Fragen.

Anschließend stellten die sechs von der Senatsverwaltung eingeladenen Teams ihre ersten Entwürfe, Ideen und Gedanken vor. Diese waren erst am Vortag erstmals zusammengekommen. Flughafenarchitekt Prof. Meinhard von Gerkan stellte, als erstes Ergebnis einer vom Senat beauftragte Studie, mehrere Schautafeln aus, teils professionelle Entwürfen, gefertigt in erster Linie von 24 Stipendiaten der academy for architecture and culture (aac) und weiteren 20 Beteiligten.

Prof. v. Gerkan (Team 1) begann die Vortragreihe. Sein Motto: TXL+ - Showcase of an energy- plus-city, die Idee eines Prototyps einer Energie-Plus-Stadt. Der Abriss aller Immobilien würde ca. 270 Mio. Euro kosten, zuzüglich der Kosten wahrscheinlicher Kontaminierungsrisiken. Er stellt sich einen „Anlaufpunkt Nachhaltiges Bauen“ vor, als Chance für Berlin und die Welt.

Entstehen soll entlang der Startbahnen eine ca. drei Kilometer lange und 240 Meter breite Solarstadt, der feste Untergrund könnte für Freizeitaktivitäten genutzt werden, die Bepflanzung u. a. zur Gewinnung von Biogas. Das 1. (Terminal)-Sechseck soll weitgehend entkernt und belassen, d. h. energetisch nicht verändert werden. Ein zweites, neues Sechseck würde als „Photovoltaik-Farm“ entstehen. Konzipiert wird eine autofreie Stadt, die allenfalls durch Elektrofahrzeuge befahren würde.

Im 1. Sechseck könnte ein „Showroom der deutschen Umweltindustrie“ entstehen, mit einem „medialen Infoband“ als Bestandteil. Im Zentrum soll eine Konferenzfläche für 800 Plätze mit Photovoltaikdach neu entstehen, im Untergeschoss Parkplätze für 800 Fahrzeuge mit einer Elektro-Tankstelle. Die heutigen Flugzeug-Andockkabinen würden zu „Satelliten für das Wissen der Welt“.

Die weitgehend kostenlose Zurverfügungstellung durch das Land Berlin würde diesen „Zugewinn für Berlin“ attraktiv für innovative Investoren machen und das Angebot der Stadt abrunden.

Es folgten die weitere Teams, die sich ausnahmslos erst sehr zeitaufwendig anhand von Präferenzobjekten vorstellten und alle noch nicht sehr konkret waren. Daher dies nur in Stichworten.

Team 2

  • Motto: „Tegeler Lichtung“
  • „Vielfältige Horizonte“, Weite, Schichten
  • „Territorien der Bewegung“, Ströme, Sinne
  • „Open Source Systems“, Städte bauen, an Regionen orientieren
  • Waldränder, „bewohnter Wald“ im Süden am Terminal
  • Biotope, Flughafenrelikte integrieren
  • Schritt für Schritt Landschaftsbild entstehen lassen

Team 3 (West 8 aus Rotterdam und urban design & landscape architecture b.v., Referenz Ullsteinhaus mit Tempelhofer Hafen)

  • Rolle des öffentlichen Raumes betonen
  • „Großen Zusammenhang schaffen“
  • Freifläche für große Events (Expo, Olympia, Sport, Musik)
  • Drei Bereiche – Event/Freizeit/Sport - Unterteilung in sofort/temporär/permanent und subventioniert/organisiert/profitorientiert

Team 4

  • Motto: „TXL. coming home“
  • Landschaftsspiele und Insel, Verbindungen zum Wasser
  • “Broadacre-City (Schachbrett-Muster, Abwechslung)
  • “Kallus-Wachstum” bevorzugt
  • vorhandene Anbindungen weiter vernetzen, andocken
  • Terminal weiterdenken, Gebäude brauchen Freiraum, damit sie wirken können
  • urbane Landschaften „weiterdenken“
  • - Drei Phasen: 1. Terminal als Initialphase, 2. Landschaftsphase, 3. Stadtwerdung
  • „Tegel werden“

Team 5 (Cityförster, network of architecture),

  • Motto: „Testfeld Tegel“,
  • Definition der Aufgabe von Architektur
  • System- statt Strukturgestaltung
  • Nachhaltigkeit, Einfachheit, Freiheit
  • Nachhaltigkeit: ökologisch, ökonomisch, sozial, kulturell, ästhetisch entwickeln
  • Einfachheit: quantitativer Verzicht, qualitativer Gewinn
  • Freiheit: aus Freiheit von etwas, wird Freiheit zu etwas – empowerment

