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Der "Stolper Stein"

Reinickendorf historisch

Im nördlichen Umland der Hauptstadt, bei Stolpe, steht ein Stein mitten im Wald. Kein erkennbarer Weg führt an diesen Ort. Wer dorthin gelangen will, muss sich vom Waldrand aus einige Meter durch die Büsche schlagen und steht plötzlich vor einem Stein mit der Inschrift:

Der Stolper Stein, Foto: Marion Lubina, 2002
illegale Kundgebung der Freien Jugend am 5.5.1918, Foto: Fritz Globig
50-Jahr-Feier 1968

„Am 5. Mai 1918
fand hier das Treffen
der fortschrittlichen
Jugend Berlins
gegen Militarismus
und Krieg statt.“

Kaum zu glauben, dass an dieser Stelle 1918 zweitausend Jugendliche Platz fanden. Am Alter der Bäume erkennt der Betrachter, dass hier eine Lichtung war.

Und richtig. Der Stein erinnert an ein illegales Treffen der Freien Jugend Groß-Berlin. Die antimilitaristische Organisation war gerade erst im April gegründet worden. Während die SPD und die Gewerkschaften trotz des Massensterbens an den Fronten „Burgfrieden“ hielten, wollte sich das „Menschenmaterial“ nicht mit seiner „geschichtlichen Mission“ für den „Platz an der Sonne“ abzufinden. Trotz polizeilicher Verbote und Verrat trafen sich über zweitausend Mädchen und Jungen im Wald bei Stolpe, um den 100. Geburtstag von Karl Marx zu feiern. Unter ihnen waren Deserteure von den Fronten des ersten Weltkrieges. Auf einer Lichtung setzten sie sich. Der ursprünglich vorgesehene Redner von der USPD, der über Karl Marx sprechen sollte, erschien nicht, da ihm die illegale Veranstaltung zu heiß wurde. Daraufhin ergreift Fritz Globig vom Vorstand der Freien Jugend das Wort. In seiner Ansprache rief er die Jugendlichen unter anderem auf:„Macht‘s wie die Russen! Nieder mit dem Krieg! Es lebe die Revolution!“

Plötzlich brachen zahlreiche Gendarmen in die Kundgebung ein, verhafteten einige Jugendliche und beschlagnahmten Fahnen. Die erregten Jugendlichen ließen die Verhafteten nicht im Stich, sondern begleiteten sie in geschlossenem Zuge bis nach Stolpe. Dort erzwangen sie deren Freilassung.

Aber wann und wie kam der Stein dorthin?

Im Oktober 1904 gründen sich zwei Arbeiterjugendvereine. In Berlin der „Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter“ und zeitgleich der „Verein jugendlicher Arbeiter Mannheim“. Beide Ereignisse werden als offizieller Beginn der organisierten Arbeiterjugendbewegung in Deutschland gewertet.
In der Bezirksjugendschule Bärenklau sieht sich die Schulleitung in dieser Tradition und sucht eine Möglichkeit, 1954 den 50. Jahrestag des Beginns der deutschen Arbeiterjugend würdig zu begehen. Im Oktober 1954 werden beide Ereignisse, der Beginn der organisierten Arbeiterjugendbewegung in Deutschland und das Treffen der Jugendlichen 1918 bei Stolpe mit der Einweihung des Steins zusammengeführt.

Das Denkzeichen selbst durchlebte Höhen und Tiefen. Großen Aufgeboten wie zum 150. Geburtstag von Karl Marx 1968 mit NVA-Ehrenposten, Fahnen und Kranzniederlegungen folgten Zeiten der absoluten Ruhe und Waldidylle. Zwischenzeitlich hatte man sogar vergessen, wann der Stein gesetzt wurde. 1988 zogen Schüler in den Wald, räumten Laub weg und kratzten Moos ab. Das „Neue Deutschland“ widmete dem Stein am 7. Mai 1988 eine ganze Seite, brachte Fritz Globigs Witwe Martha wieder nach Stolpe, konnte die Herkunft des Steins aber nicht klären.

Neue Erinnerungskultur

Seit 1993 wanderten jährlich im Monat Mai, organisiert durch örtliche PDS-Gruppen, interessierte Bürger, PDS-Mitglieder und Sympathisanten zum Stein. Im Jahr 2002 nahm sich der Arbeitskreis der PDS in Brandenburg und Berlin B96 / B96a des Steins an. Es soll und kann wieder einmal eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, Jung und Alt, Tradition und Neuem geschlagen werden. Am 5. Mai 2003 berichtet „Neues Deutschland“ darüber, und noch immer rätselt man darüber, wann der Stein nach Stolpe kam. Dies liest Max Speckhahn aus Nauen, ehemaliger Mitarbeiter an der Bezirksjugendschule „Conrad Blenkle“ in Bärenklau. Er kann die Fragen nach dem Woher und Warum des Steins beantworten, was man im ND vom 5.5.2004 nachlesen kann.

Und wieder schliefen die Wanderungen zum Stolper Stein ein. Daran will nun Marian Przybilla, Kreistagsabgeordneter in OHV und Stadtverordneter der LINKEN in Hohen Neuendorf, etwas ändern. Am 22. April 2012 machte die „nd“-Wanderung hier Station.

Bleibt zu hoffen, dass die Erinnerung diesmal länger hält und die Wanderungen zum 5. Mai wieder jährlich stattfinden.

Aus dem Polizeibericht 1918

"Aus dem ganzen Verhalten der Jugendlichen war zu schließen, daß in den Organisationen derselben in scharfer Weise agitiert wird."

gez. Bersuch Oberwachtmeister,
Oranienburg, den 9. Mai 1918

Fotos von den Gedenkfeiern

2002

2003

2004

2005

2016

2018

Flyer zu den PDS-Gedenken

2002

2003

2004