Team 6 (MVRDV/Topotek 1)

  • Motto: „Tegel Fields“
  • Gewerblich-industrielle Ansiedlung, Campus-Charakter
  • offenes Denken
  • nicht festschreiben, flexibel arbeiten
  • Gewerbe-Cluster in Parklandschaft 
  • Mehrfach-Nutzung
  • TXL – Umnutzung, Identität, Improvisation, ZeitRaum, Nutzungsmanagement
  • Nutzung als sukzessive Flächenfüllung

In der anschließenden Podiumsdiskussion äußerten die VertreterInnen

- des Bezirks: Schwebebahn nicht schlecht, dreiteilige Nutzung (Neue Energien, Natur, Gewerbe) denkbar

- der IHK: die Vorschläge des Team 6 nicht schlecht, für Gewerbe vorhalten, es gäbe genügend Interessenten, Zeitplan für Terminal-Planung okay, kein Bürokomplex, keine Einkaufstempel, denkbar wäre „Gefahren- oder eine 24-Std.-Nutzung“ (Zitat: Man sähe kein Gefahrenlager, weil es gut „verschanzt“ ist)

- von SenStadt: keine beliebige Nutzung des Areals, TXL ist internationaler Ort, vielleicht nicht alles von V. Gerkan umsetzen, aber hohen Anspruch entwickeln, Gewerbe- und Industrieflächen spielten sicher eine Rolle, Elektrofahrräder als Transportmittel bevorzugen

- des Bundes: Lob für schnellen, öffentlichen Prozess, drei große Fragen bewegen heutzutage Städte: der soziale und ökologische Zusammenhalt, der ökologische Umbau und das Nachdenken über eine post-fossile Mobilität, eine neue Qualität von Bewegung innerhalb der Stadt, man sollte das „Berliner Branding“ nutzen, moderne gewerbliche Forschung, die Stadt neu und nachhaltig weiterbauen.

- SenWirtschaft: große Potentiale für industrielle Kompetenzfelder, besonderes Augenmerk auf Verkehr, Biomasse und neue Energien, Senat diskutiert mit Unternehmern in Kompetenzgruppen, zwei verbleibende Jahre keine Zeit zum Ausruhen, freie, nicht genutzte Flächen für Radwege und moderne Industrien nutzen.

Gegen Ende wurde von SenStadt der Zeitplan für den angelaufenen Planungsprozess vorgestellt und erläutert. Ende des Jahres, im November 2009, sollen im Rahmen der 3. Standortkonferenz die Ergebnisse der sechs Architektenteams vorgestellt und anschließen in einem offenen Prozess diskutiert werden. Die Möglichkeit einer Ideeneinbringung durch die Bürgerinnen und Bürger soll zumindest im Rahmen des internet auf der homepage der Senatsverwaltung für Stadtplanung (dort per mail an: karen.hiort@senstadt.berlin.de oder isabel.koehne@senstadt.berlin.de ) gegeben werden.

Aus dem Publikum, u. a.:

NABU: Natur erhalten, Erholungspotential nutzen, auf Flora und Fauna achten, Reproduktion der Flächen einleiten

Verkehrsbund Deutschland: Erschließung über elektrogetriebene Schienenfahrzeuge, Straßenbahn, Zeitraum 2015-2020

Baustadtrat Spandau (CDU): Lob, Verfahren gut strukturiert, Fokus auf Arbeitsplätze und Gewerbe/Industrie, macht (als Einziger!) Werbung für CDU-Konzept (Solarkraftwerk, Biomasse, Industrie, Gewerbe)

Fazit: Prof. von Gerkan hat mit Verweisen auf Klimaschutz und ökologische Verantwortung erfolgreich eine „Duftmarke“ gesetzt, die Route vorgegeben, an der offenbar niemand mehr vorbei kommt. Die Zielvorgaben sind vergleichsweise hoch. Das ist gut so. Die LINKE sollte dies als Chance aufnehmen und deutlich ihr „grünes“, umweltpolitisches Profil in Verbindung mit ihrer systemkritischen Kompetenz stärken, eine vielleicht veränderte Prioritätensetzung nach außen in den politischen Raum tragen. Die inhaltliche und praktische Verknüpfung von Ökologie, Sozialem und Ökonomie wird am Projekt NN TXL deutlich und sollte durch die LINKE offensiv, mit eigenen Ideen und Vorschlägen, auf allen politischen Ebenen, mit Hinweis auf die Chancen für Berlin (Verkehr, Energiegewinnung und -versorgung, Lärmschutz) vertreten werden.

Notiert von Jürgen Schimrock

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